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Ulm
07.05.2022

Rigoletto-Premiere begeistert das Ulmer Publikum

Rigoletto (Dae-Hee Shin) will seine Tochter Gilda (Maryna Zubko) beschützen, ganz besonders vor den Avancen des lüsternen Herzogs von Mantua.
Foto: Jochen Klenk

Zwei Jahre verzögerte sich die Premiere des Rigoletto am Theater Ulm. Doch das Warten hat sich gelohnt. Die Inszenierung treibt das Ensemble zu Höchstleistungen an.

Gut zwei Jahre verstrichen aufgrund der Pandemie zwischen dem Termin der geplanten „Rigoletto“-Inszenierung von Hinrich Horstkotte am Theater Ulm und der tatsächlichen. Aber das Warten und das lange Einlagern des Bühnenbildes, das Siegfried E. Mayer für eine Oldenburger Inszenierung vor vier Jahren geschaffen hatte, hat sich mehr als gelohnt: Psychologisch und dramatisch durchdrungen bis ins kleinste Detail inszeniert Horstkotte im Großen Haus Verdis Meisterwerk als Emotion pur.

Im Ulmer Rigoletto wird das Publikum nicht geschont

Dieser Hofnarr Rigoletto ist keiner, der den Herrschenden den Spiegel vorhält. Er ist ein gewissenloses Rädchen in einer dekadenten, pervertiert-sexualisierten Hofgesellschaft, die ihre Orgien feiert. Diese Gesellschaft illustriert Hinrich Horstkotte, zugleich sein eigener Kostümbildner, als kämen sie optisch von einer Gothic-Party. Horstkotte schont das Publikum nicht, wenn es darum geht, was der Herzog von Mantua treibt, der über Frauenleichen geht. Die Töchter sozial niedriger Gestellter werden entehrt, um die Väter zu demütigen.

Rigoletto ist dabei nicht nur Helfer, sondern verspottet auch die Opfer seines Auftraggebers - solange es nicht seine eigene Tochter Gilda betrifft, die er in einem Zwischengeschoss des Palazzos vor der Welt verbirgt. In einer Art Münchhausen-by-proxy-Syndrom zwingt er die junge Frau in den Rollstuhl. Dieses Syndrom bezeichnet ein psychische Erkrankung, bei der Personen bei einem Dritten, oft das eigene Kind, Krankheiten vortäuschen, sodass die Betroffenen selbst an die Krankheit glauben.

Sängerin Zubko brilliert als Gilda

Rigolettos Ziel in der Ulmer Inszenierung: Gilda soll keinem Mann gefallen. Denn er kann seine Tochter nur lieben, wenn ihre Ehre gewahrt ist und sie jungfräulich bleibt. Natürlich muss der Narr scheitern – die absolute Kontrolle über Gilda kann ihm nicht gelingen, zumal es genügend Personen wie die Nonne Giovanna (Eleonora Halbert) gibt, die an des Herzogs Treiben verdienen.

Maryna Zubko brilliert in der Rolle der Gilda stimmlich wie schauspielerisch, singt traumwandlerisch sicher, ob im Rollstuhl oder auf dem Boden liegend. Ihr authentischer Wandel von der mädchenhaften Unschuld im weißen Kleidchen, das wie an ihren Körper gefesselt wirkt. Vom Staccato-Gesang, der an Kinderschritte erinnert, hin zur vergewaltigten und dennoch unmöglich liebenden Frau, ausgedrückt im Legato-Gesang, berührt und bringt das Publikum mehrfach spontan zu „Bravo!“-Rufen. Diese Gilda ist kein Opfer. Sie geht selbstbestimmt in den Tod.

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Rigoletto im Heinrich Himmler-Kostüm

Zubkos kongeniales Gegenüber ist Dae-Hee Shin als ambivalenter Rigoletto, der die väterlich-lyrischen Teile seiner Rolle ebenso nuanciert singt wie die gewissenlos-bösen, der mit "Pietà, pietà, Signori" um Gnade winselt und selbst keine Gnade kennt. Hinrich Horstkotte kleidet den körperlich missgestalteten Narren in eine Art Uniform, die nicht zufällig an Heinrich Himmler erinnert: Auch der Schreibtischtäter Himmler hielt sein verbrecherisches Tun vor Frau und Kind geheim und wurde als liebender Vater beschrieben.

Markus Francke zeigt als Herzog von Mantua ungewohnte Seiten, spielt den gefühllosen Lüstling überzeugend aus und unterwirft sich der Sado-Maso-Domina Maddalena (I-Chiao Shih) – und selbst der Gassenhauer „La donna è mobile“ schwelgt nicht, sondern gewinnt in der Inszenierung die Bedeutungstiefe der Frauenverachtung des Herzogs.

Was Hinrich Horstkottes Inszenierung heraushebt: Sie treibt jeden einzelnen der Akteure – das Philharmonische Orchester und Leitung von Levente Török, Solisten und Chor – zur Höchstleistung, weil ihre Dramatik emotional dicht, schlüssig und differenziert ist. Ein wesentliches Element dessen ist Siegfried E. Mayers aufwendiges Dreh-Bühnenbild. Dieser Abend ist eine Offenbarung, belohnt von stehenden Ovationen – und eine Ulm-Reise wert!

Info: Die nächsten Aufführungen am Theater Ulm sind am 12., 21., 25. und 29. Mai.

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