Startseite
Icon Pfeil nach unten
Neu-Ulm
Icon Pfeil nach unten
Weißenhorn
Icon Pfeil nach unten

Weißenhorner Orgelbauer: Martin Geßner gibt Einblick in seine besondere Arbeit

Weißenhorn

Er kennt die „Königin der Instrumente“ genau

  • |
  • |
  • |
  • |
    Orgelbauer Martin Gessner gibt Einblick in das Innenleben der Orgel in Niederstotzingen. Rund ein Jahr hat er an der Sanierung und Erweiterung des Instruments gearbeitet.
    Orgelbauer Martin Gessner gibt Einblick in das Innenleben der Orgel in Niederstotzingen. Rund ein Jahr hat er an der Sanierung und Erweiterung des Instruments gearbeitet. Foto: Franziska Wolfinger

    55 Jahre hat es gedauert, bis die Orgel in der katholischen Kirche in Niederstotzingen vollendet war. Das Instrument war zwar spielbar, aber blieb hinter den Möglichkeiten einer so großen Orgel zurück. Für den Weißenhorner Martin Geßner wurde die Fertigstellung dieser Orgel sein bisher umfangreichstes Projekt. Für den Orgelbauer war es auch eine Herzensangelegenheit, dieses Instrument gebührend zum Klingen zu bringen. Rund ein Jahr hat er daran gearbeitet.

    Der Weißenhorner Martin Geßner ist seit zwölf Jahren als selbstständiger Orgelbauer tätig. Zuvor war es als Intonateur und Chefintonateur bei anderen Werkstätten angestellt – unter anderem bei der Firma Link, die einst die Niederstotzinger Orgel gebaut hatte und die ihn im vergangenen Jahr bei dem Großprojekt unterstützt hat, indem er deren Werkstatträume mitnutzen konnte. Auch nach vielen Jahren im Job begeistert den 57-Jährigen die Arbeit mit der „Königin der Instrumente“. Spaß macht ihm die Arbeit zwar immer, aber manche Aufträge stechen doch hervor. Gern erinnert sich Geßner zum Beispiel an seine Mitarbeit bei der Sanierung der Passauer Domorgel – der größten Kirchenorgel der Welt.

    Wie Geßner zum Orgelbau kam? Eigentlich über einen kleinen Umweg. Das Erste, das ihn klanglich fasziniert hatte, waren eigentlich Kirchenglocken. Das Geläut verschiedener Kirchen hatte er als Bub sogar mit seinem Kassettenrecorder aufgezeichnet, erzählt er. In den Jugendjahren wuchs dann auch das Interesse an der Orgel. Das Spielen brachte Geßner sich selbst bei. „Mit sehr großem Zeitaufwand und einer Begeisterung, die bis heute nicht aufgehört hat“, sagt er. „Während andere in der Disco waren, saß ich an der Orgel.“

    „Als Handwerker sieht und hört man jeden Tag, was man geschafft hat“

    Nach dem Schulabschluss war für Geßner klar, dass er die Musik in irgendeiner Form zu seinem Beruf machen will. Es stellte sich nur die Frage, ob durch ein Studium oder eine Ausbildung. Auf Anraten seines Klavierlehrers entschied sich Martin Geßner für letzteres. Seine Orgelbaulehre begann er dann bei der Firma Riegner & Friedrich im oberbayerischen Hohenpeißenberg. Rückblickend sagt Martin Geßner: „Mein Klavierlehrer hatte vollkommen Recht mit seinem Ratschlag. Als Handwerker sieht und hört man jeden Tag, was man geschafft hat. Das ist schon etwas ganz Besonderes.“ Und das Musizieren habe ja dennoch Platz in seinem aktuellen Job. Wenn ein Auftrag erledigt ist, gibt Geßner auf dem jeweiligen Instrument ein Konzert.

    Martin Geßner baut Orgeln und spielt auch gern auf dem Instrument. Nach dem Umbau hat die Orgel der Niederstotzinger Kirche St. Peter und Paul ganze 29 Register.
    Martin Geßner baut Orgeln und spielt auch gern auf dem Instrument. Nach dem Umbau hat die Orgel der Niederstotzinger Kirche St. Peter und Paul ganze 29 Register. Foto: Franziska Wolfinger

    Ein solches Orgelkonzert war es auch, dass ihn letztlich zum Auftrag in der Niederstotzinger Kirche verhalf. Dabei sei das Konzert mit nur 15 Besucherinnen und Besuchern zunächst eigentlich eher enttäuschend gewesen, erinnert sich der Orgelbauer. Doch am Ende kommt es eben nicht immer darauf an, wie viele Menschen im Publikum sitzen, sondern wer. In diesem Fall war es Klaus Zieger, Organist von St. Peter und Paul in Niederstotzingen.

    Geßner baute neun neue Orgelregister

    Wenn Geßner heute an der Orgel dieser Kirche sitzt, die Finger flott über die Tasten gleiten lässt und mit den Füßen die Pedale bearbeitet, ist er sichtlich zufrieden. Ein satter Klang erfüllt den Kirchenraum, während der Orgelbauer frei über verschiedene Melodien improvisiert. So auf dieser Orgel zu spielen, wäre vor einem Jahr nicht möglich gewesen, sagt er. Denn der Orgel, die in den Jahren 1969 und 1970 von der Firma Link nach Entwürfen des renommierten Kirchenmusikers und Orgelsachverständigen Helmut Bornefeld gebaut wurde, fehlten noch einige Register. Weil das Geld ausging, wurden sie zunächst eingespart. Mäusen ist es zu verdanken, dass mehr als fünf Jahrzehnte später wieder Bewegung in die Sache kam.

    Die Nagetiere hatten sich in dem Instrument eingenistet. Eine Sanierung war dringend notwendig. Und wenn man schon mal dabei ist, macht man in Niederstotzingen keine halben Sachen. Dafür hatte sich der Organist Klaus Zieger eingesetzt und zog auch Martin Geßner zu Rate, der bei seinem Konzert wohl einen guten Eindruck bei Zieger hinterlassen hatte. Am Ende setzte sich Geßner in der Ausschreibung des Sanierungsauftrags tatsächlich durch und konnte loslegen.

    Der Auftrag war umfangreich. Es sollten nicht nur die fehlenden Register – nun sind es 29 statt 20 – ergänzt werden, auch das klangliche Profil der Orgel wurde erneuert. Dazu waren auch Umbauten nötig. Vorher klang so manches eher schrill und irgendwie falsch, sagt Geßner. Was in den 60er- und 70er-Jahren klanglich modern, voll auf der Höhe der Zeit und vielleicht auch ein bisschen experimentell war, passt nicht mehr zum heutigen Musikgeschmack. Dabei gelten viele von Helmut Bornefelds Orgeln als Zeitdokument und stehen unter Denkmalschutz, beispielsweise die der Versöhnungskirche im Ulmer Ortsteil Wiblingen.

    Aufträge wie der in Niederstotzingen sind selten geworden

    Weil in Niederstotzingen seine Pläne nie vollständig umgesetzt wurden, habe sich Bornefeld noch zu seinen Lebzeiten dagegen ausgesprochen, dass diese Orgel geschützt werden müsse, erklärt Geßner. Ihn freut es. Orgelbauer hätten heute kaum noch Gelegenheit, so viele eigene Ideen und eigene Kreativität einzubringen. Denn ihre Arbeit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Neubauten werden praktisch nicht mehr in Auftrag gegeben. Einen Großteil des Geschäfts macht die Instandhaltung der Instrumente aus. In Niederstotzingen erlaubte sich der Orgelbauer auch ein paar Besonderheiten, wie ein Nachtigallregister. Dabei befindet sich die Pfeife im Wasser, beim Spielen entsteht ein trillerndes Geräusch, das wie Vogelgezwitscher klingt.

    Nach einem Jahr Arbeit an der Orgel in Niederstotzingen kennt Gessner das Instrument in- und auswendig. Von den kleinsten, wenige Millimeter großen Pfeifen bis zur mit 4,40 Meter höchsten Pfeife des Instruments, die er selbst eingebaut hat. Auf die jährlichen Wartungstermine freut er sich jetzt schon.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren