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Neuburg

25.03.2017

802 Versionen von Neuburg

3406 Bände stark war die deutschsprachige Ausgabe von Wikipedia, als sie der New Yorker Künstler Michael Mandiberg im Mai 2016 ausgedruckt hat. Bis heute ist sie mit Sicherheit wieder um einige Bände angewachsen. Ein Beitrag unter vielen: Neuburg an der Donau.
Bild: Wolfgang Krumm, dpa

Nur wenige Menschen kennen den Wikipedia-Artikel „Neuburg an der Donau“ besser als Adalbert Riehl. Welche Diskussion um den Lexikoneintrag entbrannt ist.

Als ich am 21. Oktober 2016 um 15.47 Uhr den Namen „Hans Döllgast“ auf der Computertastatur eintippe, denke ich, das hält für die Ewigkeit. Schließlich habe ich den Namen nicht irgendwo hineingeschrieben, sondern in die größte Enzyklopädie, die die Welt gesehen hat. Eine Plattform, die seit Jahren unter den zehn meistbesuchten Internetseiten der Welt rangiert. Der Künstler Michael Mandiberg hat vor zehn Monaten die deutschsprachige Version ausgedruckt und in Büchern verpackt. Das Ergebnis: mehr als 3400 Bände. Das ist Wikipedia.

Bei der Recherche zu einem Zeitungsartikel ist mir im Oktober aufgefallen, dass im Wikipedia-Artikel „Neuburg an der Donau“ der Name des berühmten Architekten und Städteplaners Hans Döllgast fälschlicherweise nicht in der Liste der Ehrenbürger aufgeführt wird. Mit einem Klick bearbeite ich den Artikel und ergänze den fehlenden Namen. Am nächsten Tag um 8.28 Uhr ist Hans Döllgast verschwunden. Ein Nutzer namens „Schotterebene“ hat meine Änderung rückgängig gemacht. Die Enzyklopädie ist nun wieder unvollständig.

Das war die eine Begegnung mit Wikipedia. Die zweite, kritischere Stimme kommt von einem ehemaligen Neuburger, der 1977 aus der Stadt weggezogen ist und vor einigen Tagen einen interessanten Beitrag über den Artikel „Neuburg an der Donau“ bei Facebook verfasst hat. Er schreibt: „Ich fände es gut, wenn sich mal ein oder mehrere Profis mit der Wikipedia-Seite von Neuburg beschäftigen würden.“ Dr. Rainer Munzinger, der Familie und Freunde in Neuburg hat, aber nun schon lange Zeit in Parsberg lebt und als Chefarzt im Kreiskrankenhaus beschäftigt ist, hat die Wiki-Seite „Neuburg an der Donau“ genauer betrachtet und ist zu dem Ergebnis gelangt, dass die Stadt dabei nicht gut wegkommt.

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Die Schlosskapelle fehle im Artikel, der Fall Rupp nimmt hingegen einen ganzen Unterpunkt ein. Der Sidewinder-Diebstahl auf dem Flugplatz im Jahr 1967, immerhin eine Spiegel-Titelgeschichte, werde hingegen genauso wenig erwähnt wie der verklärte Verbrecher Theo Berger. Bei den Söhnen und Töchtern der Stadt wiederum tauche Andreas Lubitz auf, der am 24. März 2015 das Passagierflugzeug der German Wings in die französischen Alpen steuerte und den lediglich seine Geburt und sechs Lebensjahre mit Neuburg verbinden: „Ich finde das peinlich, den Katastrophenpiloten herauszustellen“, sagt Munzinger. Auch Sehenswürdigkeiten wie der Finkenstein, die Krypta in Bergen und so weiter: Fehlanzeige. Kurzum: Der Auftritt wirke unprofessionell. Rainer Munzinger stellt sich die Frage: Kann nicht die Stadt oder eine Gruppe Neuburger Autoren recherchieren und schließlich den Artikel so bearbeiten, dass derartige Schönheitsfehler korrigiert werden?

Um darüber diskutieren zu können, muss man Wikipedia erst kennenlernen. Denn die Online-Enzyklopädie verfolgt ein Ruf, mit dem ein altes Mehrbänder-Lexikon wohl keinen einzigen Abnehmer gefunden hätte. Wikipedia gilt als: unvollständig, von Laien erstellt, oberflächlich, subjektiv, wissenschaftlich ungeeignet und vor allem veränderbar. Jeder, so lautet das landläufige Klischee, kann die Lexikonartikel bearbeiten und verfälschen, Lesern das als Wahrheit verkaufen, was dem Schreiber dient. Die aktivsten Mitarbeiter am Artikel „Neuburg an der Donau“ treten als Pseudonyme in Erscheinung: „Chaddy“, „Harry8“ oder gar als IP-Adresse 129.187.244.28 eines nicht-registrierten Autoren. Und dann gibt es noch „Adalbertriehl“.

Adalbert Riehl lebt in Rain und arbeitet als Geschäftsleiter der Stadt. Er hat bei Wikipedia seinen Klarnamen angegeben und einen schmalen Benutzer-Eintrag erstellt: Er ist Jahrgang 1957, steht in dem Artikel, hat das Hobby als Wikipedia-Autor seinem heimatgeschichtlichen Interesse zu verdanken und seiner Arbeit als freier Mitarbeiter der Donauwörther Zeitung und der Neuburger Rundschau. Riehl hat mehr als 12000 Artikel in irgendeiner Form bearbeitet. Fehler korrigiert, Leerzeichen gelöscht, Daten ergänzt, aber auch komplett neu angelegt. Den Eintrag über den Memminger Bürgermeister Markus Kennerknecht hat er drei Tage nach dessen Wahl erstellt. Sieben Monate später trägt er sein Todesdatum ein, als Kennerknecht beim Joggen einen Herzstillstand erleidet. Er legt Biografien an, schreibt über lokales Geschehen aus der Zeitung und der Zeitgeschichte, erklärt die Architektur des Barock bis ins Jahr 1960 zu seiner neuen Leidenschaft. Er nennt den Namen Hans Döllgast, zu dessen 100. Geburtstag er wieder einige neue Informationen bei Wikipedia nachgereicht hat. Am Neuburger Artikel hat „Adalbertriehl“ keine großen Beiträge erstellt, sondern kleine Veränderungen vorgenommen. Das könne man alles in der Versionsgeschichte des Artikels nachprüfen, sagt er.

Die Versionsgeschichte. Das ist eine der großen Sicherheiten, die Wikipedia seinen Autoren bietet. Bei jedem Artikel existiert am oberen Ende ein Link namens „Versionsgeschichte“. Dahinter verbirgt sich für Laien ein kryptisches Sammelsurium an Daten, Pseudonymen und Links. Nutzer können an dieser Stelle sehen, wie sich ein Artikel im Laufe der Zeit verändert hat – und sie werden staunen, wie oft das passiert. Von der Seite „Neuburg an der Donau“ gibt es mittlerweile (Stand Mittwoch, 22. März, 16.18 Uhr) 801 Versionen, geschrieben von 441 Autoren.

Den größten Textanteil im Neuburg-Artikel hat mit 17,8 Prozent ein Benutzer namens „Mediatus“, der auf seinem Profilbild als Archäologe bei einer „römerzeitlichen Grabung“ zu sehen ist. Bei Wikipedia schreibt er unter anderem über Archäologie, Seefahrt, Jazz, Straßenverkehrsordnungen – und eben Neuburg. Hinter ihm folgt ein weiterer Nutzer mit Klarnamen: Ludwig Wagner. Wagner hat bis kurz vor seinem Tod im Januar 2013 auch für die Neuburger Rundschau geschrieben und 6,7 Prozent des Lexikoneintrags beigesteuert.

Gilt man als anerkannter Autor mit entsprechend vielen Beiträgen, die nicht beanstandet werden, wird man irgendwann zu einem Sichter. Wie Adalbert Riehl beim Artikel „Neuburg an der Donau“. Als verdienter Schreiber wird er immer dann benachrichtigt, wenn ein Autor etwas am Artikel verändert. Die Änderung lässt sich mit wenigen Klicks rückgängig machen. Unsichtbar für die Leser der Hauptseite. Ganz so, als hätte nie jemand „Hans Döllgast“ eingetragen.

Autoren sind misstrauische Wesen. Das erste Ausrufezeichen im Kopf des Seitenbeobachters erscheint, wenn er eine IP-Adresse und keinen Nutzernamen sieht. Das Zweite, wenn die IP-Adresse die Veränderung am Artikel nicht genau genug belegt. Das sind die wahrscheinlichsten Gründe, warum „Schotterebene“ meinen Eintrag „Hans Döllgast“ rückgängig gemacht hat, erklärt mir Riehl. Ist es wohl doch nicht so leicht, Artikel bei Wikipedia abzuändern? Hat die Internet-Enzyklopädie eine Parallelgesellschaft kreiert, die sich und ihr Werk überwacht?

Es gibt eine goldene Regel, erklärt Adalbert Riehl: „Je wichtiger die Seite, desto sicherer der Inhalt.“ Er gibt mir den Auftrag, mich doch mal an der Wikipedia-Seite von Angela Merkel zu versuchen. Meine Änderungen würden wahrscheinlich nur wenige Sekunden im Netz stehen. Mit wenigen Klicks ist alles wieder so, wie es war.

Auch gegen eine zweite Regel sollte ein Autor niemals verstoßen: Wikipedia ist ein Lexikon und keine Werbeplattform. Sobald die Stadt Neuburg damit beginnen würde, eine Touristeninitiative auf ihrem Wikipedia-Artikel zu starten, hätte ein aufmerksamer Autor längst die Hand darüber. Riehl erzählt die Geschichte von einem gewitzten Altgoldhändler in Rain, der kurzerhand für sein Geschäft im Lexikoneintrag der Stadt Werbung gemacht hat. Auch dieser hielt sich nur kurze Zeit, bevor er in der Versionsgeschichte verschwand.

Wenn eine Kommune sich in einem Wikipedia-Artikel in günstiges Licht rücken will, muss sie sich cleverer anstellen. Nur harte Fakten zählen, wie beispielsweise die steigenden Übernachtungszahlen, die das Statistische Landesamt ermittelt hat. Mehr Touristen: Neuburg ist einen Besuch wert, steht zwischen den Zeilen. Adalbert Riehl kennt viele Seiten von Städten und Gemeinden. Allerdings keine einzige Kommune, die „nachhaltig hinter ihrer Seite her ist“, sagt er.

Auch Neuburg nicht, erklärt Pressesprecher Bernhard Mahler. Die Presseabteilung der Stadt besteht aus ihm und Dominik Weiss, die den Wikipedia-Artikel „Neuburg an der Donau“ sporadisch im Blick behalten. „In Geschmacksfragen halten wir uns zurück“, sagt Mahler. Die Stadt überprüft, ändert – wenn überhaupt – einmal ein Datum, das nachgewiesen falsch eingetragen wurde. Das hat einen ideologischen Hintergrund: „Wir wollen die Idee der Seite nicht verfälschen.“ Wie man von Adalbert Riehl lernen kann, dürfte das Unterfangen auch von umsichtigen Autoren gestoppt werden. Außerdem fehle es an Personal, den Artikel mit Informationen nachzurüsten. Das überlässt man den ehrenamtlichen Autoren. Aber auch die Stadt Ingolstadt greife nicht aktiv in die Artikel ein, sagt der Pressesprecher. Trotz eigener Online-Redaktion.

Dass sich Neuburger wie Rainer Munzinger mit dem Eintrag auseinandersetzen, begrüßt Mahler. Er sei für solche Hinweise dankbar. Doch schließlich sollen sich die Experten einbringen, die in der Enzyklopädie Buchstabe für Buchstabe weiteres Weltwissen ansammeln.

Aber was ist mit Hans Döllgast? Stimmt es nicht, dass er auf der Liste der Ehrenbürger vertreten sein müsste? Doch, das stimmt, sagt Mahler. Außerdem fehlen Anton Sprenzel und Hans-Günter Huniar, die im Januar ernannt wurden. Aber auch die Stadt habe Hans Döllgast für einige Jahre, wenn nicht Jahrzehnte als Ehrenbürger vergessen. Erst vor wenigen Jahren entdeckte ein findiger Stadtmitarbeiter aus dem Hauptamt, dass Neuburg einen Ehrenbürger auf der Tafel im Rathaus vergessen hatte: Hans Döllgast. Der Name ist nachträglich eingraviert.

Also tippe ich in Wikipedia noch einmal am Mittwoch, 22. März, um 17.22 Uhr jene Buchstaben ein: Hans Döllgast. Als Nachweis nenne ich diesen Artikel, der am Samstag, 25. März, erscheint.

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