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Neuburg

22.02.2019

Als Bikinis aus Neuburg die Welt eroberten

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Bademode aus Neuburg eroberte in den 50er-Jahren die Welt.
Bild: Sammlung Sayle, Stadtarchiv Neuburg

Den wenigsten ist das Goldfisch-Werk ein Begriff. Mit seinen Designs begeisterte es in den 50ern. Jetzt soll seine Bademode in einer Ausstellung gezeigt werden.

Monokini, Scrunch-Bikini, String-Bikini. Die Bademode wird immer vielfältiger. Und freizügiger. Das war nicht immer so. In den 1940er Jahren waren bereits einfache Bikinis regelrechte Aufreger und riefen Sittenhüter auf den Plan. In der katholischen Provinz Neuburg ließen die knappen Stoffe kirchliche Moralhüter reihenweise ihre Zeigefinger heben. Über Konfessionsgrenzen hinweg forderten sie von der Stadt eine rigide Badeordnung, die bloß nicht zu viel Haut erlaube. Fleischeslust, Sünde, so war das damals. Gleichzeitig wurde in jenen Jahren von den Goldfischwerken in Neuburg Bademode produziert, die sich von zu viel Stoff und damit von genau jenem Konservatismus frei machte: Modelle mit internationalem Flair für ein großstädtisches Publikum.

Bademode aus Neuburg eroberte in den 50er-Jahren die Welt.
Bild: Sammlung Sayle, Stadtarchiv Neuburg

Jürgen Kraft ist Bademodensammler und nicht nur von der Geschichte der Goldfischwerke fasziniert, die in der Adalbert-Stifter-Straße auf dem heutigen Areal der Firma Weigert standen. Das Faible für historische Bademode begann bei dem 56-jährigen Mann von der Ostseeinsel Usedom mit einem alten Badeanzug seiner Oma. „Oh Gott, was für ein hässliches Teil!, dachte ich am Anfang“, erzählt er. Eine gewisse, unaussprechbare Faszination aber blieb. Bis er 1998, anlässlich des 100. Geburtstags der ältesten Seebrücke Deutschlands – der Seebrücke Ahlbeck auf Usedom – eine historische Bademodenschau sah. Mit ihr tauchte er ein in die Geschichte der Bademode, die Muster, Stoffe und Schnitte und das, was sie über die jeweilige Zeit und ihre Gesellschaft verraten.

Neuburger Bikinis: Retro ist in Mode

„Im Mittelalter war das Wasser noch schwarz, dunkel und böse“, sagt Kraft, das Baden in der freien Natur noch lange nicht selbstverständlich. Die Bade- und Schwimmkultur der Antike war zwischenzeitlich verlorengegangen – bis zur Aufklärung galt Baden als anrüchig und wurde erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wieder beliebter. In England entstanden die ersten Seebäder, anschließend schwappte der Badetrend nach Frankreich und Deutschland über. War die wohltuende Wirkung des Wassers auf Körper und Geist anfangs noch den Adeligen und dem Geldadel vorbehalten, wurde Baden später als Mittel zur Stärkung der Volksgesundheit ins nationale Bewusstsein gespült und mehrheitsfähig. Massenbäder entstanden, erst getrennt nach Männlein und Weiblein, später für die ganze Familie.

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Bademode aus Neuburg eroberte in den 50er-Jahren die Welt.
Bild: Sammlung Sayle, Stadtarchiv Neuburg

Wer badet, braucht die passende Kleidung. Da kommt wieder Krafts Hobby ins Spiel. Seit 25 Jahren sammelt der Fahrlehrer in seiner Freizeit Bademode – beginnend bei den Anfängen des Badelebens, bis zu den 70er/80er Jahren. „Am Anfang war es schwer, an die Stücke zu kommen“, erinnert er sich. Nach dem Zweiten Weltkrieg, Flucht und Vertreibung hätten die Menschen andere Sorgen gehabt als die Lagerung ihrer Schwimmleibchen. In Auktionshäusern, auf Flohmärkten und später im Internet wurde er fündig. Heute ist der Hype um Vintageprodukte allgegenwärtig, Retro ist in Mode und die Badeanzüge, die kurz nach dem Krieg in Neuburg gefertigt wurden, sind Sammlerstücke.

Goldfisch-Werke aus Neuburg waren Vorreiter in Sachen Bademode

In einem Museum will Kraft – zusammen mit einem Bekannten und Investor – unter anderem dieses Stück Neuburger Industriegeschichte wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. „Ich hatte schon lange den Traum eines eigenen Museums für Bademoden“, sagt Kraft. Doch als Fahrlehrer auf Usedom fehlten ihm die Mittel dafür. Sein Bekannter hat die Mittel und baut in Bad Rappenau in Baden-Württemberg gerade für elf Millionen Euro das „Bikini Art Museum“. Auf rund 1.500 Quadratmetern Ausstellungsfläche sollen Besucher dort ab Dezember alles über den beliebten Zweiteiler und die Bademode und -kultur generell erfahren. Kraft arbeitet als Kurator und stellt dem Museum Stücke aus seiner Privatsammlung als Leihgabe zur Verfügung. „Die Goldfischwerke werden dabei ein großes Kapitel einnehmen – schließlich waren sie eine der größten Firmen Deutschlands auf diesem Gebiet“, sagt Kraft.

Bademode aus Neuburg eroberte in den 50er-Jahren die Welt.
Bild: Sammlung Sayle, Stadtarchiv Neuburg

Zu ihren Glanzzeiten waren die Goldfischwerke Vorreiter in Sachen Bademode, sie produzierten moderne Schwimmkleidung für die ganze Welt. Den Anspruch der Marke symbolisiert eine Zeitungsanzeige der Goldfischwerke Neuburg aus dem Jahr 1952, auf dem eine Filmdiva aus Hollywood posiert. In ihrer Publikation „Die schönsten Girls tragen Goldfisch“ geht die Neuburger Stadtarchivarin Barbara Zeitelhack der Geschichte des Unternehmens nach. Ausgehend von 160 Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Nachlass der Fotosammlung Sayle – einer Neuburger Fotografen-Dynastie – macht sich die Autorin auf die Spur eines „weitgehend in Vergessenheit geratenen Kapitels Neuburger Wirtschaftsgeschichte und der Mode der Nachkriegszeit“.

Goldfisch-Werke gerieten ins Visier der Nazis

Ihren Nachforschungen zufolge lag der Ursprung der Goldfisch-Werke GmbH, die in den Neuburger Gewerbeakten zunächst unter der Bezeichnung „Argentinische Wirkerei und Strickerei“ eingetragen waren, in Oberlungwitz. Das Gebiet zwischen Zwickau und Chemnitz war ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Standort der Textil-, vor allem der Strumpf-Industrie. Nach dem Ersten Weltkrieg expandierte das Unternehmen und lief unter dem Namen Goldfisch-Werke. „Mit modernen Marketingmethoden und innovativen technischen Verfahren wurden Sport- und Freizeitmode und vor allem Bade- und Strandartikel produziert, mehr als die Hälfte für den Export“, schreibt Zeitelhack. Aber auch im Inland avancierten Goldfisch Freizeittrikots und Bademode bald zu einem gefragten Modelabel.

Bademode aus Neuburg eroberte in den 50er-Jahren die Welt.
Bild: Sammlung Sayle, Stadtarchiv Neuburg

Mit Beginn der NS-Herrschaft geriet die Firma und deren Eigentümer ins Visier der NSDAP, sie galten nach dem „Reichsbürger-Gesetz“ als jüdisch. Während des Zweiten Weltkriegs flohen Teile der Eigentümerfamilie ins argentinische Exil, die Betriebe wurden enteignet. Der Versuch, die Goldfisch-Werke nach Kriegsende an ihrem Stammsitz in der nun sowjetischen Zone weiterzuführen, scheiterte. Es fiel der Entschluss, die Produktionsstätten in die Westzone zu verlegen. Laut Zeitelhack wollten die Besatzungsmächte die Textilindustrie zu einem wichtigen Zweig der deutschen Nachkriegsproduktion ausbauen.

Goldfisch-Werke in Neuburg nahmen 1947 Betrieb auf

Am 26. September 1946 wurden die ehemaligen Goldfisch-Werke unter dem Namen „Argentinische Wirkerei und Strickerei GmbH“ in Süddeutschland neu gegründet. Noch vor der offiziellen Firmengründung ging bei der Stadt Neuburg eine Anfrage für die Pachtung eines Fabrik-Objekts ein. Sowohl Amerikaner als auch Briten hatten das „größte Interesse“ an der Ansiedlung der Firma und dem Aufbau der Fertigungsanlagen in Neuburg gehabt, denn die Stadt war damals offiziell Notstandsgebiet, weiß Zeitelhack. Der Mangel „an industriellen Unternehmungen“ und eine große Zahl von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen trieben die Arbeitslosigkeit in die Höhe. „Neuburg liegt mit seinem Aufwand an Fürsorgegeldern an der Spitze der Kreise Schwabens“ hieß es im damaligen Wirtschaftsplan der Stadt Neuburg.

Bademode aus Neuburg eroberte in den 50er-Jahren die Welt.
Bild: Sammlung Sayle, Stadtarchiv Neuburg

Die Goldfisch-Werke Neuburg nahmen 1947 ihren Betrieb auf. Das Fertigungsprogramm war selbstbewusst formuliert und betonte die Tradition des Unternehmens: „Hervorgegangen aus einer in der russischen Zone liegenden Trikotagenfabrik, deren Erzeugnisse Weltruf genießen“ umfasste das geplante Sortiment „Wirk- und Strickwaren, insbesondere Herren- und Damenwäsche, Pullover und Badeanzüge sowie Damenoberbekleidung“. Der Start in Neuburg schien zunächst geglückt, die Produktion lief mit 50 Arbeitskräften an, gleichzeitig war mit den Neubauten auf dem ehemaligen Wehrmachtsgelände begonnen worden. Doch wirklich freischwimmen konnte sich das Unternehmen nie.

Bikini löste massive Empörung aus

Trotz umfangreicher Unterstützung durch damalige Behörden war die Gründung der Firma in der bayerischen Provinz ein waghalsiges Unterfangen. Zwar konnte ein Teil des früheren Maschinenbestandes wiederverwendet werden, neue Anlagen aber waren ebenso schwer zu beschaffen wie die nötigen Materialien für die Produktion. Vor allem aber fehlte – zwei Jahre nach Kriegsende – in Deutschland wie in Europa ein Absatzmarkt für die Produkte. Freizeitaktivitäten und Urlaubsreisen waren Privilegien einer Minderheit. Es folgte zwangsläufig der Niedergang der inzwischen in „Goldfisch-Werke Neuburg GmbH“ umbenannten Firma. Bereits 1951 war das Unternehmen finanziell angeschlagen, Experten machten neben dem geringen Rohstoffangebot in der Nachkriegszeit vor allem Fehler in der Geschäftsführung für das vorzeitige Scheitern verantwortlich. Im Sommer 1952 wurde die Produktion endgültig eingestellt, andere Standorte in Deutschland konnten sich bis in die 60er Jahre halten, dann wurden auch sie geschlossen.

An der visionären Kraft der Produkte hat es nicht gelegen, wie die Fotos der Sammlung Sayle beweisen. Sie zeigen die Kollektionen der Jahre 1949 und 1950 – vor allem die Bikini-Kollektion sorgte für öffentliches Aufsehen. Aber auch für Naserümpfen in konservativen Kreisen. Der Vorwurf: Die Mode huldige der „Textilabstinenz“. Nur wenige Jahre zuvor platzte mitten in die „Auseinandersetzung um den Grad der Verhüllung des weiblichen Körpers“, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzte, wie Zeitelhack schreibt, der Bikini. Die Erfindung des modischen Zweiteilers durch Luis Réard im Jahr 1946 löste massive moralische Empörung aus, es hagelte Bikiniverbote an Stränden und in Badeanstalten der USA. Ebenso in katholischen Ländern Europas, in Passau etwa war das Tragen eines Bikinis in öffentlichen Schwimmbädern noch bis 1968 verboten.

Goldfisch-Werke: Temperamentvolle Bademode

In Neuburg ging es nicht minder hochgeschlossen zu, dafür sorgten unter anderem die Pfarrämter beider Konfessionen. Wie die Überlieferungen zeigen, forderten sie von der Stadt nach Geschlecht getrennte Badezeiten für Jugendliche – dies sollte dem „Absinken der Moral“ entgegenwirken. Der Stadtrat verabschiedete 1947 einen entsprechenden Beschluss, mit nur drei Gegenstimmen. Alle, die gerne einen Fuß ins Wasser setzen wollten, hatten aber noch mit weiteren Bevormundungen zu kämpfen. Die Badeordnung zielte vor allem auch auf die Kleidung der Badenden ab. Bis 1958 war es Männern verboten, sogenannte „Dreikante“ zu tragen, Badehosen, die etwa der heutigen Slipform gleichen und höchstens aus ästhetischen Gründen nicht mehr getragen werden. Frauen wurde nahegelegt, auf „ungewöhnlich weit ausgeschnittene Badeanzüge“ zu verzichten, zu denen vermutlich auch der Bikini gezählt haben dürfte.

Bademode aus Neuburg eroberte in den 50er-Jahren die Welt.
Bild: Sammlung Sayle, Stadtarchiv Neuburg

„Augenscheinlich produzierten die Goldfisch-Werke nicht für die bayerische Provinz“, stellt Zeitelhack rückblickend trocken fest. Die Neuburger Rundschau aber nahm die Kollektionen bereits damals euphorisch auf. 1951 hieß es in einer Ausgabe voller Vorfreude, dass die Goldfisch-Werke „heuer eine Reihe dieser neuen, ebenfalls recht temperamentvollen Badebekleidungsmode herausbringt“. Die dazu angebotene Strandbekleidung sei „praktisch, schick und in den Farben sehr geschmackvoll“, so die Meinung des Autors.

Bikinis aus Neuburg: Eine Frau muss ausgezogen gut angezogen sein

Eine Einschätzung, die Bademodensammler Kraft bestätigt. „Die Modelle waren vom Design her absolut trendig und könnten noch heute an jedem Strand getragen werden“, sagt er. Die Entwürfe seien gekennzeichnet von einem „feinen Gespür für Frauen“, wie es aus einem kleinen katholischen Ort wie Neuburg zu jener Zeit nicht zu erwarten gewesen sei. „Als hätte man in Neuburg die 70er Jahre schon vorweggenommen“, sagt er staunend. Das Besondere an den Badeanzügen made in Neuburg sei: „Sie verhüllen und sind gleichzeitig sinnlich.“ So wurden sie zu Design-Klassikern, an die moderne Modelle kaum ran kämen, sagt Kraft. Heute ist weniger oft mehr, Stichwort: String-Bikini. Und was hält der Bademodenkenner vom textilen Minimalismus der Gegenwart? Seine Antwort fällt so knapp wie manche Bikinis aus: „Nichts!“ „Eine Frau muss auch ausgezogen gut angezogen sein“, sagt er. Für ihn sei das raffiniert Verhüllte interessanter als das Offensichtliche.

Aufruf: Wer Informationen, Bilder oder Badeanzüge hat, Zeitzeugen kennt oder etwas über die damaligen Models der Goldfisch-Werke weiß, kann uns gerne unter der E-Mail-Adresse redaktion@neuburger-rundschau.de oder der Telefonnummer 08431-6776-50 Bescheid geben. Wir stellen gegebenenfalls den Kontakt zu Bademodensammler Jürgen Kraft her und vielleicht landet das eine oder andere Stück Ende des Jahres im neuen Bikini-Art-Museum in Bad Rappenau.

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