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Rennertshofen-Bertoldsheim

09.10.2017

Als die „Luft“ in Bertoldsheim in Rauch aufging

Die „Luft“ in Flammen. Im Sommer 1967 wurde das Gasthaus „kontrolliert“ abgebrannt – oder wie man im Volksmund sagte: „warm abgerissen“.
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Die „Luft“ in Flammen. Im Sommer 1967 wurde das Gasthaus „kontrolliert“ abgebrannt – oder wie man im Volksmund sagte: „warm abgerissen“.
Bild: Luitpold Eller

1967 musste das Gasthaus „Luft“ weichen, weil das Kraftwerk in Betrieb ging. Es war aber kein Bagger, sondern ein Feuer, das die Arbeit erledigte.

Es kommt nicht oft vor, dass der Kommandant einer Feuerwehr selbst zum Brandstifter wird. Doch 1967 gab es so einen Fall, und der hatte auch noch seine Berechtigung. Denn das Objekt, das den Flammen zum Opfer fiel, war eine Gaststätte namens „Luft“, die zu jener Zeit ein angesagtes Ausflugslokal in der Region war und für viele Bertoldsheimer zur zweiten Heimat geworden war. Heute würde man wohl sagen, die „Luft“ war eine Kultkneipe.

Und so war es mehr als angebracht, dass deren letzter Tag im Sommer 1967 ein denkwürdiger werden sollte. Denn die „Luft“ musste dem Stausee für das gerade neu gebaute Kraftwerk weichen, der im Herbst 1967 geflutet wurde. Der Bertoldsheimer Anton Kugler war damals ein junger Bursch und erinnert sich noch gut an das Abschiedsfest der „Luft“. Es war wie bei einem Volksfest, erzählt er. Viele Bertoldsheimer und ehemalige treue Gäste aus den umliegenden Orten waren gekommen. Sogar ein Bierzelt war aufgestellt worden. Quasi wie in einem letzten Akt eines dramatischen Schauspiels wollte man sich von dem alten Gasthaus verabschieden und es „warm abreißen“, wie der Volksmund diese Art der Beseitigung eines Gebäudes umschreibt. Es war dem damaligen Kommandanten der Feuerwehr, dem am 18. März 2017 verstorbenen Alfred Schmid, vorbehalten, das Feuer zu entfachen. Doch seine erste Bemühung hatte wenig Erfolg, die „Luft“ wollte nicht richtig brennen. So ging er noch einmal hinein, um mit Benzin nachzuhelfen. Diese Methode wäre ihm jedoch beinahe zum Verhängnis geworden, denn kurze Zeit später rannte er mit brennender Kleidung aus dem Wirtshaus. Er kam mit kleinen Brandwunden und einem großen Schrecken davon und alle, die gekommen waren, erlebten die letzten Stunden der „Luft“, sahen, wie die Flammen aus dem Dachstuhl schlugen und am Ende nur noch Ruinen übrig waren.

Das Gasthaus, das ursprünglich „Zur Donau“ hieß und im Besitz des Grafen du Moulin gewesen war, wurde 1862 oder 1866/67 (es gibt unterschiedliche Quellenangaben) am Ufer der Donau erbaut. Es hatte ganzjährig geöffnet und immer war etwas los. Stammtischler trafen sich regelmäßig und oft recht ausgiebig, Bauern klopften einen Schafkopf, Angler und Jäger kehrten ein, um bei ein paar Halben ihr Latein zu verbreiten. In die „Luft“ wurde bei einer Hochzeit im Dorf die Braut entführt, dort trafen sich die Jungen ebenso wie die Alten. Eine Polizeistunde kannte man weit ab vom Schuss und dem Einfluss der Gendarmerie nicht. Nicht einmal vom Hochwasser ließen sich manche Gäste abhalten. Selbst wenn die Fluten schon die Stuhl- und Tischbeine umspülten, machten sie fast trotzig mit dem Trinken weiter und auch der Wirt und die Wirtin Genovefa Rieder, die von den Gästen nur „Vef“ gerufen wurde, gesellten sich dazu.

Anton Kugler verbindet mit der Wirtschaft und seiner Umgebung viele schöne Kindheits- und Jugenderinnerungen: Alle Jahre gab es ein Gartenfest, wo eine Kapelle zünftig aufspielte und die Würste an der Spitze eines glatt geschälten Baumes darauf warteten, dass sie von den jungen Burschen als Lohn für das geschickte Hinaufkraxeln heruntergepflückt werden durften. In der Nähe der „Luft“ gab es auch das einzige „Freibad“ an der Donau, wo sich die Jugend im Sommer traf. „Als Buben setzten wir bei Niedrigwasser mit der Fähre über, liefen ein paar hundert Meter donauaufwärts, wateten durch das bis fast zum Hals reichende Wasser zur Mitte des Flusses und marschierten auf der Kiesbank wieder runter. Das Wasser war hier so klar, dass man den Kies auf dem Grund sehen konnte.“

Heute ist von der „Luft“ nichts mehr zu sehen. Sie würde, wenn sie nicht endgültig platt gemacht und in einem Graben versenkt worden wäre, etwa 250 Meter flussaufwärts vom Kraftwerk wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen aus dem Stausee ragen.

Gleich neben der „Luft“ gab es auch noch eine andere Einrichtung, von der heute nur noch Geschichtsaufzeichnungen erzählen: die Donaufähre. Bereits 1854 hatte die Gemeinde Bertoldsheim den Fährbetrieb über die Donau eröffnet, nachdem von 1849 bis 1854 umfassende Flussbegradigungen und Regulierungen durchgeführt worden waren. Es gab eine kleine Fußgängerfähre und eine große für Fahrzeuge. Der Fährmann hatte am Donauufer gleich neben der „Luft“ eine kleine Hütte. Fußgänger zahlten ein paar Groschen für das Übersetzen, die Überfahrt für Fahrzeuge kostete entsprechend mehr. Die Bauern mussten einen Jahresbeitrag als Fährgeld leisten und konnten dann ihr Heu von den Wiesen auf der Burgheimer Seite mit der Fähre über die Donau bringen. Weil aber alle das Heuwetter gleichzeitig nutzten, standen die Gespanne oft bis zur Brücke über die Friedberger Ach an und die Bauern mussten mühsam die lästigen Bremsen von ihren nervösen Pferden und Ochsen fernhalten. Der letzte Fährmann war Josef Kelnhofer, der, weil er auch Wirt in der „Luft“ war, „Luftsepp“ hieß.

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