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24.07.2010

"Als würde ein Rechtshänder mit Links schreiben"

Timo Keppler an seinem Schreibtisch. Der 15-Jährige aus Bergheim hat Legasthenie. Mit seinem Hörwahrnehmungstrainer kann er gezielt an seiner Lese- und Rechtschreibstörung arbeiten. "Es wird nie weggehen, aber ich habe mich auf einen Status hochgearbeitet, der annehmbar ist." Foto: Barbara Feneberg
Bild: Barbara Feneberg

Bergheim/Neuburg Timo Keppler hat große Probleme mit Dingen, die jeder Mensch täglich braucht und die irgendwie selbstverständlich sind: Lesen und Schreiben. Wenn er liest, hört es jeder. Wenn er schreibt, fällt es jedem auf. Seine Krankheit begleitet ihn jeden Tag. Wenn er die Zeitung liest, wenn er eine Postkarte aus dem Urlaub oder in der Schule eine Prüfung schreibt.

Timo hat Legasthenie, auch Lese-Rechtschreib-Störung genannt (siehe Info). Wenn der 15-Jährige selbst erklärt, was das ist, sagt er: "Das bedeutet, dass jemand nicht so gut lesen und schreiben kann." Die Mühe und Kraft, die es Timo kostet, einen Text aufzuschreiben, beschreibt er so: "Das kann man vielleicht damit vergleichen, als würde ein Rechtshänder einen Text mit der linken Hand schreiben müssen."

Etwa zehn Prozent der deutschen Schüler leiden an Legasthenie. Die Entwicklungsstörung ist meistens genetisch bedingt und auch Umweltfaktoren spielen eine Rolle. Legasthenie ist auch durch gezielte Therapie niemals ganz auszugleichen. Das Problem bleibt ein Leben lang. Timo ist an seiner Schule, der Paul-Winter-Realschule in Neuburg, mit seinen Problemen nicht allein. 53 Schüler haben laut Schulakten Legasthenie. All diese Schüler mussten wie Timo eine Reihe von Tests über sich ergehen lassen. Eine Schulpsychologin hat ein Gutachten angefertigt, das den Grad der Lese- und Rechtschreibstörung bewertet. In Bayern haben Kinder mit Legasthenie das Recht auf besondere Behandlung bei Prüfungen. Seit 1998 ist Legasthenie als Krankheit diagnostiziert und anerkannt. Wenn Timo eine Schulaufgabe schreibt, hat er im Gegensatz zu seinen Mitschülern 20 Prozent mehr Zeit. Außerdem werden ihm die Aufgaben vorgelesen oder er darf schon in der Pause auf das Angabenblatt schauen. "Ich komme damit zurecht", sagt Timo. "Aber am Anfang haben die anderen schon wegen meiner Sonderbehandlung gestichelt."

Die dummen Kommentare seiner Mitschüler hat Timo nicht lange auf sich sitzen lassen. Er wollte nicht, dass alle glaubten, er sei faul oder bekomme eine "Extrawurst". Timo ging in die Offensive, hielt in seiner Klasse ein Referat über Legasthenie. Schließlich ist er mündlich ein echtes Ass und seine Mitschüler staunten nicht schlecht, als sie verstanden, was mit Timo wirklich los ist.

"Als würde ein Rechtshänder mit Links schreiben"

Jedes Vorlesen wurde zum Spießrutenlauf

Für den 15-jährigen Bergheimer war es aber nicht immer so leicht mit seiner Krankheit umzugehen wie heute. In der dritten Klasse Volksschule merkte er, "da läuft was falsch." Er kam nicht mit, wenn die anderen Diktat schrieben. Jedes Vorlesen wurde zum Spießrutenlauf. Dabei übte er mehr als die anderen, strengte sich an, lernte mit seinen Eltern. Irgendwann war klar, dass Timo ein größeres Problem hat. Denn er ist weder dumm noch faul. Timo ließ sich testen.

Die Schulpsychologin schließlich bestätigte die Vermutung: Timo hat eine Lese- und Rechtschreibstörung. Außerdem leider er am Aufmerksamkeits-Defizits-Syndrom (ADS). Die klassische Kombination.

Seit der Diagnose ist das Leben für Timo leichter geworden, weil er weiß, dass er nichts dafürkann, wenn sich die Buchstaben mal wieder drehen oder er beim Lesen das Wort einfach nicht herausbekommt. "Ich weiß, ich werde das nie wegkriegen. Aber ich habe mich auf einen Status hochgearbeitet, der annehmbar ist", sagt Timo.

Der 15-Jährige lernt jetzt anders, gezielter. Ein spezieller Hörwahrnehmungstrainer hat ihm besonders geholfen. Über Kopfhörer hört er beispielsweise klassische Musik. Damit trainiert er sein Gehör. Timo kann aber auch mit einem Mikrofon selbst Texte aufsprechen und wieder anhören. Oder er lässt sich spezielle Texte auf die Ohren legen - sozusagen sein ganz eigenes Diktat.

Selbstvertrauen ist für ihn die halbe Miete

Mit diesem Gerät zu trainieren, ist nicht selbstverständlich. Timos Eltern haben nicht nur viel investiert, um ihrem Sohn eine möglichst wirkungsvolle Therapie zu ermöglichen. Sie haben ihm vor allem das nötige Selbstvertrauen vermittelt, um offen mit seiner Krankheit umzugehen - keine Selbstverständlichkeit. "Gerade für Eltern ist es oft sehr schwierig anzunehmen, dass ihr Kind Legasthenie hat. Sie glauben lieber, es sei faul, als zu wissen, dass es an einer Krankheit leidet", sagt Klaus Rössler. Der 50-Jährige ist Elternbeiratsvorsitzender an der Paul-Winter-Realschule und organisiert regelmäßige Treffen zum Thema. Es geht darum, Vorurteile abzubauen und Hilfestellung anzubieten. "Die Eltern sind die Schlüsselstelle, welche Entwicklung das Kind nimmt", sagt Rössler.

Auch Timo will mit seiner Erfahrung nicht hinterm Berg halten. Aus dem Referat von damals hat sich eine Gruppe entwickelt, alle 14 Tage treffen sich die Schüler mit Legasthenie aus der 5. und 6. Klasse.

Der Lega-Treff ist nicht nur Lern-Treff, sondern auch Platz für Erfahrungsaustausch und Mutmachen. Denn nur weil einer Legasthenie hat, kann er trotzdem sehr erfolgreich sein. Prominente Beispiele gibt es genug: Fußballstar Diego Maradonna, Hollywoodschauspieler Orlando Bloom, Schwedens König Carl Gustav oder auch Mathegenie Albert Einstein litten oder leiden an Legasthenie.

So hoch will Timo nicht hinaus, aber er hat schon Pläne für seine Zukunft: Wenn alles klappt, möchte er Fachinformatiker werden. "Tippen fällt mir nämlich viel leichter als schreiben", sagt er und grinst.

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