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Neuburg-Schrobenhausen

26.10.2020

Altkleider in Neuburg: Warum das Sammelsystem vor dem Kollaps steht

Vor allem die Altkleider-Container in den Wohngebieten sind oft hoffnungslos überfüllt.
Bild: Gloria Geissler

Plus Corona ließ die Altkleider-Container überquellen, die Absatzmärkte in Osteuropa und Afrika brachen ein. Für die gemeinnützigen Sammler in und um Neuburg ist das ein großes Problem.

Der Lockdown war die Zeit des Ausmistens. Viele Menschen nutzten die Zeit zu Hause, um Ordnung zu schaffen – auch im Kleiderschrank. Dementsprechend voll waren die Altkleider-Container. Eigentlich ein Grund zur Freude für das BRK und die Aktion Hoffnung, die beiden gemeinnützigen Sammler im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Doch das Geschäft mit den Altkleidern ist nicht mehr das, was es einmal war. Und daran ist nicht nur Corona schuld.

Rund 1,3 Millionen Tonnen Alttextilien wurden 2018 deutschlandweit abgegeben, das sind mehr als 15 Kilo pro Einwohner und ein Drittel mehr als fünf Jahre zuvor. Kein Wunder, wenn statistisch gesehen jeder Bürger an die 60 Kleidungsstücke pro Jahr kauft. Möglich ist das für viele nur wegen billig produzierter Ware aus Asien. Ein T-Shirt für 2,99 Euro ist schnell gekauft – auch wenn man es eigentlich nicht braucht. Und ebenso schnell entsorgt, wenn es nach ein paar Mal tragen ausgewaschen, ausgeleiert oder nicht mehr hipp ist. Es landet im Altkleidercontainer und dient so vermeintlich noch einem guten Zweck.

Altkleider um Neuburg: Container laufen wegen Billigware über

Doch falsch gedacht. Gerade die günstigen Kleidungsstücke können meist nicht mehr verwendet werden. Zum Verkauf in den Second-Hand-Läden der Hilfsorganisationen ist ein Mindeststandard erforderlich. „Verwaschene, verzogene T-Shirts können wir dort nicht mehr verkaufen“, erklärt Bernhard Pfahler, der als Mitarbeiter des BRK für die Altkleidersammlung zuständig ist. „Hier ist das Hemd richtig, das beim zunehmenden Bauchumfang nicht mitwächst, oder der klassische Fehlkauf, der sein Dasein im hintersten Eck des Kleiderschranks fristet.“ Klamotten, denen ein Knopf oder der Zipper des Reißverschlusses fehlt, sind Kleidungsstücke, die als Hilfsgut in arme Länder gehen.

Diese beiden Bereiche machten in den vergangen Jahren die Haupteinnahmequellen für Sammler und Verwerter aus. Doch deren Anteil an den gesammelten Klamotten wird immer geringer. Die Billigteile lassen sich oft nicht mal mehr als Putzlappen oder Dämmstoff für die Autoindustrie recyclen, weiß Karin Stippler von der Aktion Hoffnung. „Diese Kleidung besteht meist aus Mischgewebe mit Aufdrucken. Die Fasern sind wenig saugfähig.“ Die Teile landen in der Müllverbrennungsanlage.

Neben den Altkleidercontainern wird auch sonstiger Hausmüll entsorgt

Die Entsorgung kostet Geld, genauso wie die Beseitigung von Sperrmüll, der sich oft rund um die Container findet. „Manchmal sieht es dort aus wie auf dem Wertstoffhof“, sagt Bernhard Pfahler. Vor den Container stapeln sich Kochtöpfe, Pfannen, Autoreifen oder Liegestühle. Gerade während des Lockdowns, als auch die Wertstoffhöfe geschlossen hatten, fand sich dort allerlei Müll, der teuer entsorgt werden muss. Und im Gegenzug kommt immer weniger rein. Martin Wittmann, dessen Firma die Leerung der Container und Verwertung der Kleidung für das Neuburger BRK übernimmt, berichtet von einem enormen Preissturz. Rund 15 Cent pro Kilogramm zahlen die Verwertungsbetriebe noch. Vor fünf Jahren lag der Preis für Sammelware zwischen 25 und 35 Cent pro Kilogramm.

Für die gemeinnützigen Organisationen ist das ein großes Problem. Die Aktion Hoffnung unterstützt mit dem Kleidergeld in diesem Jahr schwerpunktmäßig ein Kinder- und Jugendzentrum in Albanien, wie Karin Stippler sagt. Dort werden rund 250 Kinder mit einer warmen Mahlzeit und Medikamenten versorgt und bei den Hausaufgaben unterstützt. Doch nicht nur wegen des Fluchs der Billigware sinken die Einnahmen immer mehr, in diesem Jahr kam noch Corona dazu. Wegen der Lockdowns waren die Grenzen dicht. In den Lagern stapelte sich die Ware. Weniger Nachfrage, mehr Angebot – der Preis sank.

Aktion Hoffnung: Aus alten Hemden wurden Masken geschneidert

Aber Not macht erfinderisch und so überlegten sich die Mitarbeiter der Aktion Hoffnung eine Alternative. „Herrenhemden hatten wir in Hülle und Fülle“, erzählt Karin Stippler. „Diese Stoffe eignen sich sehr gut als Corona-Gesichtsmasken.“ Und deswegen nähten ehrenamtliche Helfer rund 4000 Mund-Nasen-Masken in den vergangenen Monaten, was laut Stippler rund 20.000 Euro an Spenden für die Aktion Hoffnung einbrachte. Diese seien 1:1 an das Projekt nach Albanien gegangen. Momentan arbeiten die Mitarbeiter an Masken aus Stoffen mit Weihnachtsmotiven.

Einige Stoffe eignen sich gut, um daraus Masken zu schneidern.
Bild: Jens Wolf, dpa (Symbolfoto)

„Als kleine Organisation können wir recht flexibel agieren“, sagt Stippler. Große tun sich da schon schwerer. Während in einigen Städten gemeinnützige, aber auch kommerzielle Sammler aufgeben und die Container abmontieren, wollen sowohl das BRK als auch die Aktion Hoffnung im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen weitersammeln. Auch Martin Wittmann als beauftragter Verwertungsbetrieb sagt: „Wir sammeln weiter und hoffen, dass wir in dieser Durststrecke mit einem blauen Auge davon kommen.“

Lesen Sie dazu den Kommentar von Gloria Geissler Warum wir wieder bewusster kaufen sollten.

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