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Neuburg

19.01.2018

Auch in Neuburg: Sprengstoff „Sozialer Wohnungsbau“

Neujahrsempfang der Bauinnung im Foyer des Stadttheaters: (von links) Kreishandwerksmeister Hans Mayr, Innungsobermeister Martin Roßkopf, zwischen den stellvertretenden Landräten Sabine Schneider und Alois Rauscher Kammerpräsident Franz-Xaver Peteranderl und rechts Oberbürgermeister Bernhard Gmehling.
Bild: Manfred Rinke

Bauinnung fordert eine wieder stärkere staatliche Förderung. Doch um den sozialen Frieden zu erhalten, braucht es noch mehr einschneidende Entscheidungen.

Die Konjunktur läuft weiter auf Hochtouren. Davon profitiert nicht zuletzt das Handwerk. „Der Ausblick stimmt durchaus optimistisch. Auch 2018 kann ein gutes Handwerkerjahr werden“, wagte Franz-Xaver Peteranderl daher keinen allzu riskanten Blick in die nahe Zukunft der Branche. Der Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern war Hauptredner vor rund 130 geladenen Gästen beim Neujahrsempfang der Bauinnung im Theaterfoyer.

Peteranderl sprach von einer „extrem guten Auslastung“ der 80000 Baubetriebe in seinem Zuständigkeitsbereich. Damit einher ging eine Steigerung der Zahl der Beschäftigten um ein Prozent auf 300000. Dieses Plus an Handwerkern erwartet er sich auch heuer und zudem ein Umsatzwachstum von drei Prozent. 2017 betrug der Umsatz 38,5 Milliarden Euro.

Weil das Handwerk ein wichtiger Wirtschafts- und Gesellschaftsfaktor sei, sei es wichtig, sich bei der Politik ein Gehör zu verschaffen. So würden die wichtigsten Anregungen und Forderungen der Basis auch in den Sondierungs- und Koalitionsgesprächen zwischen Union und SPD eingebracht. Dabei gehe es unter anderem um die Entlastung der Betriebe vor überbordendem Bürokratismus, die Verteidigung des Meisterbriefes in der EU als Qualifikationsgarant für Selbstständige oder um spürbare Steuerentlastungen.

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Daneben will sich die Branche dem eigenen Image widmen. Über das ausgerufene „Jahr der Unternehmensnachfolge“, Aktionen wie die Berufsorientierung an allen Schulen oder die Aktion „Elternstolz“ soll Geschmack auf das Handwerk erzeugt werden. „Erfolgreiche Nachwuchs- und Fachkräftewerbung, die künftig auch mehr Frauen einbezieht, ist unverzichtbar für uns. Dieses Feld müssen wir künftig noch stärker beackern“, meinte der Kammerpräsident.

Zuletzt ging es Peteranderl noch um die politischen Rahmenbedingungen im Bau. Es passe nicht zusammen, dass der Bedarf immer größer werde, gleichzeitig Bürokratie und Preise für Grund und Boden immer rasanter steigen würden. Immer akuter werde der Bedarf an mehr Wohnraum für sozial Schwächere. In den Sondierungsgesprächen sei von 1,5 Millionen Wohnungen die Rede gewesen, die nun in Deutschland frei finanziert oder gefördert werden sollen. Der Bedarf sei dagegen doppelt so hoch, meinte Peteranderl. Auch der Ansatz in Bayern – Ministerpräsident in spe, Markus Söder, spricht von kurzfristig 500 Millionen Euro für den Sozialwohnungsbau – sei zwar ein Anfang, aber reiche bei weitem noch nicht aus.

Das drängende Problem, günstigen Wohnraum für sozial Schwache zu schaffen, war auch der Schwerpunkt in den Ausführungen von Innungsobermeister Martin Roßkopf. Er forderte beim sozialen Wohnungsbau endlich eine Kehrtwende zurück zu einer lukrativen staatlichen Förderung. Denke man 15 bis 20 Jahre zurück, habe es in Deutschland noch rund vier Millionen Sozialwohnungen gegeben. Mittlerweile seien es, so Roßkopf, nur noch rund eineinhalb Millionen. Gleichzeitig seien die Mietpreise drastisch gestiegen. Immer mehr Menschen könnten sich schlichtweg keine Wohnung mehr leisten, weil Gehälter und Renten nicht im gleichen Maße gestiegen seien. Aktuell gebe es in Deutschland bereits 500000 Wohnungslose. Seiner Meinung nach werde es noch viel mehr Menschen treffen, die dann in den Schoß des Sozialstaates fallen würden.

Nicht zuletzt für die Beschäftigten im Handwerk forderte er auch eine Neuregelung der Rente. Denn wer etwa am Bau schaffe, könne oft aus körperlichen Gründen einfach nicht bis zum offiziellen Renteneintrittsalter arbeiten. Bei diesen Menschen, die, so lange es ihnen möglich war, rechtschaffene Arbeit geleistet hätten, reiche die Rente hinten und vorne nicht, um sich eine „normale“ Wohnung leisten zu können. Wenn man nicht wolle, dass sozialer Unmut und Altersarmut weiter wachsen, wenn man nicht wolle, dass sich dieser soziale Sprengsatz einmal entzündet, dann müsse diese Schieflage ins Lot gebracht und auch der soziale Wohnungsbau staatlich endlich wieder stärker gefördert werden. „Und dafür wäre nur ein Zehntel des Geldes notwendig, das zum Beispiel für die Bankenrettung ausgegeben wurde“, erklärte Roßkopf.

Dass Roßkopf in diesem Zusammenhang vor allem CDU und CSU kritisierte, stieß bei Oberbürgermeister Bernhard Gmehling auf keinerlei Verständnis. Die soziale Ungerechtigkeit in Bayern sieht er als „herbeigeredet“ an. „Stellen Sie sich vor, im Freistaat hätte es 30 Jahre lang eine Rot-Grüne Regierung gegeben, dann können Sie sich ausmalen, wo wir jetzt stehen würden“, meinte der OB in Richtung Roßkopf. Natürlich: Baupreise würden steigen, erschwinglicher Wohnraum immer rarer. Das spüre auch die Stadt Neuburg bei ihrem Bemühen, Sozialwohnungen zu bauen. Bei einem aktuellen Projekt, so Gmehling, habe man als Ziel eine Miete von 6,50 Euro pro Quadratmeter im Auge gehabt. Es wurde alles versucht, um diesen Preis zu halten, man ließ die Keller weg, baute keinen Aufzug ein und schaffte es am Ende doch nicht. „Am Ende waren es 7,50 Euro, billiger ging es nicht“, sagte er. Es scheiterte schließlich an all den regulierenden und bürokratischen Anforderungen, aber auch an hohen Preisen für die Handwerksfirmen.

Wie sein Vorredner, stellvertretender Landrat Alois Rauscher, meinte auch der Oberbürgermeister, dass die Situation für die erfreulich vielen, noch immer Familien geführten Handwerksbetriebe in Stadt und Landkreis angesichts der positiven wirtschaftlichen Entwicklung durchaus gut sei. Er blicke 2018 jedenfalls weiter zuversichtlich und optimistisch entgegen.

Die Moderation des Abends hatte einmal mehr Kreishandwerksmeister und stellvertretenden Innungsobermeister Hans Mayr übernommen. Wie OB Gmehling später hatte Mayr schon bei der Begrüßung auf die aktuell bedeutendsten Projekte in und um Neuburg hingewiesen: den Ausbau der B16, die Donaubrücke und den Campus der Technischen Hochschule Ingolstadt. Angesichts der erwarteten 1500 Studenten und der gleichzeitigen demografischen Entwicklung sei dies für Neuburg „ein Sprung in eine positive Zukunft“. Als „Befreiungsschlag für die Stadt“ sieht er die Aussicht auf eine zweite Donaubrücke bei Joshofen. Mit ihr werde Neuburg nicht stranguliert und könne sich dann auch im Norden weiter entwickeln. Und wenn alles gut läuft, könnte die Brücke in acht Jahren stehen. „Wenn Bernhard Gmehling also noch einmal kandidiert, kann er die Brücke noch als unser OB erleben“, fügte er an. Für Gmehling, dessen Entscheidung in dieser Sache noch aussteht, sollte es ein Wink mit dem Zaunpfahl sein.

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