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Neuburg

20.04.2019

Auf ein letztes Bier zum Assmann-Kreil

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Am Tisch Nummer 12 unter den Schützentafeln saßen einst „die Alten zusammen mit dem Kreil Fritz“, erinnert sich Toni Nuber (3. von links). Die Herrenrunde auf dem Bild drängte sich dagegen auf ein Feierabendbier am deutlich kleineren Nebentisch. Irgendwann sind die einstigen „Jungen“ auch in die Jahre gekommen und durften deshalb an den „Alt-Herren-Tisch“ wechseln.
Bild: Claudia Stegmann

In einer Woche schließt das Gasthaus Assmann-Kreil in Neuburg. 60 Jahre hat Wirtin Elly Kreil hier verbracht. Ihre Wirtsstube war die Heimat vieler Stammgäste.

Die Blumensträuße und Geschenke, die Elly Kreil in den vergangenen Wochen überreicht bekommen hat, kann sie schon längst nicht mehr zählen. Seit es laut ausgesprochen wurde, dass die Wirtschaft Assmann-Kreil unwiderruflich schließen wird, verabschieden sich im Wochenrhythmus die Stammgäste. Die Jedermänner des TSV, die Schützen der Donautaler, die Schafkopffreunde und die Briefmarkensammler – sie und viele andere Vereine und Gruppen waren über Jahre und Jahrzehnte hinweg Gäste in dem Wirtshaus, in das die 84-Jährige vor fast 60 Jahren hineingeheiratet hat und mit dem sie bis zum heutigen Tage verbunden ist. An diesem Dienstag ist es der Neuburger Stadtrat, der Elly Kreil seine letzte Aufwartung macht. Natürlich hat Oberbürgermeister Bernhard Gmehling Blumen mitgebracht, und natürlich bedauert er, dass die Tage des Assmann-Kreil gezählt sind. Am kommenden Sonntag, den 28. April, hat das Gasthaus unter der Ägide von Elly Kreil seinen letzten Tag. Was dann kommt, ist noch ungewiss. Sicher ist nur eines: So, wie es bislang war, wird es nicht mehr sein.

Viele stellen sich jetzt die Frage: Wo treffen wir uns künftig?

Einen Tisch weiter, unter dem schweren Kruzifix in der Ecke, sitzt eine Gruppe Männer, die sich wie so viele andere jetzt die Frage stellt: Wo treffen wir uns künftig? Seit 2004 sehen sich Rechtsanwalt Bernhard Lang, Hotelier Fritz Bergbauer, Künstler Viktor Scheck, Archivpfleger Max Direktor, Uli Göppinger und Franz Gutjahr jeden Dienstag im Assmann-Kreil, und seit 2004 sitzen sie immer an demselben Tisch. „Hier wurde die Idee zu unseren jährlichen Heimatwanderungen geboren, hier wurden sie geplant und hier haben wir auch auf sie angestoßen“, sagt Bernhard Lang und erzählt von winterlichen Fußmärschen quer durch Deutschland. Die Touren, die Treffen und der Assmann-Kreil – all das gehört für sie irgendwie zusammen und lässt sich nicht beliebig ersetzen. Deshalb hat sich das Sextett schon überlegt, ihren Teil des Assmann-Kreil zu bewahren. „Wir wollten unsere Ecke schon mitnehmen, wenn sie zumachen: Tisch, Bänke, Stühle und auch das Kruzifix. Aber das dürfen wir nicht“, erzählt Uli Göppinger augenzwinkernd. Für ihn sei der Assmann die einzige Wirtschaft, die den Namen auch zurecht verdiene: die bodenständige Küche, die alte Holzvertäfelung an der Wand, die Einschusslöcher aus der Zeit, als die Schützen noch in der Gaststube schossen – das mache den Assmann aus und das gebe es so in Neuburg auch kein zweites Mal.

Isabel Maier gehört quasi zum Inventar des Assmann-Kreil. Seit 20 Jahren arbeitet sie dort als Bedienung.
Bild: Claudia Stegmann

Elly Kreil erinnert sich gerne an die Veranstaltungen im Wirtshaus

Die Wehmut über das Ende des Gasthauses trifft auch die Wirtin selbst. Sie erinnert sich an das letzte Bockbierfest am Faschingssonntag, an die Kapelle, die aufspielte, und die Burgfunken, die in der Gaststube tanzten. „Das war recht schön! Aber...“ Elly Kreil hält inne, Tränen steigen ihr in die Augen. Es sind Momente wie diese, in denen ihr bewusst wird, dass ihr Wirtshaus nun tatsächlich geschlossen wird.

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Dabei hätte es sich die junge Elly vor ihrer Heirat nicht vorstellen können, einmal Wirtin zu werden. Vielmehr hatten es ihr Kleider, Strümpfe und Schuhe angetan. 14 Jahre war sie, als sie im Modehaus Paula (dem heutigen Keidler) ihre Lehre zur Textilverkäuferin begann. „Das hat mir gefallen! Vom Besten!“, schwärmt sie und erzählt von der exquisiten Garderobe, die es dort gab. Acht Jahre arbeitete sie in dem Geschäft, ehe sie zum Herrenausstatter Wörle wechselte. Doch als sie ihren Mann Fritz kennenlernte und dieser das Wirtshaus samt Metzgerei übernahm, war klar, dass es mit der Modebranche ein Ende hatte. In Trostberg sagte sie der Textilbranche Adieu und lernte Metzgereiverkäuferin. Statt mit Samt und Seide hantierte die junge Elly fortan mit Schweineschnitzel und Würstl. Wie die Umstellung für sie war? „Ja wunderbar! Das können Sie sich vorstellen“, bricht es aus ihr heraus und die Ironie ist nicht zu überhören. Während Schwiegermutter Rosina Kreil in der Wirtschaft kochte, kümmerte sie sich fortan zusammen mit Ehemann Fritz um die Metzgerei, die sich – noch bis in die 1990er Jahre – direkt neben dem Gasthaus befand. Sie war 26 Jahre alt, als sie 1960 in die Familien-Gastronomie Assmann-Kreil einheiratete.

Wirtin Elly Kreil mischte sich zeit ihres Lebens immer unter die Gäste.
Bild: Claudia Stegmann

Wenn Fasching war, dachten die wenigsten ans Heimgehen

Wenn die Metzgerei schloss, hatte Elly Kreil aber noch lange keinen Feierabend. Nicht selten saß sie bis spät nachts bei den letzten Gästen, die es kaum glauben wollten, wenn sie dann doch irgendwann resolut sagte: „Aber jetzt meine Herren ist Schluss!“ Wenn Fasching war, dachten dagegen die wenigsten ans Heimgehen. „Da haben die Bälle bis in der Früh um fünf gedauert – und um zehn hat schon wieder die Blasmusik gespielt“, erinnert sie sich. Vom Unsinnigen Donnerstag bis zum Faschingsdienstag ging es quasi durch, der eine Verein ging, der andere kam, und nicht selten blieb zwischen Ball und Frühschoppen zu wenig Zeit zum Ausnüchtern.

Sitzfleisch bewiesen auch die Landwirte, die zum Viehmarkt nach Neuburg kamen. „Die haben bei uns Brotzeit gemacht, und da wurde es schon mal fünf am Nachmittag, bis die wieder heimgefahren sind“, erzählt Elly Kreil. Weißwürste, Wollwürste mit Kartoffelsalat, fränkische Bratwürste, Leberknödelsuppe und saure Lüngerl standen damals auf der Speisekarte – genauso noch wie heute. Überhaupt macht das Essen einen Teil des Assmann-Kreil’schen Charmes aus. Es ist eine einfache, bayerische Küche aus einer längst vergangenen Zeit. Kein Schnickschnack, kein Chichi, kein Vegan und kein Glutenfrei. Wer beim Assmann isst, bestellt sich Blaue Zipfel oder einen abgebräunten Leberkäs mit Spiegelei. Und zum Nachtisch gibt es Dosenfrüchte oder eine Kugel Eis im Metallschüsselchen.

Una paloma blanca... Am Unsinnigen Donnerstag wurde die Gaststube immer zum Tanzparkett.
Bild: Claudia Stegmann

Auch am Stammtisch unter den Schützentafeln sind die speziellen Speisen ein Thema. Franz Rucker war schon als kleiner Bub mit seinem Vater beim Assmann und schwärmt heute noch von den hausgemachten Pusztastangen mit einer Kuppel vom Bäcker Deiml. Und Manfred Schweller erinnert sich an die Fleischsulzen. „Mmmm....“, fällt ihm dazu nur ein. Er ist einer von zwölf Herren, die sich seit vielen Jahren im Assmann treffen. Dann wird geratscht, diskutiert „und auch a weng politisiert“, sagt Georg Moggl. Es sei einfach die Volksseele, die hier an diesem Tisch zum Ausdruck komme. Jeden Dienstag und Freitag trifft sich die Runde, die mittlerweile etwas häuslicher geworden ist. „Früher waren wir jeden Tag nach Feierabend hier, und am Samstag haben wir Karten gespielt“, erzählt Toni Nuber, der im Assmann nicht nur Glück im Spiel, sondern auch in der Liebe hatte. Denn seit fast 20 Jahren sind er und Wirtstochter Roswitha Zach ein Paar.

Wie es mit dem Gasthaus weitergeht, steht derzeit noch in den Sternen. Der Familie wäre es am liebsten, wenn sich ein Käufer finden würde, der das Lokal in bayerischer Manier weiterführen würde. Interessenten gibt es, doch eine finale Entscheidung ist noch nicht gefallen. Wenn sich die Türen am kommenden Sonntagabend schließen, ist also aller Voraussicht nach nicht klar, wann und wer sie wieder aufsperren wird. Eines ist aber sicher: So, wie es bislang war, wird es nicht mehr sein.

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