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Neuburg

07.10.2019

Ausstellung: Mit spitzer Nadel aufs Korn genommen

Endzeitstimmung oder ein „Memento mori“? Wie immer bleibt es dem Betrachter überlassen, was er alles aus dem Bild herausliest.
Bild: Zeichnung: H.G. Rauch, Foto: Ilse Lauber

In Graphiken zeichnete H. G. Rauch ein Bild der deutschen Gesellschaft. Wie kunstfertig er Missstände thematisierte, zeigt die Ausstellung im Fürstengang.

Für diese Ausstellung muss man Zeit mitbringen. Und am besten auch gleich eine Lupe. Denn nicht alle der ausgestellten Werke von Hans-Georg Rauch erschließen sich auf den ersten Blick, so detailgetreu, fast schon detailverliebt und überaus filigran sind sie mit der Nadel gestichelt. Erst beim zweiten oder dritten Blick offenbart sich dem Betrachter die Komplexität der Graphiken des viel zu früh verstorbenen Künstlers, an dessen „Zeitzeichen“ in der „Zeit“ sich manch Ältere vielleicht noch erinnern. Oft als „Visionär“ und „zeichnender Philosoph“ bezeichnet, bildete Rauch ab, was ihn an- und aufregte, sei es in der Politik, in der Kunst, in puncto Technikglauben oder Sünden an der Umwelt.

1939 in Berlin geboren, war H. G. Rauch zunächst als Schaufenstergestalter tätig. Beim Militärdienst schloss er nach eigenen Angaben die „geistige Ausbildung zum Karikaturisten“ ab, der Anfang der Sechziger ein Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg folgte. Ab 1965 war er Mitarbeiter zahlreicher europäischer und amerikanischer Printmedien wie etwa bei der Zeit, beim Spiegel, dem Stern, dem Observer und der New York Times. Ab Anfang der Achtziger engagierte er sich mit seiner Frau in der Friedensbewegung. In dieser Zeit entstanden auch farbige Landschaftszeichnungen wie die „Physiognomia arborum“ und der „Aufstand der Landschaft“. 1993 stirbt Hans-Georg Rauch unerwartet in seinem Haus in Worpswede.

Einen Monat lang sind Rauchs Radierungen im Fürstengang zu sehen

54 Radierungen von H. G. Rauch sind nun einen Monat lang in der Städtischen Galerie im Fürstengang zu sehen, entstanden aus der Lust am Experiment: In einem einwöchigen Crashkurs lernte Rauch, der zuvor nur mit der Feder gezeichnet hatte und sich nie als Maler verstand, den Umgang mit der Radiernadel und der Kupferplatte. Die Krux dabei: Fehler sind bei Kaltnadelradierungen praktisch nicht zu korrigieren, da das Werk ja unmittelbar in die Platte gestochen wird. Der Vorteil gegenüber der Original-Federzeichnung ist natürlich die Reproduzierbarkeit, wodurch sich mehr Käufer einen Abzug leisten können. In der Regel ließ Rauch 100 Exemplare anfertigen, heißt es auf der Homepage des Künstlers.

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Die im Fürstengang ausgestellten Druckgraphiken stammen allesamt aus dem Besitz der Stadt Neuburg. Soweit er wisse, habe der damalige Kulturamtsleiter Dieter Distl sie zu Beginn der 90er Jahre erworben, berichtete Oberbürgermeister Bernhard Gmehling in seiner Eröffnungsrede am Sonntagmittag. 2018 habe man beschlossen, dass die städtischen Sammlungen öffentlich zugänglich gemacht werden sollten. Bei der Ausstellungseröffnung begrüßte der OB auch den bekannten Karikaturisten Horst Haitzinger, der mit seiner Frau zu der Vernissage nach Neuburg gereist war.

War der Künstler nicht zufrieden, hat er Zeichnungen zerstört

Als „hervorragend“ bezeichnete Horst Rasch, langjähriger Freund und Nachlassverwalter von Hans-Georg Rauch, die Idee, hier einen „speziellen“ Rauch zu zeigen, nämlich ausschließlich Radierungen. Der frühere Architekturjournalist erklärte auch, weshalb er seinen Weggefährten als „gefühlvollen Berserker“ bezeichnet: War der Künstler mit dem Ergebnis nicht zufrieden, zerstörte er aus Frustration nicht nur die Zeichnungen, sondern zuweilen auch die Radierplatten.

„Heute würde er Schlauchboote mit Flüchtlingen im Mittelmeer zeichnen“, meinte Rasch in seiner Laudatio. Er freute sich besonders über eine Radierung, die selten irgendwo zu sehen sei: „Im Nebel“. Der Text des Gedichts von Hermann Hesse hängt wie Spinnenweben zwischen zwei Bäumen, ein gespenstisches und melancholisches Bild, kongenial zu Hesses Lyrik und überaus passend zu dieser Jahreszeit.

Die Ausstellung ist bis 3. November zu sehen, und zwar donnerstags und freitags von 17 bis 19 Uhr sowie samstags, sonntags, feiertags von 11 bis 19 Uhr.

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