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Musik in Neuburg

19.07.2020

"Barock bis Rock": Festival-Feeling in Corona-Zeiten

Leise Töne aus Berlin und Leipzig kamen vom Duo Antoinette & Holzmann.
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Leise Töne aus Berlin und Leipzig kamen vom Duo Antoinette & Holzmann.
Bild: Abspacher

Plus Bei Noppos Gitarrenfestival „Barock bis Rock“ spielen regionale und internationale Künstler auf. Erstmals ist ein Gitarrenvirtuose aus England im Neuburger Museumsgarten zugeschaltet.

Unter freiem Himmel, mit Maske und Abstand, aber dennoch: Mit Noppos Gitarrenfestival „Barock bis Rock“ kehrt das Leben in die Kulturstadt Neuburg zurück. Den Auftakt machten das Münchner Gitarrentrio um Alexander Leidolph, Thomas Etschmann und Mikhail Antropov.

Münchner Gitarrentrio zeigt auch brasilianische Einflüsse in Neuburg

Ein etwas einfallsloser Name vielleicht, doch die Musik der drei Saitenvirtuosen konnte sich durchaus hören lassen. Getreu dem Festivaltitel begannen sie mit Antonio Vivaldi, den sie zart schmelzend interpretierten und bei dem das Vibrato und die melodische Vielstimmigkeit ein wenig an die Streicher der Originalbesetzung erinnerten. Es folgten brasilianische, spanische und kubanische Einflüsse, manches weniger feurig als man vermuten könnte, dafür umso nuancierter. Immer wieder stimmten sich die drei Musiker über Blickkontakt ab und gingen scheinbar mühelos auf die Einfälle der anderen ein.

Von Barock bis Rock unterwegs: Das Münchner Gitarrentrio.
Bild: Abspacher

Sönke Meinen war bereits im vergangenen Sommer in Neuburg zu Gast, ein paar von damals bekannte und ein paar neue Stücke hatte er auch am Freitag dabei. Seine Kompositionen sind perlend, sehnsuchtsvoll, elegant, energiegeladen und tragen so illustre Namen wie „Sparkle Muffin“ oder „Perpetuum Mobile“. Verschiedene Rhythmen, Takte und Spielweisen mischen sich da ineinander, es wird gezupft, geklopft, getrommelt und gewischt. Doch auch die leisen Töne beherrscht der Ostfriese. Vor allem in Stücken, die von seiner Heimat und Familie inspiriert wurden, schwingen immer etwas Nostalgie und Weltschmerz mit.

Irgendwo zwischen Blues, Pop, Rock, Folk und ein wenig Jazz findet sich Dave Goodman, der den Freitag beschloss. Als „musikalisches Chamäleon“ von Moderator Bernhard Mahler angekündigt, weiß der gebürtige Kanadier verschiedenste Stilrichtungen zu verbinden. Zu eigenen Kompositionen gesellen sich Jimi Hendrix und Randy Newman: alles prägnant, alles emotional, alles ein wenig rustikal und authentisch. Auch seine Stimme weiß Goodman gekonnt einzusetzen. Er nimmt die Zuschauer zu später Stunde mit, vom Museumsgarten aus bis in die unendlichen Weiten Kanadas und Amerikas, erzählt durch seine Musik von Freiheit und unbeschwerten Tagen.

Zweiter Tag des Gitarrenfestivals in Neuburg: Fast funkt der Wettergott dazwischen

Fast hätte der Wettergott am zweiten Tag des Guitarrista-Festivals sehr unmusikalisch dazwischengefunkt. Kurz vor dem Start zogen dunkle Wolken auf, aber dann löste sich alles auf, in Wohlgefallen und Wohlklang. Festival-Feeling prägte den Abend. Den ersten Treffer beim Publikum landete Noppo Heines Gitarren-Schülergruppe. Ein flotter Tango, ein kleiner Bossa Nova, und Gitarrenzauber schwebte in der Luft. Saubere Töne, inspiriert von Noppo, Lehrer und spiritus rector dieses beachtlichen Festivals. Vielleicht wäre ein mutigeres Tempo möglich gewesen – ohne unkalkulierbares Risiko.

Überzeugte mit Gitarre und einfühlsamem Gesang: Dave Goodman.
Bild: Abspacher

Hudlhub, das ist ein winziger Weiler im Pfaffenhofener Land und der Name eines witzigen, unverwechselbaren Trios. Mathias Petry, Sabine Beck und Barbara Seitle bieten eine raffinierte Art von Heimatmusik, die mit Drive in Bauch und Beine geht, mit Texten auf philosophischem Niveau Marke Hudlhub, gelegentlich auch mit Blödeltouch auf intelligentester Stufe und mit verblüffenden kompositorischen Einfällen.

Die Zuhörer werden regelrecht hineingezogen in diese Welt und sie lassen sich gerne hineinziehen. Der Sound ist stimmig, der Gesang hat Charakter und die Texte sind oft ein reines Vergnügen. Köstlich der Song von den braven Feuerwehrlern aus Hudlhub, denen wilde Frauen den Kopf verdrehen, nach dem Motto „die Vollmondnacht hat no jedn deppert gmacht“. Manches fast rockig, anderes zart, und am Ende umwerfend komisch mit dem Hudlhuber Himbeertwist. Da geht das vom langen Corona-Entzug ausgehungerte Publikum voll mit.

Maria Antoinette und Richard Holzmann bringen eine andere Welt in den Museumsgarten

Eine andere Welt holt das Duo Maria Antoinette und Richard Holzmann in den Museumsgarten. Wenn die Sängerin aus Berlin ihre intensive, weiche Chanson-Stimme entfaltet und der Gitarrist aus Leipzig elegant die Saiten anschlägt, wird es mucksmäuschenstill. Da ist Sehnsucht zu spüren, auch Traurigkeit, große Emotion. Man muss sich ein bisschen gewöhnen an diese zerbrechlich wirkende Art des Musizierens. Und an Texte, selbst geschriebene Gedichte und Prosa der nicht so leicht zugänglichen Sorte. Diese gesungene Lyrik, umspielt von experimentellen Gitarrenklängen wirkt gelegentlich überambitioniert, jedenfalls verlangt das Duo dem Zuhörer einiges ab. Die kleine Mühe aber lohnt sich.

Ein Glanzlicht solistischer Gitarrenkunst dann der Auftritt von Will McNicol zum Abschluss. Der vielfach prämierte britische Virtuose saß tausend Kilometer entfernt in einem Landhaus an der englischen Südküste, er war in technisch brillanter Qualität auf die große Leinwand in Neuburg zugeschaltet. Seine Partnerin ist schwanger, bei seiner Rückkehr hätte er sich zwei Wochen in Quarantäne begeben müssen.

Die große Entfernung war jedoch kein Hindernis. McNicol war ab den ersten Griffen auf seiner Gitarre buchstäblich mitten im Museumsgarten. Ein betörender Sound, warm und nobel in der Tiefe, klar und ohne jede Schärfe auch bei den verrücktesten Figuren in höchsten Lagen. Dazu eine Musikalität, die sich etwa darin zeigte, wie er das hundertmal gehörte Guantanamera interpretierte. Die Melodie klingt immer wieder in anderen Farben auf, verdichtet und veredelt, in Variationen verwandelt. Manchmal glaubt man, ein kleines Orchester im Pizzicato zu hören. Das ist große Kunst, geboten mit einer frischen, spitzbübischen Ausstrahlung. Eine tolle Mischung. Und die passt zu einem tollen Festival.

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