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Neuburg-Schrobenhausen

29.11.2019

Bauern gehen auf die Barrikaden

Tausende Traktoren – und im Fall von Peter Ziegler aus Heinrichsheim Unimogs – legten am Dienstag die Berliner Innenstadt lahm, um gegen das Agrarpaket der Bundesregierung zu demonstrieren. Die Landwirte fühlen sich von der Politik vernachlässigt. 
Bild: Peter Ziegler

Plus Das Agrarpaket der Regierung sorgt für Unmut unter den Landwirten. Drei aus der Region erzählen, was sie davon halten. Einer war sogar auf der Demo in Berlin.

Den Landwirten reicht es. Über 8000 Traktoren schoben sich am Dienstag durch Berlin und lösten ein Chaos aus. 40.000 Landwirte und Gegner der Agrarpolitik machten ihrem Ärger Luft. Einer von ihnen war Peter Ziegler, Vorsitzender der Bayerischen Jungbauernschaft im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Zusammen mit drei weiteren Bauern war der Heinrichsheimer in Berlin. Der Hauptkritikpunkt: Die Landwirte haben das Gefühl, nicht gehört, ja sogar vernachlässigt zu werden von der Politik.

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Persönlich treffen ihn die strengeren Auflagen bei den Themen Insektenschutz und Düngen nicht so sehr. „Neuburg ist ein grünes Gebiet, da hat die Düngeverordnung nicht so starke Auswirkungen.“ Anders sähe es in roten Gebieten aus: Dort hätten viele seiner Kollegen Existenzängste, da sie befürchten, durch die Auflagen weniger Qualität und Ertrag zu erzeugen. Außerdem, sagt Ziegler, liege der Naturschutz den Landwirten am Herzen. „Wir wollen ja die Böden für die Generationen nach uns erhalten.“ Doch die Landwirte fordern, dass sie einen Ausgleich bekommen, wenn sie mehr Auflagen einhalten sollen. Die Stimmung unter den Landwirten sei schlecht: „Es brodelt.“

Der 24-Jährige, der einen Ackerbau-Betrieb hat, sieht ein, dass sich auch die Landwirtschaft verändern muss. Aber: „Das Agrarpaket zwingt uns, Sachen umsonst umzusetzen. Rein wirtschaftlich geht nichts mehr.“ Es fehle das Miteinander, daher wünscht sich der Landwirt, dass die Politik mit den Bauern ins Gespräch kommt, diskutiert und gemeinsam Lösungen sucht. Das sei aber wohl noch ein langer Weg, befürchtet Ziegler.

Bauern gehen auf die Barrikaden

Biobauer Manfred Roßmann aus Trugenhofen setzt auf Klasse statt Masse

Manfred Roßmann ist Biobauer in Trugenhofen, einem Ortsteil von Rennertshofen. Vor zehn Jahren hat er den Familienbetrieb mit jahrhundertealter Tradition auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. „Ich kam gerade aus der Meisterschule und habe mich gefragt, wie ich mir die Zukunft vorstelle und wo ich Perspektiven in der Landwirtschaft sehe“, erzählt der 34-jährige Betriebswirt. Bereits damals habe sich ein Trend hin zu Bioprodukten abgezeichnet, und so stand für ihn fest: Er wollte Biobauer werden. Inzwischen umfasst sein Betrieb 85 Milchkühe, Ackerbau und Grünland. „Mein Prinzip lautet Klasse statt Masse“, sagt Roßmann.

Obwohl er seinen Entschluss bis heute nicht bereut hat, weiß er um eine grundlegende Problematik, mit der Biobetriebe zu kämpfen haben. „Die Verbraucher möchten zwar mehr Bio, sind aber nicht bereit, dafür mehr Geld auszugeben“, sagt Roßmann. Ursächlich sei die grundsätzliche Einstellung zu Lebensmitteln in Deutschland. „Die Menschen geben lieber 1000 Euro für ein neues Handy aus als 1,50 Euro mehr für höherwertiges Fleisch.“ Was zur Folge habe, dass bereits heute die Biobetriebe ihre Erzeugnisse, die sie hierzulande produziert haben, nicht ausschließlich in Deutschland vermarkten können. Mit so absurden Folgen, dass es beispielsweise Molkereien gäbe, die Biomilch nach Nordkorea exportieren, weil man dort bereit sei, höhere Preise zu zahlen. Bedenkt man den Transport, sei diese Praxis aus Umweltaspekten absurd, gibt Roßmann zu bedenken.

Bevor es mehr Biobauern gebe, müsse ein Umdenken bei den Verbrauchern stattfinden

Sie offenbart jedoch ein Problem. „Deutschlandweit sind acht bis neun Prozent aller Landwirtschaftsbetriebe Biobetriebe, diese wiederum machen fünf Prozent der Nahrungsmittelproduktion aus“, sagt Roßmann. Wenn nun noch mehr Betriebe auf Bio umsteigen würden, – wie von der Politik gefordert – würden diese ihre Waren noch weniger verkauft bekommen. Daher müsse laut Roßmann zuerst ein Umdenken beim Verbraucher stattfinden und ein größerer Markt für Bioprodukte entstehen, wolle man nicht riskieren, dass auch in diesem Segment die Preise einbrechen und Landwirte in ihrer Existenz bedroht werden. Roßmann macht die Entwicklung am Beispiel des Körnermaises fest. Weil bereits immer mehr Getreidebauern auf Bio umgestellt hätten, habe er im Vergleich zum Vorjahr in diesem Jahr nur noch 70 Prozent des Marktpreises für seinen Mais erzielen können. Käme so etwas öfter vor, hätte er ein Problem, sagt der Landwirt aus Trugenhofen.

Für den Unmut seiner konventionell arbeitenden Kollegen angesichts immer neuer Auflagen hat Roßmann Verständnis. Zwar würden ihn viele davon nicht betreffen, etwa was Herbizide oder Insektizide betrifft, weil er die nicht einsetze, andere bekäme aber auch er zu spüren. Etwa Abstandsauflagen zu Gewässern oder die Düngeverordnung. Im Handeln der Politik sieht er eine Doppelmoral: Während Brasilien beispielsweise 300 neue Pflanzenschutzmittel zugelassen habe und Getreide und Soja nach Deutschland exportieren dürfe, ächzten heimische Bauern unter immer strikteren Auflagen.

Einer, der vor über 70 Jahren in einem Landwirtschaftsbetrieb aufgewachsen ist, und vor zehn Jahren seinen Hof an seinen Sohn übergeben hat, der hat seine eigene Meinung über die laufende Diskussion. Als er aktiver Bauer war, musste die Landwirtschaft die Ernährung der Bevölkerung sichern. Natürlich sei da mehr Dünger gestreut und mehr Pflanzenschutzmittel eingesetzt worden. Doch das hätten gerade kleinere Landwirtschaftsbetriebe in den vergangenen zehn Jahren allein schon aus Kostengründen zurückgefahren. Mit Glyphosat sei ohnehin sehr vorsichtig umgegangen worden. Außerdem gäbe es durch neue Techniken mittlerweile viel mehr Möglichkeiten wie früher, die Böden zu schonen. Die jungen Landwirte seien sich ihrer Verantwortung durchaus bewusst. Großbetrieben bliebe dagegen gar nichts anderes übrig, als ihre Böden abzuspritzen, damit sie wieder säen können. Würden sie ihre riesigen Flächen umackern, würden die Böden wegen des sich ändernden Klimas austrocknen. Und wenn man schon beim Klima ist: Die Diskussion ist für den pensionierten Landwirt aus einem südlichen Stadtteil Neuburgs nur schwer verständlich. Den Wandel des Klimas habe es schon immer gegeben, aufgehalten werden könne er ohnehin nicht. Doch ihm erscheine es so, als ob es den Klimawandel nur in Deutschland gebe. Bei der Klimadebatte laufe vieles in die falsche Richtung. Es sei halt leicht, über die Landwirte herzufallen. Dagegen würden etwa die Probleme rund um die Elektromobilität ausgeblendet. „So wie es derzeit ist, macht Landwirtschaft keinen Spaß“, meint der 76-Jährige, der seinen Namen nicht veröffentlicht haben möchte.

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