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Ingolstadt

11.10.2019

Beeindruckendes Konzert mit Enrico Rava

Enrico Rava gastierte im Audi Forum in Ingolstadt.
Bild: Thomas Eder

Startrompeter Enrico Rava eröffnet das 9. Birdland Radio Jazz Festival. Sein Repertoire ist kraftvoll und vielfältig.

Das Wort steht da wie in Stein gemeißelt. Übermächtig, erhaben, stolz, geheimnisvoll. Die Assoziation mit Lava drängt sich auf. Eine gewaltige, unantastbare Autorität. 80 Jahre ist der Besitzer dieses Namens vor wenigen Wochen geworden, aber wie muss man in einem Alter wie diesem eigentlich aussehen? Enrico Rava hatte gefühlt schon immer diese langen, schlohweißen Haare, diesen fein gezwirbelten Schnauzbart und diesen stechenden Latin-Lover-Blick. Und sein Flügelhorn spielt er fast noch einen Tick perfekter, als in den 1960er Jahren, als er in New York begann, die Jazzwelt zu erobern.

Heute ist der Mann aus Triest eine lebende Legende, ein Leuchtturm im Treibsand dieser Musikgattung. Kein Klischee passt auf ihn. Rava ist und bleibt der Solitär des experimentellen, modernen Jazz. Dass dieser Ausnahmemusiker mit seinem besetzten italienischen Sextett das Auftaktkonzert des 9. Birdland Radio Jazz Festivals im Audi Forum Ingolstadt absolvierte, erwies sich sowohl für Birdland-Impresario Manfred Rehm wie für den Bayerischen Rundfunk, der den Abend aufzeichnete, als Glücksfall. Selten zuvor in der mittlerweile 19-jährigen Geschichte von Jazz im Audi Forum Ingolstadt gab es zwischen den Oldtimern im Museum mobile derart raffinierte, facettenreiche Klänge zu erlauschen, bei denen sich Rava als Primus inter pares in allerbester Spiellaune präsentierte.

Enrico Ravas Devise lautet: Alles geht!

Freilich: Die Kost, die der italienische Startrompeter verabreicht, ist alles andere als leicht konsumierbar. Sie zwingt jeden im Publikum zum Zuhören, den verschlungenen Pfaden zu folgen, die er und das einmal mehr hinreißende Rava-Alter Ego Gianluca Petrella an der Posaune, der verrückt-brillante Pianist Giovanni Guidi, der farbenreiche Gitarrist Francesco Diodati und die extrem variantenreich agierenden Gabriele Evangelista (Kontrabass) und Enrico Morello (Drums) einschlagen. Kein Vergleich mit dem sonst an dieser Stelle dargebotenen Fastfood-Jazz. Ravas Devise für sein gehaltvolles, mit allerlei wertvollen kreativen Ballaststoffen angereichertes Menü wäre mit zwei Worten umrissen: Alles geht! Seine Palette reicht von Rock über Opern, Filmmusiken, Anklängen von modaler Avantgarde, italienischen Volksliedern bis hin zu repetitiven Techno-Mustern. Ein atemberaubendes, quicklebendiges kulinarisches Meisterstück voller Musikalität und Kraft.

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Petrellas Posaunenballons platzen, Ravas Flügelhorn-Pfeile sausen durch den Raum. Pianistische Akkord-Gebäude Guidis brechen mit einem Mal wie ein Kartenhaus zusammen, ausgehöhlt von Evangelistas toxischen Basstropfen, umhüllt von Diodatis betäubenden Gitarrenschleiern, während mannsgroße Schlagzeugbrocken von Morello auf einen herniederprasseln. Metren torkeln umher. Ein swingender Puls wird hörbar, bis dieser wie ein aus dem Takt geratenes Herz zu kollabieren droht. Auch die Balladen sind anders: abseitig, beinahe wie im Delirium, schwerelos, voller Poesie. Von den taifunartigen Freejazz-Passagen zur Sangbarkeit der leichten, sonnendurchfluteten mediterranen Canzone ist es oft nur ein Katzensprung. Ein Konzert wie dieses ist ein kraftvolles Plädoyer für barrierefreie Musik, die so nur unter dem weiten Mantel des Jazz gelingen kann.

Das Programm des 9. Birdland Radio Jazz Festivals

Nach dem Auftakt mit Enrico Rava im Audi Forum Ingolstadt geht es schon am kommenden Wochenende mit dem 9. Birdland Radio Jazz Festival weiter. Am Freitag, 25. Oktober, gastiert das Black Art Jazz Collective, ein Querschnitt der wichtigsten Protagonisten des zeitgenössischen amerikanischen Jazz (besonderes Merkmal: Black!) im Keller unter der Hofapotheke in Neuburg. Tags darauf am Samstag, 26. Oktober, will der Schweizer Gitarrist Roberto Bossard ein mitreißend farbiges Klangmobile konstruieren. Temperamentvollen multinationalen Jazz kredenzt die spanische Pianistin Marta Sanchez am Freitag, 15. November. Mit dem französischen Klarinettisten/Saxofonisten Michel Portal gibt sich ein weiterer großer Name am Samstag, 16. November, im Birdland die Ehre, diesmal im Duo mit dem Pianisten Roberto Negro. Die heiße Phase des Birdland Radio Jazz Festivals beginnt am Donnerstag, 21. November, mit einem Doppelkonzert im Stadttheater, das der legendäre Gitarrist Ralph Towner und das Trio des Organisten Larry Goldings bestreiten. 90 Jahre ist Klarinettist Rolf Kühn vor kurzem geworden. Am Freitag, 22. November, tritt er den schlagenden Beweis für seine alterslose Klasse an. Das Abschlusskonzert mit The Real Mob am Samstag, 23. November, wird wie immer live aus dem Neuburger Birdland von 22 bis 0 Uhr auf Bayern2 Radio übertragen.

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