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Corona in Behinderteneinrichtungen

17.05.2020

„Besuche sind superschön, aber hochgefährlich“

Im Maria-Weigl-Haus der Lebenshilfe Neuburg ist man bisher gut durch die schwierige Zeit gekommen. Auch, weil Bewohner und Mitarbeiter versucht haben, das Beste aus der Situation zu machen. 
Bild: Franziska Grünert

Plus In Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen ist es besonders schwierig, die Corona-Situation zu erklären. Wie die Betreuer damit umgehen.

Der Regenbogen ist in den vergangenen Wochen ein Zeichen für Zusammenhalt und Hoffnung geworden. Kinder haben ihn mit Malkreiden auf die Straße und vor Haustüren gemalt, Kindergärten und Kitas ihre Fenster damit geschmückt. Auch vor dem Maria-Weigl-Haus in Neuburg findet man das farbenfrohe Symbol mit dem Schriftzug „Alles wird gut!“

Wie in allen anderen Einrichtungen regiert auch im Wohnheim seit Mitte März der Ausnahmezustand. 50 geistig behinderte Erwachsene im Alter zwischen 30 und 72 Jahren leben hier und werden betreut. „Bei uns ist der Altersdurchschnitt eher hoch“, sagt Heimleiterin Franziska Grünert. „Wir haben viele Menschen, die zur Risikogruppe gehören. Menschen mit dem Downsyndrom haben beispielsweise häufig Herzprobleme. Es wäre fatal, wenn bei uns ein Corona-Fall auftreten würde.“ Damit es nicht so weit kommt, gelten auch hier besondere Vorsichtsmaßnahmen. Um die Bewohner und Mitarbeiter bestmöglich zu schützen, messen alle regelmäßig Fieber.

Die Coronakrise ist Behinderten besonders schwer zu vermitteln

Neben den gängigen Hygienevorschriften wie Hände desinfizieren und Mund-Nasen-Schutz ist es für die Bewohner der insgesamt sechs Wohngruppen besonders hart, dass sie ihre Angehörigen seit Wochen nicht besuchen können. „Wir haben Bewohner, die vor Corona jedes Wochenende nach Hause gefahren sind“, sagt Franziska Grünert. „Der ein oder andere wurde langsam unruhig und ungeduldig.“ Ein Bewohner habe beispielsweise den Kuchen seiner Mutter sehr vermisst, den die jedes Wochenende für ihn gebacken hatte. Seine Betreuerin ließ sich das Rezept schicken und die beiden versuchten, den Kuchen so zu backen, wie bei der Mama. Das Engagement der Pflegekräfte im Wohnheim ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Situation für Bewohner und Angehörige eine sehr belastende war.

„Besuche sind superschön, aber hochgefährlich“

Am vergangenen Dienstag verkündete der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder die ersten Lockerungen bei den sehr strengen Besuchsregeln in Pflegeheimen und Eingliederungseinrichtungen. Unter Auflagen darf eine Kontaktperson je einen Bewohner besuchen. Der Angehörige wird dann vom Heim mit Mund-Nasen-Schutz ausgestattet und wenn möglich, soll Abstand gehalten werden. „Gerade die Abstandsregeln sind in unserer Arbeit kaum umsetzbar“, sagt Franziska Grünert. Nicht alle Bewohner sind kognitiv in der Lage, die Situation zu verstehen. Viel Kommunikation läuft über Berührungen. „Wir haben schon mit allen Bewohnern ausgemacht, dass man sich nur Ellbogen an Ellbogen oder Fuß an Fuß begrüßt“, erklärt die Heimleiterin. „Allerdings helfen wir beim Duschen, Waschen, Zähneputzen, da lässt sich der Abstand nicht einhalten. Wir versuchen es eben, so gut es geht.“

Diese Vorschriften gelten in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen

Von den Lockerungen wurde im Maria-Weigl-Haus in den vergangenen Tagen bereits rege Gebrauch gemacht. Franziska Grünert erarbeitete mit ihrem Team ein Hygienekonzept, um Angehörigen und Bewohnern die Möglichkeit zu geben, sich nach langer Zeit endlich wieder zu sehen. „Jeder muss eine Selbstauskunft ausfüllen, muss sich die Hände desinfizieren und bekommt von uns einen Mund-Nasen-Schutz“, sagt Grünert. Soweit die Bewohner eine Maske im Gesicht tolerieren, sollen auch sie eine tragen. Vier Plätze, drei davon im Freien, sind für die Treffen vorgesehen. „Unsere Bewohner haben sich sehr gefreut. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.“ Die Einrichtung ist auch stets in engem Kontakt mit dem Gesundheitsamt und dem Landesverband der Lebenshilfe in Erlangen.

Auch in den Einrichtungen der Stiftung St. Johannes wurden alle Beteiligten „in die Corona-Situation katapultiert“, wie es Kristina Lappler ausdrückt. Als Einrichtungsleiterin koordiniert sie den Bereich für psychisch beeinträchtigte Menschen. Der Lockdown sei keine einfache Situation gewesen. Besonders für kranke Menschen und Menschen mit Handicap sei es eine riesige Herausforderung gewesen, zu verstehen, wieso plötzlich niemand mehr zu Besuch kam. Mit modernen Medien, Telefonaten und Briefaktionen hat die Einrichtung versucht, es für die Bewohner möglichst erträglich zu gestalten. Die Lockerung in Sachen Besuche sind für Lappler ein zweischneidiges Schwert: „Dass sich Angehörige wieder sehen können, ist superschön und hochgefährlich.“ Daher appelliert sie an jeden Besucher, sich nicht alleine von Gefühlen der Wiedersehensfreude leiten zu lassen. „Es müssen sich alle unbedingt an die Vorgaben und Konzepte halten“, sagt Lappler. „Jetzt gilt es, mit dem Virus leben zu lernen und die Menschen in unserer Gesellschaft besonders zu schützen, die ein erhöhtes Risiko haben.“

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