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Kundgebung

24.03.2018

Betroffenen ein Gesicht geben

Drei Forderungen stellen die Initiatoren der Aktion „Wir suchen Wohnungen“ auf dem Schrannenplatz an die Stadt Neuburg, die sie auf dem Transparent formulierten.
Bild: Manfred Dittenhofer

Gestern Nachmittag kamen auf den Schrannenplatz Menschen, die eines verbindet: Die Suche nach bezahlbaren Wohnraum. Was sie fordern

Das brisante Thema fehlenden, günstigen Wohnraums hatte Andreas Fischer schon vor eineinhalb Jahren dazu veranlasst, den Wohnungssuchenden in Neuburg ein Gesicht zu geben. Rund 50 Betroffene versammelten sich damals auf dem Karlsplatz. Gestern am späten Nachmittag waren es rund 25 Menschen, die dem zweiten Aufruf von Andreas Fischer und seinen Mitstreitern der Facebookseite „Wir suchen Wohnungen“ folgten und auf dem Schrannenplatz zusammenkamen. Die enorme Mietpreissteigerung in Neuburg seit 2012 – die Süddeutsche Zeitung schrieb von 46 Prozent – waren für Fischer der Anlass für die Kundgebung.

Es geht um alleinerziehende Geringverdiener, Zuzügler, Patchwork-Familien, um anerkannte Flüchtlinge oder Studenten: Für sie wird es immer schwerer, bezahlbaren Wohnraum in der Stadt zu finden. Der 31-jährige Fischer ist Sozialpädagoge, wohnt selbst in einer Mietwohnung im Ostend und hat nahezu täglich mit Menschen zu tun, die nicht so gut gestellt sind, die zum Beispiel gezwungen sind, zur Tafel zu gehen, um dort Unterstützung zu finden. „Aber das sind trotz ihrer angespannten finanziellen Situation anständige Menschen“, gibt er zu verstehen. Andreas Fischer ist auch keiner, der auf die Stadt oder alle Vermieter schimpft. Dennoch gebe es unter den Vermietern auch diejenigen, die sich an der Not anderer bereichern wollen. Da würde ein Mitspiegel durchaus ein Stück weit helfen, meint Fischer, weil dadurch die Mietpreise schlichtweg transparent wären.

Doch das wäre zu kurz gesprungen. Wie Fischer sagte, müssten vor allem Freistaat und Bund und in der Folge die Kommune Signale setzen. Fischer erzählte, dass zwischen 2006 und 2016 im gesamten Landkreis keine Wohnung mit öffentlichen Geldern gefördert worden sei. Der Freistaat habe sich, was den sozialen Wohnungsbau angehe, ab Ende der 1990er Jahre mehr oder weniger aus der Affäre gezogen. Fördersummen seien drastisch heruntergefahren und viele Wohnungen ohne Not verkauft worden. Dabei hätte man doch sehen müssen, dass der Bedarf stetig steige. Gleichzeitig hat Fischer mitbekommen, dass der Freistaat zuletzt neun Millionen Euro Strafzinsen auf sein Guthaben bezahlen musste. Am fehlenden Geld könne es also nicht liegen, um den Bau bezahlbaren Wohnraums stärker zu unterstützen. Auch der Bund müsste sich nach Fischers Vorstellungen aktiv einmischen und regulierend in den Markt eingreifen, bevor der noch weitere Blüten treibe.

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Mit einer attraktiven Förderung kann dann auch Neuburg wieder versuchen aufzuholen, was seit dem Verlust der 1000 „Neue-Heimat“-Sozialwohnungen begonnen habe. Fischer und seine Mitstreiter fordern vom Stadtrat, dass er beschließt, dass 100 Sozialwohnungen gebaut werden. Die öffentlich geförderten Wohnungen sollen in verschiedenen Wohngebieten entstehen, sodass in den Häusern Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten zusammenwohnen. Außerdem wird die Stadt aufgefordert, endlich das Arco-Schlösschen zu verkaufen, um mit dem Geld Baugrundstücke zu erwerben. Schließlich sollten städtische Baugrundstücke nicht immer nur an den Meistbietenden verkauft werden. Berücksichtigt werden sollte vielmehr auch die Frage, was der Investor aus dem Grundstück machen will. Auch die Kirche, Sozial- und Wohlfahrtsverbände sollten sich zusammentun und mithilfe eines Investors Projekte angehen, um bezahlbaren Wohnraum für zum Beispiel Mitarbeiter in den sozialen Berufen oder ihrer Unternehmungen zu schaffen.

Den Wohnungssuchenden ein Gesicht geben – ein gestern entstandenes Bild, das, geht es nach den Betroffenen, durchaus aufrütteln sollte. Auf dem Schrannenplatz kam es zu regen Diskussionen. Tatsächlich waren Menschen gekommen, die jeder eine Geschichte erzählen konnten. Von der Familie die Hände ringend eine Bleibe sucht. Von einer mehrköpfigen Wohngemeinschaften, die im Ostend in einer Drei-Zimmer-Wohnung zusammenlebt, weil sie sich alle trotz Einkommen keine Wohnung mehr leisten können. Matthias Stark äußerte als Sprecher die Befürchtung, dass der entstehende Campus in Neuburg die Situation auf dem Wohnungsmarkt noch zusätzlich verschärfen wird. „Und in einigen Jahren heißt es dann wieder einmal wie so oft: Das konnte niemand ahnen.“

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