Newsticker

Söder warnt vor einer Lockerung der Corona-Regeln über Silvester
  1. Startseite
  2. Lokales (Neuburg)
  3. Bezahlen Sie nichts – holen Sie die Polizei

Neuburg-Schrobenhausen

14.02.2018

Bezahlen Sie nichts – holen Sie die Polizei

Man will nur mal kurz den Müll raustragen oder an den Briefkasten gehen – und schon wirft der Wind die Haustüre zu. Der Schlüssel? Der steckt im Inneren der Wohnung. Wer keinen Ersatz bei den Nachbarn deponiert hat, dem bleibt oft keine andere Wahl, als einen Schlüsseldienst um Hilfe zu bitten.

Eine Schrobenhausenerin hat sich ausgesperrt und wurde von einem Schlüsseldienst abgezockt. Fast 1100 Euro musste sie für 15 Minuten Arbeit bezahlen.

Und wieder haben Schlüsseldienst-Abzocker ein Opfer gefunden. Vergangene Woche hat es eine 61-jährige Schrobenhausenerin getroffen. Nachdem sie sich aus aus Versehen aus ihrem Haus ausgesperrt hatte, suchte sie in ihrer Not im Internet nach einem örtlichen Schlüsseldienst und fand eine Telefonnummer mit Ingolstädter Vorwahl. Dass sie diese Nummer zu Betrügern führen würde, ahnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Wie die Polizei Schrobenhausen mitteilte, bekam die Dame zunächst die Zusage, dass ein Mitarbeiter in 20 bis 40 Minuten vor Ort sei und die Türöffnung 300 Euro kosten würde. In Wirklichkeit dauerte es aber über eine Stunde, ehe der Schlüsseldienstmitarbeiter auftauchte. Der Mann zögerte nicht lange und fuhr gleich alle Geschütze auf. Er bohrte das Schloss auf, baute den Zylinder aus und setzte einen neuen Zylinder ein. Die Arbeit dauerte nach Aussage der Schrobenhausenerin etwa 15 Minuten. Obwohl sie in dieser Zeit mehrmals nachfragte, wie hoch sich die endgültigen Kosten belaufen würden, bekam sie von dem Schlüsseldienstmitarbeiter keine verbindliche Aussage.

Das böse Erwachen kam erst, als der Mann ihre ein Rechnung über 1076,47 Euro präsentierte. Nachdem sie sich zunächst geweigert hatte, den Betrag zu bezahlen, drohte ihr der Abzocker, dass andernfalls weitere erhebliche Folgekosten auf sie zukämen. Letztlich gab die Frau nach und bezahlte den geforderten Betrag mit ihrer EC-Karte an einem mitgebrachten Kartenlesegerät. Sie erhielt weder eine Rechnung noch einen Vertrag. Erst Anfang dieser Woche entschloss sich die Frau, bei der Polizei Anzeige zu erstatten.

Wie diese darauf feststellte, ist unter der angerufenen Ingolstädter Telefonnummer kein Schlüsseldienst, sondern eine völlig unbeteiligte Firma registriert. Der Schrobenhausenerin wurde mittels „Call ID Spoofing“ vorgetäuscht, dass sie über diese Nummer einen örtlichen Schlüsseldienst kontaktierte.

Ähnlicher Fall auch in Geisenfeld

Einen ähnlichen Fall gab es Anfang Dezember auch in Geisenfeld. Ein 60-jähriger Geisenfelder verständigte den über Internet recherchierten Schlüsseldienst, nachdem seine Eingangstür versehentlich zugefallen war. Die daraufhin angerückte „Fachkraft“ öffnete die Haustüre in kürzester Zeit, da nur die Schlossfalle zurückzuschieben war. Nichtsdestotrotz wechselte der Mann das gesamte Schloss aus, obwohl dies gar nicht notwendig war. Als der Auftraggeber die Rechnung vorgelegt bekam, machte er große Augen: Knapp 1100 Euro verlangte der Mann vom Schlüsseldienst für seine Dienste. Die mit zweifelhaften Leistungspositionen versehene Rechnung bezahlte der Geschädigte bar. Erst später wandte er sich damit an die Polizei.

Wie aber verhält man sich richtig, wenn man erst einmal vor verschlossener Tür steht und nicht mehr hineinkommt? Gero Weiß aus Donauwörth ist Geschäftsführer einer Firma für Sicherheitstechnik und bietet unter anderem auch Türöffnungen. Er sagt, worauf zu achten ist, wenn man sich ausgesperrt hat und einen Schlüsseldienst braucht. Woran erkennt der Laie, ob ein solches Unternehmen seriös arbeitet?

Hier sind Gero Weiß’ Tipps:

Wichtig ist es, schon beim ersten Telefonat nach einer verbindlichen Preisauskunft zu fragen, also nach dem Rechnungsendbetrag. Der setzt sich zusammen aus den Kosten für An- und Abfahrt sowie aus einer Öffnungspauschale. Wichtig ist daher auch die Frage: Woher genau kommen Sie, wie lange brauchen Sie für die Anfahrt? Wenn ein Schlüsseldienst von weit her kommt, sollte das immer ein Ausschlusskriterium sein.

Vorsicht ist geboten, wenn die Person am anderen Ende der Leitung ausweichend antwortet. Formulierungen wie beispielsweise „ich komme aus der Region“, „wir sind nicht weit weg“ oder „das kann nur der Schlüsseltechniker vor Ort entscheiden“ sind Standardformulierungen, wie sie etwa Mitarbeiter eines Callcenters verwenden, das irgendwo weit weg seinen Sitz hat. Da müssen beim Kunden alle Alarmglocken schrillen, weil sich da offensichtlich jemand um die Preisauskunft drücken will. Die Kunden sollen sich unbedingt nach dem konkreten Preis erkundigen. Wird der nicht genannt, ist der Anbieter nicht seriös. Lassen Sie sich keine Ausflüchte gefallen!

95 Prozent aller Türen sind mit Spezialwerkzeug – etwa einem speziellen Stück Blech oder einem Draht – binnen weniger Sekunden zu öffnen. Es handelt sich zumeist um Wohnungstüren, die versehentlich ins Schloss gefallen sind. Komplizierter wird es, wenn ein größerer Defekt am Schloss vorliegt, also wenn zum Beispiel irgendein kleines Teil im Inneren abgebrochen ist. Da muss sich ein Schlüsseldienst oft mit nahezu chirurgischem Geschick vortasten, und das dauert seine Zeit. Diese Fälle sind aber eher selten.

In Neuburg bietet etwa Robert Spieß einen Schlüsselservice an. Nach seiner Auskunft bewegen sich realistische Kosten etwa in diesem Bereich: 48 Euro tagsüber innerhalb des Stadtbereichs, wenn nur die Türe zugefallen ist. Nachts kommen etwa 20 Euro dazu, für Anfahren über das Stadtgebiet hinaus fallen zusätzlich Fahrtkosten an. Für einen nächtlichen Einsatz in Schrobenhausen würde er etwa 130 Euro verlangen. Ist die Türe zugesperrt, sind die Arbeiten etwas komplizierter, dann geht es nach Zeit. Robert Spieß spricht in diesen Fällen von Kosten zwischen 100 und 150 Euro.

In schwierigen Fällen, wenn die Türe mit einfachen Mitteln absolut gar nicht geöffnet werden kann, ist Kreativität gefragt. Ein guter Schlüsseldienst packt nicht gleich das Brecheisen oder die Bohrmaschine aus, sondern versucht immer, möglichst einfach und kostengünstig zum Ziel zu kommen. Die brachialen Methoden sind für den Dienstleister immer auch die lukrativeren, deshalb bedienen sich unseriöse Schlüsseldienste gerne solcher Methoden. Wer gleich zerstörerisch an die Aufgabe herangeht, versteht entweder sein Handwerk nicht oder ist ein Abzocker.

Ein seriöser Schlüsseldienst sucht im Zweifelsfall andere Wege ins Haus. Wenn also an der Tür selbst mit normalen Mitteln nichts mehr geht, ist es vielleicht zielführend, ein gekipptes Fenster mit Spezialwerkzeug zu öffnen und dadurch einzusteigen, oder durch den Türspion oder den Briefkastenschlitz nach innen zu greifen.

Wenn alle Stricke reißen, wenn also kein Schlüsseldienst aufzutreiben ist, der vertrauenswürdig scheint, kann man auch einen örtlichen Schlosser oder Schreiner um Hilfe bitten.

Wenn der schlimmste Fall eingetreten ist, der Schlüsseldienst also entgegen der vorherigen telefonischen Absprache deutlich später kommt als vereinbart und zudem eine horrende Rechnung stellt, dann gibt es von Gero Weiß nur einen Rat: Bezahlen Sie nichts und rufen Sie die Polizei. Empfehlenswert ist es auch, sich zur Türöffnung ein Familienmitglied oder einen Nachbarn als Zeugen dazuzuholen.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren