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18.08.2015

Bitte bedienen Sie sich!

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Entlang der Hauswand und auf dem Fensterbrett wachsen bei den Seemeiers Tomaten, Gurken und Erdbeeren.

„Griaß God“ steht auf dem Schild, das neben der Garage auf einem blauen Stuhl steht und die Richtung weist. „Hier geht’s zum Laden.“ Also rechts herum bis zum Hühnerstall, wo der Besucher schließlich vor einer Tür mit einer grünen Schultafel steht. „Eingang Eierladen – Selbstbedienung“ ist dort zu lesen. Ein Laden, in dem es niemanden gibt, der die Waren ausgibt und das Geld entgegennimmt, sondern wo auf Vertrauensbasis bezahlt wird? Ja, wo gibt’s denn so was?

Der zwei auf drei Meter große Raum gehört Elisabeth Seemeier aus dem kleinen Rohrenfelser Ortsteil Ergertshausen. Hier gibt es hauptsächlich frische Eier, die über ein Förderband direkt aus dem angrenzenden Stall kommen. In einem kleinen Regal liegen außerdem Obst und Gemüse, das im Garten der 40-Jährigen oder in dem ihrer Mutter wächst. Gurken, Tomaten, Rote Beete, Bohnen, Karotten, Zucchini, Äpfel, Pflaumen, Johannisbeeren – was die Seemeiers selbst nicht brauchen, kommt in den Laden. Darüber hinaus gibt es Kartoffeln, die die Landwirte selbst anbauen. Auf einem zweiten Regal stehen abgepackte Nudeln, die Elisabeth Seemeier in Dasing aus ihren eigenen Eiern produzieren lässt, die zu klein für den Verkauf sind – ein Tipp von den Oppenheimers aus Weichering, die auf dem Neuburger Wochenmarkt ihre Eier verkaufen. Suppenhühner gibt es auf Bestellung. Seit Kurzem bietet sie auch Honig an, den sie von Imker Richard Maier aus Ergertshausen bekommt.

Bezahlt wird nach dem Vertrauensprinzip: Wer etwas mitnimmt, schreibt es in ein kleines Heftchen und legt das Geld in die Kasse. Seit August 2011 gibt es den Selbstbedienungsladen in Ergertshausen und Elisabeth Seemeier hat seitdem keine schlechten Erfahrungen gemacht. „Einmal haben zwei Euro gefehlt. Die wurden aber zwei Wochen später nachbezahlt“, erzählt sie.

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Die Idee zu dem ungewöhnlichen Konzept hatte sie, als die Nachfrage nach den Eiern von den hofeigenen Hühnern immer größer wurde. Die rund 100 Hennen konnten gar nicht so viel Nachschub produzieren, wie ihr Mann Klaus auf seinem Hof in Vohburg hätte verkaufen können. Also haben die Seemeiers 300 Hennen dazu gekauft und beschlossen, die Eier auch in Ergertshausen zu verkaufen – und zwar mit einem möglichst geringen Aufwand. Elisabeth Seemeier sperrt ihren Laden morgens gegen 7 Uhr auf und abends, „wenn die Hühner schlafen gehen“, wieder zu. Das ist werktags genauso wie am Wochenende oder an Feiertagen. So können sich die Kunden das ganze Jahr über ganz bequem im Laden bedienen, ohne bei den Seemeiers klingeln zu müssen.

Die Eier der Ergertshausener Landwirte sind deshalb so begehrt, weil deren Hühner ein nahezu paradiesisches Leben haben. Sage und schreibe 10000 Quadratmeter Wiese stehen den 400 Tieren zur Verfügung. Die Fläche ist in vier Bereiche aufgeteilt: Während die Hühner auf einem Viertel picken, kann auf der restlichen Fläche das Gras nachwachsen. Nichtsdestotrotz könnten die Bedingungen für die Tiere noch optimiert werden, wie Elisabeth Seemeier findet. Es fehlt bislang an Bäumen und Sträuchern, die nicht nur Schatten spenden, sondern den Hühnern auch Schutz vor Greifvögeln bieten.

Weil Elisabeth Seemeier teilzeit in einer Steuerkanzlei arbeitet und ihr Mann Klaus seinen Hof in Vohburg bewirtschaftet, müssen daheim in Ergertshausen alle mit anpacken: Oma und Opa kochen für die Hühner Kartoffeln und weichen altes Brot ein, während der siebenjährige Sebastian beim Füttern hilft und die neunjährige Antonia Eier sortieren darf. „Ich darf nicht sagen, dass mir langweilig ist, sonst gibt mir die Mama gleich Arbeit“, sagt Antonia und lacht. Gleichaltrige Spielkameraden sind hier rar, aber das scheint ihr wenig auszumachen – zumindest jetzt noch nicht. Ihrer Mutter Elisabeth ging es da anders. „Als Kind hab’ ich immer gesagt: Hier ist nix los!“ – bis eines Tages dann doch etwas Aufregendes passiert ist. Als vor etwa 30 Jahren der Stall der Seemeiers gebaut wurde, kam eine Fliegerbombe zum Vorschein. „Heute würde deswegen das ganze Dorf evakuiert werden. Aber damals standen wir Kinder am Grubenrand und haben zugeschaut, wie sie rausgehoben wurde“, erzählt sie. Natürlich hatten die Erwachsenen geschimpft und wollten sie verscheuchen – was bei den Kindern natürlich auf taube Ohren stieß. „Wenn in Ergertshausen schon mal was los ist ...“

Das Leben ist in dem kleinen Ort seitdem nicht aufregender geworden. 53 Menschen wohnen hier. Immerhin gibt es noch eine Wirtschaft. Der Kriegl hat sonntags zum Frühschoppen auf und alle vier Wochen findet dort der Bauernstammtisch statt. Für die gelernte Landwirtin kam es trotzdem nie infrage, von hier wegzuziehen. Das liegt vor allem daran, dass mittlerweile nur noch selten „nix los“ bei ihr ist. Arbeit gibt es immer – auf dem Feld, im Hühnerstall, im Haus, im Garten oder eben in ihrem kleinen Selbstbedienungsladen.

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