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Kunst und Glaube (6)

06.05.2016

Buch ist nicht gleich Buch

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2 Bilder
Bildnis von König Sigismund im Kreis der Kurfürsten, Fragment einer deutschen Abschrift der Goldenen Bulle aus der Werkstatt der Buchmaler der Ottheinrich-Bibel.

Die außergewöhnlichsten Handschriften des Spätmittelalters und der Renaissance geben sich in Neuburg ein Stelldichein. Selbst auf kleinstem Raum haben die Maler große Kunstwerke geschaffen

„Kunst und Glaube“ dominieren vom 12. Mai bis zum 7. August das Neuburger Schloss. Die gleichnamige Ausstellung, bei der eine Fülle von Kostbarkeiten präsentiert wird, gilt schon heute als ein nationales Ereignis. Schon jetzt wirft die Exposition ihre Schatten voraus: Die Neuburger Rundschau hat in den vergangenen Monaten regelmäßig ein wichtiges Ausstellungsstück vorgestellt. Heute, in der letzten Folge, geht es um außergewöhnliche Handschriften.

Buch ist nicht gleich Buch. Wer im Zug von Ingolstadt nach Neuburg pendelt und aufmerksam auf den Lesestoff der Passagiere blickt, wird diesem Satz sicherlich widerspruchslos zustimmen: Vom Taschenbuch über den E-Book-Reader mit elektronischem Buch bis zur dicken Schwarte ist alles dabei. Die Vielfalt der Buchformate ist dabei keineswegs nur das Ergebnis moderner Technik. Dass der Ausdruck Buch bereits an der Wende vom Spätmittelalter zur Renaissance ganz unterschiedliche Objekte bezeichnete, macht auf faszinierende Weise die Ausstellung „Kunst & Glaube“ anschaulich, die ab 12. Mai in Schloss Neuburg ihre Tore öffnet.

Im Mittelpunkt steht mit der Ottheinrich-Bibel nicht nur eine der größten und am reichsten illustrierten Bibelhandschriften, die je geschaffen wurde. Zu Seiten dieser Königin der spätmittelalterlichen Prachthandschriften werden Bücher in ganz unterschiedlichen Formaten, Materialien und Techniken um die Wette glänzen: kostbare Pergamenthandschriften ebenso wie gedruckte Bücher aus Papier, die man nachträglich mit wertvollen Farben kolorierte.

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Dieselbe Buchmalerwerkstatt, die für die über einen halben Meter großen Blätter der Ottheinrich-Bibel Miniaturen in der Größe kleiner Tafelbilder schuf, fertigte auch ein „Taschenbuch“ aus Pergament von nur 8 x 5 Zentimetern. Aus der Zentralbibliothek des Franziskanerordens in Graz ist der Winzling eigens zur Ausstellung nach Neuburg gereist. Die in der Handschrift enthaltenen Tagesgebete für einen Nürnberger Predigermönch werden jeweils durch golddekorierte, mit Ranken verzierte Initialen eingeleitet. Der erste Buchstabe jedes Gebets bildet den Rahmen für eine Figur, die, obwohl nur einen Zentimeter groß, mit erstaunlichem Detailreichtum gemalt wurde. Auf dem in der Ausstellung gezeigten Blatt der Handschrift ist ein thronender Herrscher zu sehen. Seine im Miniaturformat wiedergegebenen Gesichtszüge gleichen dem Porträt König Sigismunds. Von der Ähnlichkeit mit dem römisch-deutschen König, der in der Entstehungszeit der Ottheinrich-Bibel 1430 auf einem Reichstag in Straubing weilte, kann man sich anhand eines bislang unbekannten Porträts des Herrschers überzeugen, das in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gebetbuch präsentiert wird.

„Im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen hat uns der führende Experte zur spätmittelalterlichen Miniaturmalerei, Professor Robert Suckale aus Berlin, auf dieses fantastische Bildnis des Königs im Kreis der Kurfürsten aufmerksam gemacht.“, erzählen die Ausstellungskuratoren begeistert. Das kostbar bemalte Fragment einer deutschsprachigen Abschrift der „Goldenen Bulle“, der Wahlordnung des römisch-deutschen Königs, aus dem Stadtarchiv Ulm ist eine Entdeckung, die einmal mehr das herausragende Anspruchsniveau der Buchmalerwerkstatt der Ottheinrich-Bibel demonstriert. Gleich ob im fingernagelgroßen Bildnis des Gebetbuchs oder im XXL-Format der Prachtbibel – die Qualität und Innovationsfreude der mittelalterlichen Meister fasziniert bis heute und lässt selbst den brillantesten Bildschirm des neuesten E-Book-Readermodells vor Neid erblassen.

Die Ausstellung Kunst & Glaube findet von 12. Mai bis 7. August im Schloss Neuburg statt. Sie ist täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Buchungen von Führungen sind ab sofort unter ausstellung-neuburg@bsv.bayern.de möglich.

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