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Burgheim
18.08.2019

Wie viel Plastikmüll versteckt sich im Kunstrasen?

Zwischen den Halmen, die bei Polytan Filamente nennt, erkennt man das eingestreute Granulat, das mit dafür verantwortlich ist, dass sich der Boden natürlich und weich anfühlt. 
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Zwischen den Halmen, die bei Polytan Filamente nennt, erkennt man das eingestreute Granulat, das mit dafür verantwortlich ist, dass sich der Boden natürlich und weich anfühlt. 
Foto: Polytan

Das Burgheimer Unternehmen Polytan stellt seit 50 Jahren Kunstrasen her. Doch ausgerechnet im Jubiläumsjahr brandet eine Debatte um die künstlichen Gräser auf.

Der Mensch produziert zu viel Müll und insbesondere zu viel Plastikmüll. Plastiktüten landen in den Weltmeeren, Mikroplastik im Wasser und in der Nahrungskette. In der EU schrillen die Alarmglocken. Über Plastikprodukte wird diskutiert. Auch ein geplanter Kunstrasenplatz im Neuburger Ortsteil Joshofen sorgt dadurch für Unruhe. Die Hersteller von Kunstrasenplätzen spüren gerade starken Gegenwind. Um die negative Umweltauswirkung vor allem von Mikroplastik zu verringern, arbeitet die EU an Richtlinien. Sogar ein Verbot von Gummigranulat auf Kunstrasenplätzen wurde in Erwägung gezogen. Das scheint zwar vorerst vom Tisch, die Unsicherheit in den Sportvereinen allerdings wirkt sich auch auf den einzigen deutschen Hersteller von Kunstrasen-Sportplätzen aus. Und der sitzt in Burgheim.

Geschäftsführer Mathias Schwägerl könnte eigentlich in Feierlaune sein. Das Unternehmen Polytan feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Und hat sich, wie Schwägerl betont, in diesen fünf Jahrzehnten zum Qualitätsführer bei Kunstrasenplätzen entwickelt. Der einzige deutsche Hersteller hat einen Marktanteil von rund 60 Prozent an den Kunstrasen-Sportplätzen in Deutschland und ist auch in vielen anderen Ländern weltweit aktiv. Beispiel Japan: Die Hockeyspiele bei den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio werden auf Polytan-Kunstrasen ausgetragen. Die Ausstattung der Spielflächen von Olympischen Spielen mit Kunstrasenplätzen hat bei Polytan schon Tradition.

Polytan-Geschäftsführer Mathias Schwägerl (links) zeigt mit Tobias Müller, zuständig für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, Modelle von verschiedenen Polytan-Kunstrasen-Produkten.
Foto: Manfred Dittenhofer

Kunstrasen: Umstrittene Studie des Fraunhofer-Instituts

Und nun der Gegenwind. Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik, kurz UMSICHT, sorgte für Diskussionen und rückte den künstlichen Fußballplatz in den Fokus der Öffentlichkeit. Die Kunstrasenplätze seien eine der großen Austragungsstellen von Plastik in die Natur, so die Studie von Fraunhofer UMSICHT, das auch Zahlen nennt: 11.000 Tonnen Mikroplastik würden aus Kunstrasen pro Jahr in die Natur gelangen. Als Mikroplastik werden Teilchen kleiner als fünf Millimeter definiert. Geht man von circa 3500 Großspielfeldern mit Kunstrasen in Deutschland aus, die mit Granulat verfüllt sind, so ergäbe sich eine jährliche Verlustmenge von mehreren Tonnen Platz und Jahr.

Diese Menge sei absolut unrealistisch, kritisierte die RAL Gütegemeinschaft Kunststoffbeläge und Sportfreianlagen e.V. die Zahlen des Fraunhofer-Instituts. Und auch das Institut selbst ruderte inzwischen zurück. Studienautor Jürgen Bertling räumte in einem Brief an die Wirtschaft ein, wonach es „Anhaltspunkte“ gebe, „dass die in Deutschland dominierenden Kunstrasentypen deutlich geringere Emissionen“ verursachen würden.

Auch Mathias Schwägerl mag die Ergebnisse der Studie so nicht stehen lassen. Er rechnet für Polytan-Plätze vor: „In den ersten beiden Jahren wird bei unseren Plätzen gar nichts nachgefüllt, danach sind es rund 150 bis 300 Kilogramm pro Jahr. Und diese Menge verschwindet auch nicht in der Natur, sondern wird an verdichteten Stellen zum Ausgleich von Dellen verwendet oder beim Bürsten und Schneeräumen ausgefegt und bleibt am Spielfeldrand erhalten.“

So entsteht ein Sportplatz aus Plastikgras: Auf großen Rollen wird der Kunstrasen auf einer elastischen und wasserdurchlässigen Tragschicht aus recycelten Altreifen und einem Bindemittel verlegt. 
Foto: Polytan

Bei Polytan bestehen die Halme des Kunstrasens aus Altreifen

Die Elastikschicht unterhalb des Kunstrasen besteht aus recycelten Altreifen. Die Fasern des Kunstrasens werden aus Polyethylen hergestellt. Verfüllt werden die künstlichen Halme oder Filamente zuerst mit Sand, dann mit Granulat. Dieses Granulat, das für optimale Spieleigenschaften sorgen und Verletzungen entgegenwirken soll, besteht zu 70 Prozent aus Hanf und Kreide, der Rest ist synthetischer Kautschuk und entspricht, wie Schwägerl erklärt, der europäischen Spielzeugnorm für Kunststoff. Laut dem Geschäftsführer wird das Granulat weder durch Wind verblasen noch durch Regen ausgeschwemmt, denn es sei schwerer als Wasser. Die Entwicklungsabteilung von Polytan arbeitet nach den Worten von Schwägerl derzeit auch an anderen Füllmaterialien. Als Plastikersatz werde zum Beispiel Kork verwendet. Der Nachteil: Kork ist leichter als Wasser.

Die Diskussion um Plastik im Allgemeinen und Kunstrasenplätze im Speziellen habe viele Sportvereine verunsichert, erzählt der Polytan-Geschäftsführer. „Wir haben zwar noch keine Auftragsstornierungen, aber viele aufgeschobene Aufträge.“ Insgesamt würden allein in Bayern Kunstrasenplätze von einer Gesamtfläche von 150.000 Quadratmetern auf Eis liegen.

Nichtsdestotrotz wird Polytan mit seinen 120 Angestellten und 350 Arbeitern, davon rund 80 in Burgheim, seinen runden Geburtstag feiern. Denn Schwägerl ist der festen Überzeugung, dass sich – bei genauerer und emotionsfreier Betrachtung – die Sichtweise auf Kunstrasen eines Tages auch wieder ändern wird.

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