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Bayern richtet in der Corona-Krise Hilfskrankenhäuser ein
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Neuburg

20.03.2020

Corona im Gefängnis: Wenn selbst hohe Mauern nicht helfen

Die Mauern und Zäune der JVA Neuburg-Herrenwörth sind hoch. Gegen das Coronavirus nützen sie nicht viel.
Bild: Julian Schorer

Plus Bislang sind in den bayerischen Gefängnissen zwei Bedienstete erkrankt. Wie sich die Situation aktuell in der JVA Herrenwörth in Neuburg darstellt.

Eigentlich ist ein Gefängnis ein Ort, aus dem keiner ausbrechen und in den auch keiner unbefugt eindringen kann. Zumindest kein Mensch. Sars-CoV-2 aber ist kein Mensch, es ist ein körperloses Virus. Ein Virus, das, wie sich derzeit zeigt, keine Ländergrenzen kennt. Und natürlich sind auch Gefängnismauern für das Coronavirus keine unüberwindbare Hürde. Wie also geht die bayerische Justiz mit dem Coronavirus um? Wir haben bei den Justizvollzugsanstalten (JVA) in Neuburg nachgefragt.

Ernst Meier-Lämmermann, Leiter der Justizvollzugsanstalt Neuburg-Herrenwörth, sagt, dass sie bereits mehrere Verdachtsfälle im Haus hatten. Darunter seien sowohl Gefangene als auch Bedienstete gewesen. Die Tests bei allen Betroffenen seien aber negativ ausgefallen. Glück gehabt. Das Coronavirus hat es also noch nicht hinter die Gefängnismauern geschafft.

Gefangene mit dem Coronavirus müssen überwiegend in der Zelle bleiben

Trotzdem sei man zwischenzeitlich auf Nummer sicher gegangen und habe die Häftlinge, die mit den Verdachtsfällen in Kontakt waren, in „häusliche Quarantäne“ geschickt, erzählt der Anstaltsleiter. Im Gefängnis bedeutet das allerdings nicht, wie Meier-Lämmermann erklärt, dass die jungen Männer – in Herrenwörth sind ausschließlich männliche Jugendliche und Heranwachsende untergebracht – nach Hause dürften. Es heißt vielmehr, dass sie sich überwiegend in ihren Zellen aufhalten müssen und nur dann in den Hof dürfen, wenn die anderen nicht draußen sind. Am Gefängnisalltag können sie nicht mehr teilnehmen.

Corona im Gefängnis: Wenn selbst hohe Mauern nicht helfen

Dieser Alltag ist in der Justizvollzugsanstalt allerdings auch nicht mehr wie immer. Er wurde an die aktuellen Umstände angepasst. Externe Lehrer kommen nicht mehr ins Haus. Der Schulbetrieb ist – wie außerhalb der Gefängnismauern – bis zum Ende der Osterferien eingestellt. Lieferungen durch Lastwagenfahrer, zum Beispiel für Lebensmittel, sind auf das Nötigste reduziert. Wie an den Krankenhäusern herrscht Besuchsverbot – nur Rechtsanwälte, Amtspersonen und Polizisten dürfen noch in die JVA.

Das soziale Leben in der JVA Herrenwörth wurde zurückgefahren

Das soziale Leben innerhalb der Anstalt wurde ebenfalls zurückgefahren. Die Gefangenen bleiben die meiste Zeit in ihren Häusern, Sportarten mit Körperkontakt wie etwa Fußball oder Handball sind verboten. Tischtennis, Kickern und Hanteltraining sei noch erlaubt, so Maier-Lämmermann. Wer sich krank fühlt und Anzeichen eines Infekts aufweist, darf nicht mehr in die Gefängnisambulanz kommen, sondern wird von den Krankenpflegern beziehungsweise den Honorarärzten in seiner Zelle besucht. Jeden Tag um 12.15 Uhr hält der Anstaltsleiter mit Verantwortlichen der verschiedenen Bereiche in der JVA eine Lagebesprechung ab. Meier-Lämmermann: „Wir wollen das Risiko einer Ansteckung minimieren. Unsere Strategie ist es, von Corona frei zu bleiben. Und wenn das nicht geht, wenigstens möglichst lange davon frei zu bleiben.“ Einfach ist das allerdings nicht, denn: „Wir haben fortlaufend neue Zugänge aus aller Herren Länder.“ Seit Kurzem werde jeder dieser Neuzugänge für drei Wochen unter Quarantänebedingungen im Haftraum untergebracht.

In der Justizvollzugsanstalt in der Neuburger Altstadt gab es bislang keine Verdachtsfälle. In Sorge sei man aber durchaus, sagt Dienststellenleiter Nikolaus Riedelsheimer. „Wir können kein Home Office machen. Wir müssen jeden Tag mit Menschen arbeiten.“ Die Hygienemaßnahmen werden zwar verstärkt beachtet. Doch den Sicherheitsabstand von 1,5 Metern könnten die Justizvollzugsbeamten nicht immer einhalten, erklärt der Dienststellenleiter. Schließlich müsse man immer mal wieder Gefangene durchsuchen oder ihnen Handschellen anlegen. Eine Handschuh-Pflicht haben die Bediensteten nicht. Aber nicht nur die Beamten, auch die Häftlinge seien besorgt, erzählt Riedelsheimer. Die Gefangenen hätten zum Beispiel ein stärkeres Bedürfnis danach, mit ihren Angehörigen Kontakt aufzunehmen. Da Besuche nicht mehr möglich sind, würde man großzügiger als sonst Telefongenehmigungen erteilen – unter Aufsicht.

Corona: Wenn sich das Virus ausbreitet, gibt es Probleme im Gefängnis

Ernst Meier-Lämmermann sagt, die Inhaftierten hätten „Respekt“ vor dem Coronavirus. Die meisten würden die Sonderregeln deshalb akzeptieren. Insgesamt schätzt er die Lage als „angespannt, aber gut unter Kontrolle“ ein. Nikolaus Riedelsheimer: „Die Sicherheit ist noch nicht in Gefahr. Wir haben es im Griff. Ich weiß aber nicht, was die Zukunft bringt. Wenn sich das Virus ausbreitet, sehe ich Probleme auf uns zukommen.“

Wie das bayerische Justizministerium mitteilt, gebe es nach derzeitigem Kenntnisstand landesweit zwei Fälle einer Infektion von Bediensteten mit dem Coronavirus – in Anstalten in Hof und Straubing. Im Fall, dass eine intensivmedizinische Behandlung erforderlich sein sollte, werde diese in einer klinischen Einrichtung außerhalb des Justizvollzugs erfolgen. Der Inhaftierte würde dort aber weiterhin bewacht werden, so Meier-Lämmermann.

Das Coronavirus bereitet auch dem Amtsgericht in Neuburg Probleme

Probleme könnten nicht nur auf die Gefängnisse, sondern auch auf die Gerichte zukommen. Am Neuburger Amtsgericht finden momentan keine Strafsitzungen statt, sagt Pressesprecher Sebastian Hirschberger. Dringende Betreuungs- und Familiensachen, wie etwa Umgangsregelungen, werden aber bearbeitet. Eilige Haft- und Unterbringungssachen sollen ebenfalls weitergeführt werden. Trotzdem werde sich einiges aufstauen, vermutet Hirschberger. Außerdem gebe es aktuell einen größeren Strafprozess in Neuburg, ein Sozialversicherungsbetrug, der bereits anverhandelt wurde. Hier müsse Amtsgerichtsdirektor Christian Veh nun individuell entscheiden, ob er den Prozess länger aussetzt und später neu aufrollt – oder ob er demnächst trotz Corona-Risiko mit ausreichend Sicherheitsabstand im Gerichtssaal weiterverhandelt.

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