1. Startseite
  2. Lokales (Neuburg)
  3. Das Bier vom Ursprung

Neuburg

13.03.2016

Das Bier vom Ursprung

Copy%20of%20IMG_0617(1).tif
7 Bilder
Ein Teil der Mikrobrauerei (vorne links der Sudkessel), die jetzt im traditionsreichen Gasthaus „Daniel“ im Herzen der Altstadt in Betrieb genommen wurde.
Bild: Harald Jung

Der „Daniel“ ist das älteste Wirtshaus in Ingolstadt. Wenige Meter weiter wurde vor 500 Jahren das Reinheitsgebot ausgerufen. Jetzt wird im „Daniel“ auch wieder gebraut. Da schließen sich viele Kreise.

Wo in Ingolstadt wurde vor 500 Jahren das Reinheitsgebot ausgerufen? Auf diese Frage antworten viele echte Schanzer wie aus der Pistole geschossen: „Im Neuen Schloss!“ Falsch! Dort wird die Verkündung des ältesten Lebensmittelrechtes der Welt seit Jahren zwar szenisch nachgestellt. Tatsächlich ist aber das Georgianum bei der Hohen Schule mitten in der Altstadt der historische Ort.

Keinen Steinwurf davon entfernt findet man das älteste Wirtshaus Ingolstadts: den „Daniel“. Der Blick auf die Eingangsstufen sagt alles: Der Jurakalk ist tief ausgetreten von den einst noch genagelten Schuhen und Stiefeln. Hier sind schon Hunderttausende hineingegangen und mehr oder weniger nüchtern wieder herausgekommen. Das urige Lokal ist der Inbegriff für bayerische Gastlichkeit in der Stadt. Über 500 Jahre ist der „Daniel“ alt. Dort wurde bereits getrunken, gegessen und gesungen, als die Biersieder und Mälzer noch so ziemlich alles in ihre Bottiche geben durften, was einen Gärprozess begünstigen oder halbwegs Geschmack verleihen konnte. Mitunter auch wenig Gesundheitsförderliches. Eben deshalb später das Reinheitsgebot. Das war nichts anderes als eine beinahe schon drakonische Maßnahme des Gesetzgebers zum Schutze des bierseligen Volkes.

Ingolstadts größte Brauerei, die „Herrnbräu“, hat den „Daniel“ herausgeputzt. Berta und Willi Pickl betreiben ihn nun schon ein Vierteljahrhundert mit viel Herzblut als Traditionsgasthaus. Ente, Knödel, Schweinsbraten – die Bedienung trägt Tracht. Wer schlau ist, reserviert. Der „Daniel“ floriert. Das sind schon mal beste Aussichten im Reinheitsgebot-Jubiläumsjahr, in dem der Biertourist nach Ingolstadt strömen wird.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Aber trotzdem: So nah am historischen Ort – da müsste man doch noch etwas mehr draus machen, dachte sich „Herrnbräu“ Gerhard Bonschab. Am Ende der Überlegungen geht ein Auftrag nach Österreich: Der „Daniel“ bekommt eine kleine Wirtshausbrauerei, damit die vor über 130 Jahren eingestellte Brautradition in der Roseneckstraße wieder aufleben kann. Die Gasthausbrauerei wird Chefsache. Auch im produktionstechnischen Bereich: „Herrnbräu“-Braumeister Peter Kraus soll ein unfiltriertes naturtrübes Bier nach einem alten überlieferten Rezept herstellen. Oder – wie man heute sagt – neu erfinden.

Am Mittwochabend erlebt ein größerer Kreis geladener Gäste die Geburtsstunde des neuen Bieres am Ursprung des Reinheitsgebotes. Und weil eine Geburt im traditionsbewussten Bayern meistens mit Gottes Segen verbunden wird, darf auch der Pfarrer nicht fern sein: Dekan Bernhard Schwarz weiht die Mikrobrauerei ein. Und er warnt: „Alleine Saufen ist nicht gut!“ Besser ist, den Krug gemeinsam zu heben, schon wegen der Geselligkeit, sagt der Geistliche. Er hat extra den Dienst bei der Abendmesse getauscht, um bei dem Abend dabei sein zu können. Warum sollten Pfarrer nicht gesellig sein?

Das Urteil über das „Daniel Hell“ ist durchweg positiv. „Lafft guad!“, meint ein Stadtrat und schleckt mit der Zunge genussvoll den Schaum von der Oberlippe. An diesem Abend haben Braumeister Peter Kraus und seine Kollegen Josef Pfaller und Franz Lindemann aber auch ein ziemlich leichtes Spiel: Denn wenn das Freibier nicht mehr schmecken würde, dann wäre es schlecht bestellt ums Bayernland...

Auch Kulturreferent Gabriel Engert ist begeistert vom Geschmack. Noch viel mehr aber von der Idee. Denn nun gibt es in der Altstadt endlich auch wieder eine Brauerei. Engert sieht noch andere Objekte, in denen die „Herrenbräu“ eine solche Anlage installieren könnte. Nur genau da, wo das Reinheitsgebot ausgerufen wurde, ausgerechnet da geht es nicht. Leider, bedauert Gerhard Bonschab, denn er hätte so gerne auch eine Wirtshausbrauerei im Georgianum aufgemacht. Das aber war aus verschiedenen Gründen nicht möglich, auch deshalb, weil der unbedingte politische Wille fehlte. An diesem Mittwochabend haben sich im „Daniel“, mitten in der „Stadt des reinen Bieres“, zwar viele Kreise geschlossen, der ganz große Wurf im Jubiläumsjahr aber ist Ingolstadt nicht gelungen.

Macht nichts – ein paar Meter weiter hat es ja jetzt geklappt. Die Sudpfanne soll jede Woche zweimal angeheizt werden. Das macht dann 1,25 Hektoliter, also 250 Halbe. Das reicht für etliche durstige Touristen. Danach werden wahrscheinlich viele auswärtige Zecher im Brustton der Überzeugung behaupten, dass sie sich ihren Rausch ganz genau dort angetrunken haben, wo vor 500 Jahren das Reinheitsgebot verkündet worden ist. Die echten Schanzer werden das bestimmt nachsehen...

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
leit76235752323_006.jpg
Königsmoos/Neuburg

Über 100 Hunde aus verwahrlostem Anwesen gerettet

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden