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Neuburg-Schrobenhausen

25.02.2014

Das Dorf Moos soll verschwinden: Einwohner sind verzweifelt

Doch da spielen nicht alle Bewohner mit...

Das Dorf Moos soll verschwinden. Die Behörden planen ein Überschwemmungsgebiet. Gerade ältere Einwohner sind verzweifelt. Sie verlieren ihr Heim. Manche verlieren noch viel mehr.

Eine Welt wie in der Eierwerbung. Die Hühner laufen hier tatsächlich frei herum und stolzieren gackernd über die schmale Ortsstraße. Katzen huschen durch die Gärten, ein Traktor fährt rumpelnd vorbei. Nur Menschen sind kaum zu sehen. Vermutlich werden die wenigen Jüngeren, die hier noch leben, auswärts arbeiten. Und den Alten bläst wohl trotz des blauen Spätwinterhimmels ein zu frischer Ostwind.

Moos im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Der Ortsteil der Marktgemeinde Burgheim liegt wie ein Nest im zarten Grün von Feldern und Wiesen. Eine Provinzidylle aus etwa 40 Wohnhäusern und Stallungen, aufgereiht wie auf einer Perlenkette am Wegesrand. In der Mitte eine Marienkapelle aus dem Jahr 1830. Den südlichen Rand des Dorfes durchfließt die Kleine Paar.

Moos: Einwohner werden abgesiedelt

Was man zunächst nicht erkennt: Die einstige 105-Seelen-Siedlung ist zum Tode verurteilt. Das Wasserwirtschaftsamt will Moos als Überschwemmungsgebiet der nahe gelegenen Donau nutzen. Die Einwohner werden seit Jahren „abgesiedelt“; ein reichlich unemotionaler Begriff für das, was hier geschieht. Ein Baustopp ist verhängt. Viele in Moos verzweifeln, manche haben ihre Sachen schon gepackt und sind weg. Andere wollen dem Tod sozusagen ins Auge blicken und bleiben.

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„Schaun S’, von da hinten kommt das Wasser normalerweise her“, erzählt Gertraud Zeller und zeigt in Richtung des nordöstlichen Ortsrandes. Die 64-Jährige ist in Moos geboren, aufgewachsen und lebt mit ihrem Mann in einem schmucken Einfamilienhaus auf einem vom Vater geerbten 2000-Quadratmeter-Grundstück. Sie fühlt sich hier wohl, sagt sie, möchte nicht umsiedeln in die Stadt. Eng sei es dort, befürchtet sie, laut und schwer erträglich. Nichts für die Rentnerin.

Doch die jahrelangen Rückzugsgefechte mit den Behörden haben an den Nerven der Zellers gezehrt. Sie sind sauer auf den Staat, weil er ihnen ihrer Ansicht nach nicht genügend für ihr Haus bezahlt. 150.000 Euro bekämen sie. Immerhin. Doch das reiche nicht, um andernorts etwas Adäquates zu finden, sagt Gertraud Zeller.

Die freundliche Dame gehört sicherlich nicht zur neuen Kaste der deutschen Wutbürger, die sich nach dem Motto „Hauptsache, Dampf ablassen“ über jedes Problem aufregen. Sie sei nur ungeheuer enttäuscht. Enttäuscht von den Politikern, hier im Umkreis wie drüben in München. Und sie und ihr Mann haben diese Meinung nicht exklusiv.

Moos: Hochwasser gefährdet Bewohner

Wenn man heute in Moos die Leute fragt, wie sie ihre Situation bewerten, antworten fast alle dasselbe: „Wir sind von denen da oben verkauft worden.“ In diesem Satz schwingt tiefer Frust mit. Um ihn zu verstehen, bedarf es einer Menge Hintergrundwissen. Das alles würde für ein Buch reichen. Versuchen wir es mit einer Kurzversion. Demnach hat sich in Moos Folgendes zugetragen: 1999 überschwemmte ein Hochwasser an Pfingsten wieder einmal fast den gesamten Ort. Die betroffenen Bürger hofften auf finanzielle Hilfe vom Freistaat und versuchten, sie über ihre Marktgemeinde Burgheim zu erwirken.

In diesem Zusammenhang wurden in den folgenden Jahren Mittel und Wege diskutiert, die gegen kommende Fluten schützen könnten. Eine Art Ringdeich um das Dorf stand beispielsweise zur Debatte. Die Idee wurde verworfen. Zu teuer. Auch andere Lösungsansätze setzten sich nicht durch.

Am Ende kamen Politiker und Wasserwirtschaftler vor neun Jahren zu einer vor allem für die Kraftwerksbetreiber an der Donau vorteilhaften Lösung. Das erstmals 1321 urkundlich erwähnte Moos sollte den Fluten geopfert werden. Das scheint günstiger zu sein als die Möglichkeiten, den Ort zu retten. Gut zehn Millionen Euro soll das kosten, schätzen Experten. Bezahlt wird es vom Freistaat, dem Kreis und der Marktgemeinde.

Im Gemeinderat wie im Kreistag Neuburg-Schrobenhausen folgten über Jahre teils hitzige Diskussionen. Große Teile der Dorfgemeinschaft versuchten sich zu wehren. Doch aller Protest fruchtete nicht. Stattdessen schickte das Wasserwirtschaftsamt Gutachter ins Dorf und ließ den Wert der Häuser ermitteln. Wohlgemerkt: Nicht den der Grundstücke, die müssen die Mooser nämlich behalten. Doch die Flächen sind praktisch wertlos, Käufer finden sich in so einem Gebiet nicht. „Bei Freising müsste man leben, die bekommen für die dritte Startbahn am Flughafen andere Preise“, sagt Gertraud Zeller.

Keine Zwangsräumung in Moos

In Burgheim will man die Vorwürfe nicht kommentarlos stehen lassen. In Vertretung von Bürgermeister Albin Kaufmann, der gerade eine Fortbildung besucht, erklärt der geschäftsführende Beamte Stefan Fäustlin „meine persönliche Meinung“. Die Markgemeinde habe den Moosern im Grunde immer helfen wollen: „Es muss keiner gehen, es gibt keine Zeitvorgabe, niemand wird unter Druck gesetzt“, klärt er auf. Bedeutet also: Es wird keine Zwangsräumungen geben. Es sei lediglich eine bezahlbare Lösung gefunden worden, mit der diejenigen unterstützt werden, die die Fluten mürbe gemacht haben.

Dem ein oder anderen ist die jetzige Regelung in der Tat zupassgekommen. Manche versprechen sich von ihrer Absiedlung Vorteile – vor allem diejenigen mit renovierungsbedürftigen Häusern und Scheunen. Sie suchen einen Neuanfang an einem weniger riskanten Ort. Für die Gebäude erstatten Staat, Landkreis und Gemeinde immerhin rund 75 Prozent des Zeitwerts.

Die Überschwemmungen und die darauf folgenden Sanierungsmaßnahmen hatten bei den Dörflern für Leid und finanzielle Einbrüche gesorgt. Immer wieder war die Donau über die Ufer getreten, zudem drückte das Grundwasser in die Keller. Die aufgestaute Donau sei daran schuld, hört man in Moos. Die Behörden verneinen das. Tatsache ist: Moos gilt als Überschwemmungsland, keine Versicherung der Welt schließt in so einem Risikogebiet Hochwasserschutz-Verträge ab.

Darum unterschreiben mehr und mehr die Absiedlungsverträge und versuchen sich irgendwo anders eine neue Existenz aufzubauen. Sieben Anwesen wurden bereits dem Erdboden gleich gemacht, darunter die über 400 Jahre alte Moosmühle, die einmal zum Besitz des Zisterzienserklosters Niederschönenfeld gehörte und zuletzt zu einem Wohnhaus umgebaut war. Geblieben ist ein Anbau, in dem noch ein Mini-Wasserkraftwerk betrieben wird.

Die Donau hat viel Schaden angerichtet

Seit die Donau in der Nähe gestaut wird, hat sie in Moos viel Schaden angerichtet. „Vor 15 Jahren stand bei uns das Wasser bis zum Gartentor hoch“, erzählt Gertraud Zeller. Beim Gedanken daran schießen ihr die Tränen in die Augen. Natürlich würde man da am liebsten alles hinschmeißen, schluchzt sie. Aber es sei doch immer weitergegangen. Über Jahrhunderte hätten die Leute in Moos mit den Überschwemmungen gelebt.

Inzwischen wettet keiner mehr einen Cent auf die Zukunft der Ortschaft. Viele Jüngere haben den Weiler verlassen. Das ein oder andere Haus steht leer. Als Nächstes wird das Wochenendhaus eines Arztes am Ortsrand abgerissen. Weitere Anwesen werden folgen. In einem Hof stehen alte Maschinen. Autoreifen und Unrat liegen herum. Es sieht aus wie auf einer Müllhalde, die Tür am Haus ist verriegelt. Hier scheint niemand mehr zu leben.

In der Doppelhaushälfte nebenan lebt noch eine 48-jährige Frau, die mit ihrer vierjährigen Enkeltochter auf der Terrasse spielt. Im Garten blühen die ersten Schneeglöckchen. Eigentlich will sie ihre Lebensumstände nicht schildern. Dann lässt sie sich doch überreden. Schnell wird klar, warum sie eigentlich lieber schweigen würde. „Vor drei Wochen haben wir vom Vermieter erfahren, dass wir mittelfristig ausziehen müssen. Das war ein Schock“, sagt sie. Noch sei nicht klar, wann und wohin die Familie nach 18 Jahren in Moos ziehen wird. Die Zimmer in dem Haus haben sie gerade auf eigene Kosten renoviert.

Moos: Die Leute sind misstrauisch

Auch in einem Bauernhof einige Häuser weiter sind die Leute misstrauisch. Es sei schon so viel über Moos berichtet worden, meistens „nix G’scheits“, sagt die Seniorbäuerin, die wie ihr Mann ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Wie viele Bürger hat sie von den Fragen der Fremden die Nase voll. Zu zweifelhafter Berühmtheit habe es der Ort geschafft. Aus ganz Bayern würden inzwischen am Wochenende Touristen kommen, um Moos beim Sterben zuzuschauen.

Die Landwirtsfamilie hat in Gebäude und Stallungen investiert. Tochter und Schwiegersohn wollen den Hof mit bis zu 80 Rindern halten. 1,5 Millionen Euro würde die Familie für das Anwesen erstattet bekommen, wenn sie sich davonmachen würde. „Wir bleiben“, betont die Bäuerin mit einem Gesichtsausdruck, der keinen Widerspruch duldet. Alles andere wäre Flucht. Außerdem reiche das Geld nicht, um sich anderswo etwas Neues aufzubauen. Es geht überhaupt viel um Geld in Moos. Manche pokern wohl und hoffen auf eine höhere Entschädigung, wenn sie sich weigern, Haus und Hof zu verlassen.

Aber es geht nicht nur um Geld. Da ist noch etwas anderes, vielleicht viel Wichtigeres: Heimatgefühl. Moos war und ist für viele Einwohner über Jahrhunderte Ursprung und Ende. Generationen von Familien sind hier geboren und gestorben. Auf dem Land sind die Menschen nicht so ohne Weiteres verpflanzbar wie in den Großstädten, wo die meisten längst nicht mehr verwurzelt sind.

„So eine Entscheidung der Absiedlung ist schnell an irgendeinem Tisch gefällt“, sagen sie in Moos. Die Gefühle, die entstehen, wenn man die Scholle der Väter und Mütter verlassen muss, spielten in den Überlegungen der Bürokraten, Manager und Politiker keine Rolle.

Moos: Absiedlungsverträge schaffen Unfrieden

Das stinkt vielen. Auch Josef Eberhard, 55. Der etwas kauzige Landwirt will sogar noch eine neue Maschinenhalle errichten. Auch er gehört zu denen, die den kommenden Fluten trotzen wollen. „Ich bleib da. Die gehen wollen, sollen gehen, ich halt keinen von denen auf.“ Die Worte klingen wie eine Kriegserklärung an den Fluss.

Niemand in Moos weiß genau, wer schon einen Absiedlungsvertrag unterschrieben hat und wer nicht. Das schafft Unfrieden im Ort, spaltet ihn in zwei Lager. In Geher und Bleiber, in Standhafte und Feiglinge, wie manche sagen. Womöglich ist es letztendlich aber doch nur eine Frage des Preises, dass auch die anderen wegziehen. Gertraud Zeller und ihr Mann räumen das ein, auch wenn sie bisher noch kämpferisch ankündigen: „Dieses Haus ist unsere Heimat. Wir gehen nicht, bevor sie uns auf der Bahre raustragen.“

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