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Neuburg

26.10.2017

Das Ende der Neuburger Woll-Generation

Willi Häusler bereitet den Ausverkauf bei Woll-Häusler vor.
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Willi Häusler bereitet den Ausverkauf bei Woll-Häusler vor.
Bild: Bastian Sünkel

Woll-Häusler schließt und damit endet erneut eine Ära Neuburger Geschäftstüchtigkeit in diesem Jahr. Irmgard Häusler erinnert sich und erzählt, wie der Laden in Jahrzehnten zu einer Institution geworden ist.

„Ringring!“ Dieses Geräusch wird niemand vergessen, der jemals in diesem Haus gelebt hat. Irmgard und Ulla Häusler sitzen am Küchentisch und machen synchron das Signal der Ladentür nach. Ringring. Sie lachen. Das wird sie auch dann verfolgen, wenn die Ladentür geschlossen bleibt, wenn das letzte Wollknäuel nach 81 Jahren Ladengeschichte verkauft wurde.

Woll-Häusler schließt. Wenn der Ausverkauf bis zum Jahresende vorbei ist, wird Neuburg wieder um eine Institution ärmer sein. Es wird wieder einer jener Läden schließen, die dort über Jahrzehnte daran erinnert haben, dass die Vergangenheit Platz in der Gegenwart hat. Ein Laden, der bis unter die Decke mit Handarbeitswaren gefüllt war. Ein Inhaberpaar, das seine Kunden beim Namen kannte und denen wichtig war, dass niemand den Laden ohne gute Ware verlassen sollte. Wenn Hände und Nadeln ihre Arbeit verrichtet haben, soll der Kunde ein Erfolgserlebnis haben. Das war die Philosophie des Ladens, der ab Donnerstag seinen Ausverkauf startet.

Seit Juli war die Glocke an der Tür bereits nicht mehr zu hören. Die Versuche, den Laden doch noch weiterzuführen, wurden in den vergangenen Wochen über den Haufen geworfen. Irmgard Häusler wird dieses Jahr noch 84 Jahre alt und pflegt ihren Mann Manfred (92). Schließlich entschloss sich die Familie zu jenem Schritt, der das Ende der Ära Woll-Häusler bedeutet. Die Kunden sind ihnen treu geblieben, aber mit der Nachfolge hat es nicht geklappt. „Ein bisserl weh tut’s schon“, sagt die Chefin. Aber dann denkt sie wieder pragmatisch: „Alles hat ein Ende.“

Hinter der Geschichte des Ladens verbirgt sich die eines knappen Jahrhunderts deutscher Vergangenheit. 1936 eröffnete ihre künftige Schwiegermutter Rosa einen Laden für Babybedarf, erzählt Irmgard Häusler. Weil sie später in der Kriegszeit einen Arm verlor, konnte sie ihren gelernten Beruf als Hebamme nicht mehr ausführen und konzentrierte sich auf den Laden. Allerdings lernte sie mit der Prothese zu stricken, erinnert sich die Frau. 1948 kehrte ihr künftiger Mann Manfred Häusler aus der Kriegsgefangenschaft in Frankreich zurück. Irmgards und sein Weg mussten sich zwangsweise kreuzen. Er arbeitete im Laden der Mutter mit, sie war als Hauswirtschaftslehrerin in Ehekirchen beschäftigt. Sie kaufte Unterrichtsmaterialien, verliebte sich in den jungen Mann und später schmiss sie den Lehrerberuf hin und kümmerte sich um den Laden, nachdem ihr Mann das Geschäft 1960 von den Eltern übernommen hatte.

Fünf Kinder verbrachten ihre ersten Lebensjahre in dem Haus mit der vielen Wolle – gegenüber feierte der Moos-Ganove Theo Berger in der berüchtigten Scotch Bar seine Coups. So wuchs man auf in dem Eckhaus: Irmgard hinter der Theke, Manfred im Büro und die Kinder hörten das Klingeln der Türglocke bis in die oberen Stockwerke. Einmal öfter, als Ende der Siebzigerjahre der große Ansturm auf die Wolle begann. Etwas seltener, als jeder glaubte, „ein goldenes Ei zu verdienen“, wenn er nur strickt, erzählt sie. Überall eröffneten Handarbeitsläden um das Familiengeschäft herum – doch auch diese Zeiten überlebte der Laden. Auch weil die Wolle einen Zeitenwandel erlebt hat. „Früher strickte man, um zu sparen. Später, um was Schönes zu haben.“ Sie setzten auf Qualität und überließen das „Billigzeug“ den Supermärkten.

Hinter der Eingangstür ist Sohn Willi Häusler damit beschäftigt, Wolle und Stickzeug, Knöpfe und Nadeln so zu ordnen, dass die letzten Kunden nicht die Übersicht verlieren. 30000 Wollknäuel hat er in dem Haus gefunden – jedes einzelne soll verkauft werden. Dorothea Brucklacher, die rund zehn Jahre im Laden angestellt war, erinnert sich an die Zeiten, als unter anderem Schauspieler Winfried Frey vor ihr stand, mit der Bitte, ihm eine schwarze Mütze zu stricken. Auch Stammkundin Ilse Junker nimmt Abschied. 1968 habe sie ihre erste Baby-Wolle genau dort gekauft, erzählt sie. Dann geht sie zur Tür. Ringring.

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