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Neuburg-Schrobenhausen

10.09.2019

Demenz: Wenn Menschen ihr Leben vergessen

Bei Demenzkranken verblassen Stück für Stück die Erinnerungen an das eigene Leben. Demenz ist eine unheilbare Krankheit, die auch mit einer Wesensveränderung des Erkrankten einhergeht. Die Pflege dieser Menschen ist eine körperliche und psychische Herausforderung. 
Bild: Adobe Stock

Der Vater von Mini Forster-Hüttlinger aus Oberhausen starb an den Folgen von Demenz. Ein Gespräch über den Umgang mit dieser unheilbaren Krankheit.

Alles begann mit einem Anruf von der Bank. Ein Mitarbeiter informierte Mini Forster-Hüttlinger darüber, dass ihr Vater mehrmals die Woche nach seiner Rente fragen würde. Die wurde natürlich pünktlich jeden Monat überwiesen. Doch Wilhelm Forster war überzeugt davon, dass die Zahlungen ausblieben.

Es war nicht das erste Mal, dass Tochter Mini über das Verhalten ihres Vaters stutzte. Mal war es ein verschwundener Geldbeutel, mal waren es „komische Leute“, die angeblich vor dem Haus standen. Doch muss man sich über derlei Unzulänglichkeiten bei einem Mann mit Mitte 80 wirklich Sorgen machen? Mini Forster-Hüttlinger tat es nicht – bis zu jenem Anruf des Bankangestellten. Kurze Zeit später bestand kein Zweifel mehr daran, dass Wilhelm Forster an Demenz erkrankt war.

Demenz gehört zu den größten Herausforderungen des Gesundheitswesens und der Gesellschaft unserer Zeit. Denn durch eine Demenz wird alles anders. Sie verändert den kranken Menschen ebenso wie seine Mitmenschen, die den Erkrankten pflegen. Das zehrt an den Kräften und endet nicht selten in verzweifelten Momenten.

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Demenz: Die Erkrankung hat viele Formen

Solche Augenblicke hat auch Mini Forster-Hüttlinger, Oberhausens 2. Bürgermeisterin, erlebt. „Das Schlimmste war, dass ich zuschauen musste, wie er sein Leben vergisst“, erzählt sie. Ihr Vater, ihr großes Vorbild, sei ein intelligenter, interessierter und vor allem sozialer Mensch gewesen. Er war Begründer des SPD-Ortsvereins in Oberhausen, Mitbegründer des örtlichen Sportvereins, hat gedrechselt und geschmiedet und seinen Kindern gelehrt, wie wichtig es sei, sich einzumischen. Doch am Ende seines Lebens sei davon nichts mehr übrig geblieben: Aus dem einst körperlich und geistig vitalen Mann wurde zunehmend ein hilfloses Kind, in dessen Gedächtnis bald nur noch die Erinnerungen aus der Kindheit existierten. Und damit war auch bald das Wissen um seine eigenen Kinder erloschen.

Demenz hat viele Formen. Die häufigste aber ist die Alzheimer-Erkrankung, wie sie auch Wilhelm Forster hatte. Neben Problemen bei der Orientierung fällt auch logisches Denken und ein sinnvolles Urteil über einen Sachverhalt oder eine Situation immer schwerer. Auch körperlich fordert die Krankheit ihren Tribut: Der Oberkörper beugt sich nach vorne, die Schritte verwandeln sich in ein Tippeln. Dazu kommt eine verwaschene Aussprache. Ist die Alzheimer-Demenz in einem späten Stadium angekommen, erkennen Betroffene ihre engsten Angehörigen nicht mehr.

Mini Forster-Hüttlinger zusammen mit ihrem Vater Wilhelm. 
Bild: Privat

Die meisten Demenzformen sind unheilbar

Die meisten Demenzformen – auch die Alzheimer-Erkrankung – sind nicht heilbar. Der geistige Abbau kann mit entsprechenden Medikamenten zwar verzögert, aber nicht aufgehalten werden. Deshalb war es auch nur eine Frage der Zeit, bis Mini Forster-Hüttlinger ihren Vater, in dessen Haus sie zusammen mit ihrem Mann Alwin wohnte, nicht mehr alleine lassen konnte. „Lange Zeit hat er alles noch selbst gemacht“, erinnert sich die 65-Jährige. „Doch irgendwann wusste er nicht mehr, was er mit dem Rasierer anfangen sollte.“ Er zog sich die Schuhe falsch herum an, wollte seine Zahnprothese nicht herausnehmen („Meine Zähne sind doch angewachsen!“) und stand mitten in der Nacht auf, um seine Mutter zu Hause in Niederbayern zu besuchen. Anfangs, so erzählt Mini Forster-Hüttlinger, wollte sie ihrem Vater all diese falschen Dinge erklären. Doch er reagierte aggressiv und verständnislos. Deshalb änderte sie ihre Taktik: Sie ließ ihn sein, wie er war – wenn es sein musste, auch mit falsch angezogenen Schuhen.

„Es war ein langer Weg, bis ich akzeptiert habe, dass es so ist“, gibt sie zu und verhehlt dabei nicht, dass auch sie ihre schlechten Tage hatte – etwa wenn ihr Vater keine Körperpflege zuließ, weil er vehement darauf beharrte, es selbst zu können, was allerdings nicht der Fall war. „Einmal habe ich mit einem Kochlöffel so lange auf einen Topf eingeschlagen, bis er abgebrochen ist. Ich wusste in diesem Moment einfach nicht anders, wohin mit meiner Wut.“ Wut und Verzweiflung gehen beim Umgang mit Demenzkranken oft Hand in Hand. Die Rund-um-die-Uhr-Pflege, die Stimmungsschwankungen, die Undankbarkeit, das Wiederholen immer derselben Fragen – die Pflege von Demenzkranken ist eine Aufgabe, die an die Substanz geht. „Ich saß oft im Wald und hab mir die Augen aus dem Kopf geweint, weil ich so unglücklich war, was aus diesem Menschen geworden ist“, sagt Mini Forster-Hüttlinger.

Pflegende Angehörige von Demenzkranken brauchen Auszeiten

Kraft holte sich die vielseitig engagierte Oberhausenerin in den sieben Jahren, in denen sie ihren Vater pflegte, bei ihren ehrenamtlichen Aufgaben. Die konnte sie wahrnehmen, weil ihr Mann ihr den Rücken freihielt. „Das hat mir gutgetan, da hab ich mich aufgetankt.“ Und diese Erfahrung war es auch, die sie dazu bewogen hat, noch zu Lebzeiten ihres Vaters in Oberhausen eine Entlastungsgruppe für Angehörige von Demenzkranken zu gründen, die es bis heute gibt.

Drei Goldene Regeln hat Mini Forster-Hüttlinger aus ihren Erfahrungen gewonnen: 1. Die Krankheit annehmen. 2. Den Erkrankten so lassen, wie er ist. 3. Den Angehörigen so lange wie möglich in der gewohnten Umgebung lassen – aber unbedingt mithilfe der Angebote, die es mittlerweile gibt. „Man muss sich helfen lassen“, appelliert sie an die Angehörigen. Bei der Auswahl der richtigen Hilfe stehen der Pflegestützpunkt in Neuburg oder der Gerontopsychiatrische Dienst der Caritas beratend zur Seite.

Wilhelm Forster ist am 6. Dezember 2002 im Alter von 92 Jahren in seinem Haus in Oberhausen gestorben. Seine Tochter war in diesen letzten Minuten bei ihm. „Als es dem Ende zuging, konnte ich ihn noch einmal in den Arm nehmen – und ich war so froh, dass ich diese Gelegenheit hatte.“ So viel die Pflege ihres Vaters ihr mitunter abverlangt habe, so viel habe sie ihr am Ende auch gegeben. „Dass ich bis zum Schluss durchgehalten habe, hat mich richtig stark gemacht.“

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