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Neuburg

23.12.2020

Der Auwald bei Neuburg beherbergt diesen faszinierenden Saboteur

Derzeit nicht zu übersehen: die Misteln im Auwald.
Bild: Matthias Schwark

Plus In unserer Auwald-Serie greifen wir diesmal die Weißbeerige Mistel auf. Sie zu verteufeln, wäre falsch, schreibt Autor Michael Denk. Warum?

Parasitismus ist eine unliebsame Beziehung zwischen Lebewesen, die auf Kosten des Wirtes geht. Gewiss hat fast jeder von uns schlechte Erfahrung mit Zecken oder Läusen gemacht. Derartige Beziehungen finden wir auch im Pflanzenreich. Die Weißbeerige Mistel (Viscum album) ist so ein Parasit, der viele „nicht-mistelfesten“ Bäume als Wirt befällt: Ahorn, Weide, Birke oder Pappel. Nicht jedoch die auentypische Schwarzpappel, sodass uns Misteln bei der schwierigen Unterscheidung dieser heimischen Baumart von der gezüchteten Hybridpappel helfen können.

Auwald bei Neuburg: Misteln fallen gerade deutlich auf

Misteln fallen jetzt auch im Auwald bei Grünau deutlich auf, da die Laubbäume keine Blätter mehr tragen. Sie stechen durch ihren auffallenden Wuchs hervor: Die bis zu einem Meter großen kugelrunden Sträucher erinnern an übergroße Vogelnester, die oft große Bereiche der Baumkronen einnehmen. Misteln sind immergrüne Frühjahrsblüher, die jetzt zur Adventszeit ihre namensgebenden weißen Früchte bilden.

Der Donauauwald rund um Neuburg, hier bei Stepperg, gilt als einzigartige Landschaft.
Bild: Winfried Rein

In der keltischen sowie in der germanischen Mythologie wurden der Mistel göttliche Kräfte zugeschrieben und sie gilt zum Teil bis heute als Glücks- und Fruchtbarkeitssymbol. In Großbritannien beispielsweise gibt es den Brauch, sich an Weihnachten unter dem im Türrahmen aufgehängten Mistelzweig zu küssen, um das Glück zu beschwören.

Bei Misteln handelt es sich um sogenannte Halbschmarotzer. Sie können zwar Fotosynthese betreiben, jenen fabelhaften Prozess, der mithilfe von Sonnenlicht Kohlenhydrate bildet. Um jedoch überleben zu können, brauchen Pflanzen u. a. auch Stickstoff, Phosphor und vor allem Wasser, die sie über ihre Wurzeln aus dem Boden ziehen. Hoch oben in den Bäumen ist der Boden für die Misteln zu weit. Deshalb zapft Viscum album die Leitungsbahnen ihrer Wirtspflanze an. Ein vertracktes Unterfangen, da der Parasit den Holzkörper des Wirtes durchdringen muss.

Natur bei Neuburg birgt mannigfaltige Wunder

Die Verbreitung der Misteln beginnt damit, dass Vögel die Früchte fressen. Im Inneren der Früchte befindet sich ein schwer verdaulicher klebriger Schleim, der einen Scheinsamen (ohne Samenschale - eine Seltenheit!) mit mehreren grünen Embryonen enthält. Scheiden die Vögel nun dieses klebrige Paket in der Baumkrone eines geeigneten Wirtes aus, bleibt die schleimige Masse mit etwas Glück kleben.

In vielen Häusern hängen in der Weihnachtszeit Mistelzweige in Türrahmen.
Bild: Matthias Schwark

Die Embryonen entschlüpfen dann der Schleimhülle und bilden Haftscheiben aus. In deren Zentren werden sogenannte Penetrationskeile gebildet, die in die äußeren Schichten des Holzkörpers des Wirtes eindringen. Der Parasit bringt die Wirtspflanze über biochemische Signale dazu, den Keil zu überwuchern, wodurch die Pflanze tiefer in den Wirt eindringt, bis schließlich dessen Leitungsbahnen erreicht werden. Misteln sind also regelrechte Saboteure!

Vitale Bäume können sich allerdings zur Wehr setzen, indem sie nicht nur den Keil, sondern den ganzen Parasiten überwuchern. Etabliert sich eine Mistel aber auf dem Wirt, kann sie nach circa sieben Jahren die ersten Blüten tragen und ein Alter von etwa 70 Jahren erreichen. Misteln können als Bioindikatoren für den Zustand eines Waldes dienen, da sie sich an geschwächten Bäumen leichter ansiedeln können. Ihr Vorkommen ist jedoch kein Grund dafür, diese faszinierenden Saboteure zu verteufeln. Unser Auwald birgt mannigfaltige Wunder und beherbergt einzigartige Geschöpfe, ein Umstand der oft erst bei näherer Betrachtung deutlich wird.

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