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02.11.2008

Der Wald bestimmt das Leben in der Wolpertsau

Rennertshofen Die Baringer nennen sie "Die Wolpertsauner", die Hüttinger dagegen "Beim Schleifer" und doch sind dieselben gemeint, nämlich die Bewohner des Einödhofes Wolpertsau, der auf der östlichen Anhöhe gut einen Kilometer entfernt von Hütting liegt. Vier Generationen leben heute auf dem idyllisch gelegenen Hof: Cäcilia Löffler vertritt die Urgroßelterngeneration. Sie wohnt mit ihrem Sohn Georg - von den meisten Bekannten nur "Buschi" genannt - und ihrer Schwiegertochter Isolde Löffler in dem 1949/50 erbauten Haus. Enkel Thomas, seine Frau Gabriele und der Urenkel Leon haben das neu erbaute Haus gegenüber vom Elternhaus bezogen.

VON MICHAEL GEYER

Die Wolpertsau kommt in der Spitalregistratur des Neuburger Bürgerspitals erstmals im Jahre 1524 vor, wo der "Halbhof" vom Wolpertsauer Bauern Sixt Rechner an das Neuburger Spital verkauft worden und wiederum vom Spital an den Bauern "zu einem Leibgeding ohne entgeltlich" und "ausschlüßig des Holzes" verliehen wurde. Sixt Rechner durfte demnach nur die Wiesen und Weiden nutzen, im Wald vom Wind gebrochene Äste als Brennholz sammeln, "jedoch nur dürres Holz brennen, aber weder dürres noch grünes Holz verkaufen". Dafür verlangte das Spital, dass er "vier Rinder in der Wayd halten, wozu ihm jedoch das nötige Salz gereichet werden solle".

Nach den Wirren des Dreißigjährigen Kriegs wurde Wolpertsau 1652 ohne Wissen des Spitals, weil "die nachgekommenen Verwalter von diesem Leibgeding nichts mehr gewusst haben, von dem hiesigen Landvogt von Lemble einem Unterthanen von Hütting namens Peter Wachter verkauft", wie der königliche Rentbeamte von Heim beschreibt. Mit Wachters Sohn Georg stritt dann das Spital 1749 um die Rechte auf den Hof und muss beim Prozess unterlegen sein, denn heute ist der Hof mit 19 Hektar Feld und Wiesen in Privatbesitz, und zwar von der Familie Löffler.

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Weiterhin nutzt der Hof ein kleines Holzrecht von neun Ster vom Bürgerspital. Dieses Brennholz wird aber nicht "frei Haus" geliefert, sondern die Wolpertsauer schneiden es selber aus einem zugeteilten Waldstück heraus.

Überhaupt bestimmt der Wald das Leben der Wolpertsauer, und sie haben eine sehr enge Bindung zu ihm. Das Anwesen wird mit einer modernen Hackschnitzelheizung versorgt. Georg verdient seinen Unterhalt mit Holzrücken und Sohn Thomas ist als Servicemechaniker für Forstmaschinen unterwegs. Schon der Vater von Georg, Andreas Löffler, der vor sechs Jahren verstorben ist, hat sich im Forst als Waldarbeiter ein Zubrot verdient. Georg erinnert sich noch an gut an ihn, der drei Brüder im Krieg verloren hat. Auch die Erinnerungen und Erzählungen von dem Drunter und Drüber nach dem Einmarsch der Amerikaner sind noch präsent: Die Jagdwaffen vom Vater und von den Onkeln Hans und Toni wurden zuerst in der Kapelle versteckt, später, als es brenzlig wurde, sogar im Weiher versenkt. Erst vor ein paar Jahren zog ein Bagger eines der Gewehre aus dem Weiher.

Oma kippte aus Angst die Schnapsmaische in den Abfluss

Auch ein kleines Brennrecht gehörte damals zum Hof. Aus Bergen und Hütting wurden ganze Anhänger mit Obst herangefahren. Die Oma hat aus lauter Angst vor einer Kontrolle die ganze Maische in den Abfluss geschüttet, sodass es 1945 keinen Schnaps gab. Auch schwarzgeschlachtet wurde auf dem Hof. Als wieder Normalität einkehrte, fuhr Andreas Löffler täglich frischen, auf dem eigenen Hof produzierten Rahm nach Rennertshofen. Für die Kinder war der Schulweg bei Wind und Wetter hinunter nach Hütting nicht einfach, später fuhren sie auf dem Milchwagen mit nach Hütting.

Bei der Gebietsreform 1972 entschieden sich die Wolpertsauer für Rennertshofen. "Die Neuburger hätten uns auch gern gehabt", lacht "Buschi". Dass die Hüttinger ihnen eine Teerstraße gebaut hatten, hatten die Wolpertsauer wohl nicht vergessen.

Heute präsentiert sich das Leben auf dem Anwesen ganz anders, der Strukturwandel hat auch vor Wolpertsau nicht haltgemacht. 1991 gab die Familie die Viehhaltung mit Milchkühen auf, "sehr zum Leidwesen von Isolde", meint Georg. Dabei hatte die gelernte Friseurin die Arbeit auf dem Hof von Grund auf erlernen müssen. Die Äcker wurden verpachtet, die Wiesen werden noch selber bewirtschaftet. Anstelle der Milchkühe stehen heute zehn Pensionspferde auf der Weide, dazu kommen noch die eigenen Ponys und die kleine Herde mit schottischen Hochlandrindern, die Thomas aus Liebhaberei hält. Als regelmäßige Gäste sind behinderte Kinder auf dem Hof, die mit der Reittherapeutin Karin Fürleger aus Konstein ein paar schöne Stunden erleben können.

Kapelle von den Ururgroßeltern gebaut

Eine ganz besondere Geschichte rankt sich um die kleine Kapelle: Sie wurde von den Ururgroßeltern von Georg Löffler erbaut. Beim Hochklettern zu einem Bussardnest war ein Bub, der Großvater des heutigen Hofbesitzers, von einer hohen Fichte herabgestürzt. Die Mutter schwor, der Mutter Gottes der immerwährenden Hilfe eine Kapelle zu errichten, wenn ihr Kind wieder gesund würde. Die Bitten wurden erhört und die Kapelle gebaut.

Auch heute noch besuchen die Wolpertsauer das kleine Gotteshaus und zünden eine Kerze an. Diese Gewohnheit wäre vor einiger Zeit dem Kirchlein fast zum Verhängnis geworden, als vergessen wurde, ein auf dem Altar stehendes Teelicht zu löschen. Durch die Hitze des Metalls fing das Tischtuch zu schwelen an und die ganze Kapelle wurde verrußt.

Das Leben auf einer Einöde kann manchmal ganz schön kompliziert werden. So etwa 1990, als der Orkan "Wiebke" die Wege zum Hof mit riesigen Bäumen verkeilte, Strom- und Telefonleitungen umwarf und die Kühe mithilfe eines Notstromaggregates, das über die notdürftig freigeschnittenen Wege herangeschafft wurde, erst mittags gemolken werden konnten. So stürmisch und laut geht es aber höchst selten auf dem Hof zu. Fragt man die Wolpertsauer, was sie am schönsten am Leben auf einem Einödhof finden, dann kommt wie aus einem Munde: "Die Ruhe ist das Schönste hier."

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