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Neuburg an der Donau

28.12.2016

Der Wirt mit dem Hut zieht den Hut

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4 Bilder
Pfiat’s eich! Luggi Herbinger war 36 Jahre der Wirt der Blauen Traube. Mit 57 Jahren geht er in den Ruhestand und ist – so sagt er – kein bisschen wehmütig. Und jetzt? Jetzt macht er erst mal Urlaub in Thailand.
Bild: Bastian Sünkel

36 Jahre hatte Ludwig Herbinger das Wirtshaus „Blaue Traube“ in der Neuburger Altstadt. Dass er aufhören will, hat er schon viele Jahre angekündigt. Jetzt macht er Ernst.

Eigentlich hätte Ludwig Herbinger am 1. des Monats seinen neuen Job als Koch in einem Hotel in Grainau antreten sollen. Doch dem 18-jährigen Luggi gefiel es in Südfrankreich so gut, dass er überhaupt keine Lust verspürte, den Heimweg anzutreten. Mit der Drehorgel hatte er sich 1977 nach seiner Lehre im Donauhotel in Ingolstadt auf den Weg in die Provence gemacht, wo er sich in dem Städtchen Cassis gerade so viel Franc verdiente, dass er sich ein paar angenehme Wochen machen konnte. Denn das süße Leben am Mittelmeer war genau das Richtige nach den anstrengenden Lehrjahren, in denen es viel Arbeit und wenig Freizeit gab. Und so dachte sich der Luggi: „Des reicht auch, wenn i acht Tag später anfang.“ Als er eine Woche später dann vor dem Chef des Hotels stand, hatte dieser wenig Verständnis für das selbstbestimmte Auftreten seines künftigen Kochs: „Wegen Unzuverlässigkeit können wir Sie nicht brauchen“, sagte er und schickte ihn wieder fort.

Diese „Unzuverlässigkeit“ war es, die Luggi Herbinger nach einer gescheiterten Bewerbung im Kloster Ettal („Denen war i zu teuer.“) wieder nach Neuburg in seine Heimat brachte. Denn hätte er eine der beiden Stellen pünktlich und ernsthaft angenommen, wäre er möglicherweise nie der Wirt der Blauen Traube geworden. Seit 36 Jahren ist er das Gesicht eines der ältesten Wirtshäuser in Neuburg, das von alteingesessenen Neuburgern genauso gerne besucht wird wie von Künstlern, Schauspielern und Blaublütern. Man geht nicht in die Blaue Traube, man geht zum Luggi – mehr Identität kann ein Wirt seinem Gasthaus nicht geben. Nach 36 Jahren, einem Monat und sechs Tagen endet allerdings die Ära Ludwig Herbinger in der Blauen Traube. Der 57-Jährige hört auf – und das nicht einmal mit einem weinenden Auge. „Ich hab keine Nerven mehr. Und ich bin froh, dass rum ist“, sagt er. So griabig wie seine Gäste hatte er es als Koch und Wirt in einer Person eben nicht immer.

Seine berufliche Laufbahn in Neuburg hat für Ludwig Herbinger aber nicht in der Traube, sondern als Koch im Gasthaus Assmann-Kreil begonnen. Die Anstellung dort war aber eher eine Verlegenheit, „bevor mir des Geld ausgegangen wär’“. Gerade mal ein halbes Jahr war er dort, ehe er für die Pfadfinder hauptberuflich als Koch arbeitet – und zwar in der Blauen Traube. Denn dort gab es Ende der 1970er Jahre eine Hausaufgabenbetreuung für Schüler, und Luggi war für das Mittagessen zuständig. Die Traube war damals nicht das Wirtshaus, wie man es heute kennt: Im heutigen Gastraum stand ein Billardtisch, im Nebenraum war eine Bar. „Da hat man sich damals zum Lumpern getroffen“, beschreibt er das „Etablissement“. Um den heißen Brei hat Luggi Herbinger noch nie herumgeredet.

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In dieser Zeit hat er das Angebot bekommen, die Traube zu übernehmen – und er hat zugeschlagen. Im November 1980 hat er 60000 Mark Ablöse bezahlt – „und dann hama ogriffen“. „Wir“, das waren er und sein Vater Ludwig (†1997). Der war Maurer von Beruf, im Grunde genommen aber ein Alleskönner. „Der hat mir viel geholfen – beim Umbau und im Wirtshaus“, sagt sein Sohn. Stück für Stück wurde erweitert, modernisiert und umgebaut. Die Eigentümerin des altehrwürdigen Hauses in der Altstadt, Hilde Clostermann, habe ihm dabei immer freie Hand gelassen.

Lehrer, Mitarbeiter der Stadtverwaltung oder Redakteure und Drucker der Neuburger Rundschau, die damals noch ihre Räume im Loiblhaus hatte: Sie alle kamen in den 1980er Jahren zum Mittagessen und Feierabendbier in die Traube. Hier war (und ist) einer der Informationsumschlagplätze der Stadt. Und hier war (und ist) der Treffpunkt für Theater-Schauspieler, Birdland-Musiker sowie Schüler und Dozenten der Sommerakademie. Eine von ihnen war Eva Heller (†2008), die 1987 mit ihrem ersten Roman „Beim nächsten Mann wird alles anders“ bekannt wurde und über viele Jahre hinweg nach Neuburg kam. Die Dame machte es Luggi Herbinger allerdings nicht leicht: „Die hatte immer was auszusetzen“, erinnert er sich. Er war beinahe schon so weit, ihr Lokalverbot zu erteilen, weil ihm die Nörgeleien auf den Geist gingen – bis er eine Idee hatte. Als sie wieder einmal den Wein beanstandete, riss er eine Zwei-Liter-Bottel von mäßiger Qualität auf. „Des is a ganz spezieller Wein. Den trink i normalerweise nur selber“, hat er ihr verheißungsvoll erzählt. Eva Heller war begeistert – und so gab es zwischen den beiden doch noch ein versöhnliches Ende.

Ob Promi oder nicht – dem Luggi ist es einerlei, wer in seiner Wirtschaft sitzt. Selbst Schwedens Königspaar, das 2014 bei ihm auf ein paar Bratwürstl mit Kraut Halt machte, konnte ihn nicht aus seiner Ruhe bringen. Der ehemalige Kulturamtsleiter Dieter Distl habe ihm einmal angeraten, ein Gästebuch aufzulegen, in das sich all die illustren Besucher hätten eintragen können. „Aber des is mir doch zu blöd, auf die zuzugehen und zu sagen: Ach könnten Sie bitte...“. Und so muss sich Luggi Herbinger heute aus dem Gedächtnis an alle Namhaften erinnern, die bei ihm schon eingekehrt sind. Carolin Reiber etwa und Anneliese Fleyenschmidt (†2007), beides bekannte Moderatorinnen des Bayerischen Fernsehens, aber überhaupt nicht nach Luggis Geschmack. Ebenso wenig wie Désirée Nick. Die hätte er gar nicht erkannt, wenn ihn ein Gast nicht darauf aufmerksam gemacht hätte. Der Gustl Bayrhammer (†1993), der war nett – im Gegensatz zu Hans Clarin (†2005). „Im Fernsehen ist der guat rüber kommen. Aber privat war des a riesen Depp.“ Der Franz Xaver Gernstl war auch schon da, genauso wie Ottfried Fischer und Joachim Gauck. „Und da Schröder, der is mit seiner Doris da vorn g’hockt“, sagt er und zeigt vom Stammtisch aus auf den Ecktisch in der Gaststube. Bei Illja Richter blieb ihm vor allem dessen Mutter in Erinnerung. „Die hat Whiskey g’soffen bis zum Erbrechen.“

In Erinnerung werden auch die vielen Stammgäste ihren Luggi behalten. „Er war der ideale Wirt“, beschreibt ihn etwa Hans Wöhrl. Für den Vorsitzenden des Neuburger Volkstheaters ist die Traube seit rund 20 Jahren das Wirtshaus seiner Wahl. Viele Stunden und auch so manch längere Nacht habe er hier verbracht, hat den Luggi aus der Küche lautstark herausschimpfen gehört und über seine kreativen Wortneuschöpfungen gelacht. Außerdem konnte er mit ihm immer im Vertrauen reden. „Er war kein Plauderer und sehr diskret“, lobt ihn Wöhrl. Unkompliziert sei er gewesen, und auch großzügig – „bis aufs Freibier“, schränkt er ein.

In wenigen Tagen wechselt Ludwig Herbinger die Fronten. Dann wird er selbst Gast. Und weil er nur wenige Meter von der Traube weg wohnt, wird er seiner ehemaligen Wirkungsstätte sicherlich den ein oder anderen Besuch abstatten. Dass seine Nachfolgerin Stefanie Höck das Wirtshaus ganz in seinem Sinne fortführen wird, daran hat er keinen Zweifel. Etwa zwei Dutzend Bewerbern hat er in der Vergangenheit den Laufpass gegeben. Inder, Chinesen, Italiener, Griechen – alle hatten sie Interesse an dem Lokal im Herzen der Altstadt. Doch ein ausländisches Lokal in dem tiefbayerischen Wirtshaus? Das wäre für ihn nicht infrage gekommen. Erst bei der 28-jährigen Neuburgerin hatte er das Gefühl: „Die dad passen!“

Am 2. Januar läutet Luggi seine Abschiedswoche ein. Dann startet die Aktion „Leeres Fass“, wie er sagt. Jeder, der sich von ihm verabschieden möchte, ist herzlich eingeladen dabei zu helfen, die Kühlräume und die Bierfässer zu leeren. Sein letzter Tag in der Blauen Traube ist am 6. Januar. Bis Ende Februar bleibt das Wirtshaus dann geschlossen. Seine Nachfolgerin will insbesondere die Küche modernisieren, bevor sie loslegt.

Der Mann mit dem Hut zieht den Hut und verabschiedet sich in den Gastronomen-Ruhestand. Jetzt hat er endlich Zeit – vielleicht auch für eine Frau? „Die Gastronomie ist beziehungsfeindlich“, begründet er sein Single-Dasein. Immer arbeiten, wenn andere frei haben – das kam bei der einen oder anderen Dame nicht lange gut an. Als angehender „Frührentner“ sehe die Sache allerdings schon wieder anders aus. „Jetzt dadens daherkommen. Aber jetzt mog i a nimmer.“

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