Newsticker

Teil-Lockdown bis 10. Januar 2021 verlängert - Söder deutet Verschärfung an
  1. Startseite
  2. Lokales (Neuburg)
  3. Der schüchterne Bub, der Magier wurde

Neuburg/Ingolstadt

10.11.2017

Der schüchterne Bub, der Magier wurde

Uri Geller hat wahrscheinlich tausende Löffel verbogen. Bei Sven Catello sind es die Zacken der Gabeln, die sich unter seinen Fingern krümmen. Bei seinem Auftritt im Neuburger Arco Schlößchen versetzte der Zauberkünstler mit diesem Trick das Publikum in Staunen.
3 Bilder
Uri Geller hat wahrscheinlich tausende Löffel verbogen. Bei Sven Catello sind es die Zacken der Gabeln, die sich unter seinen Fingern krümmen. Bei seinem Auftritt im Neuburger Arco Schlößchen versetzte der Zauberkünstler mit diesem Trick das Publikum in Staunen.
Bild: Thomas Balbierer

Er ist Diplom-Mathematiker, Lehrer, Judo-Trainer und Familienvater. In der Region ist der Zauberkünstler Sven Catello aber für seine bezaubernden Auftritte bekannt.

Wenige Minuten vor dem großen Auftritt sitzt Sven Catello an einem gedeckten Tisch im Neuburger Arco Schlößchen. Er spießt Rinderfiletspitzen auf die Gabel und tauscht Blicke mit den Gästen im Restaurant. „Sobald der Hauptgang abgeräumt ist, beginnt die Show“, sagt er und schnipst mit den Fingern. „Dann lege ich den Schalter um.“ Jetzt steht Catello in einem kleinen Nebenraum mit Kronleuchter und Holzdielen. 20 Frauen und Männer sitzen in einem halben Stuhlkreis um ihn herum, legen die Hände in den Schoß und schauen erwartungsvoll nach vorn. Catello streift sich ein Sakko über sein blaues Hemd, lächelt in die Runde und schnipst. Die Show kann beginnen.

Sven Catello ist Zauberer. In Ingolstadt kennt den großen Mann mit den schwarzen Haaren und dem kantigen Gesicht fast jedes Kind. Dabei hat es Catello mit seiner Kunst vor allem auf Erwachsene abgesehen. Er zaubert auf Hochzeiten, Firmenfeiern und in seiner Show „Catellos Zaubermenü“. Die Show verbindet ein Drei-Gänge-Menü mit einer einstündigen Zaubereinlage zwischen Hauptgang und Dessert. Außerdem ist der 50-Jährige Initiator der Ingolstädter Zaubertage, die am heutigen Samstag beginnen und bis 19. November andauern. Wer aber steckt hinter dem Künstler Sven Catello? Wer das herausfinden will, merkt schnell, dass die Grenzen zwischen dem Magier Catello und dem Privatmann Sven Keidel verschwimmen. Er selbst behauptet, sich auch vor Publikum nicht zu verstellen.

Wenn Catello, wie an diesem Donnerstagabend im Nebenzimmer des Arco Schlößchens auftritt, wirkt er freundlich, den Gästen zugewandt, lacht und bezieht seine Zuschauer bei fast jedem Trick mit ein. Zum Beispiel, als er zu Beginn der Show ein imaginäres Kartendeck ins Publikum schmeißt und die Gäste bittet, das Spiel hin- und herzuwerfen. Skeptische Blicke bei den Gästen, doch nach wenigen Würfen, machen sie bereitwillig mit. Dann fordert Catello das unsichtbare Deck zurück. Ein Zuschauer holt aus und wirft, Catello fängt – und hält plötzlich ein reales Kartenspiel in der Hand. Die Zuschauer klatschen, das Eis ist gebrochen.

„Ich möchte Menschen zum Staunen bringen“, sagt der Zauberkünstler eine Stunde vor dem Auftritt. Um ihn herum verspeisen die Leute gerade den ersten Gang. Bis zum Beginn der Show hat Catello Zeit, um über das Geheimnis seines Berufs und über sein Leben diesseits der Zauberei zu reden. Catello spricht höflich, wenn er lächelt werden seine Augen schmal. Wie in seiner Show kommt der 50-Jährige auch im Gespräch ohne Umschweife zum Thema. Zauberei sei für ihn eine gewisse Egofrage. „Jemand, der sich nicht gerne selbstdarstellt, kann kein guter Zauberer werden“, erklärt Catello. Aber ein Schauspieler sei er nicht. „Ich stelle niemand anderen dar.“

Als Kind sei er eher schüchtern gewesen. Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen, habe er erst beim Wehrdienst und im Judo-Training gelernt. Mittlerweile bildet er den Judo-Nachwuchs aus und unterrichtet seit sieben Jahren als Mathe-Lehrer an der FOS/BOS Ingolstadt. Die Schüler nennen ihn „Herr Keidel“, doch auch im Klassenzimmer ist ab und zu der Zauberer Catello präsent. Tricksen zwischen Pult und Tafel.

Jemand, der von sich behauptet, er könne zaubern, muss naturgemäß mit Skepsis und Misstrauen rechnen. Bei seinem Neuburger Gastspiel schauen ihm die Frauen und Männer im Publikum genau auf die Finger. Als Catello – in Anspielung auf den weltbekannten Löffelverbieger Uri Geller – die Zacken einer Gabel krümmt, ohne sie zu berühren, kann es eine grauhaarige Frau kaum fassen und inspiziert das Besteck persönlich. Sie findet keinen Makel. Die Gabel darf sie als Andenken behalten.

Es ist ein Spiel mit der Illusion. Natürlich hat Catello keine übernatürlichen Kräfte, das wissen auch seine Zuschauer. Und trotzdem bleibt es ein Geheimnis, wie seine Tricks funktionieren. „Meine Motivation ist, so viele Erklärungen wie möglich auszuschalten“, erklärt der Künstler. Wenn das Publikum nicht weiß, warum sich die Zacken verbiegen, ist der Zauber geglückt. Die Menschen staunen. Zur Magie gehört für Catello aber mehr: Technik, Training, Fingerfertigkeit, Psychologie und Hilfsmittel liegen auf dem Weg zum Erfolg. Aber auch Lügen gehören, wie Catello offen berichtet, zu seinem Repertoire.

Lampenfieber vor der Show ist bei Catello nicht zu entdecken. Aufmerksam, aber nicht angespannt, wartet er den richtigen Moment ab, um die Gäste nach dem Hauptgericht in das Nebenzimmer zu bitten. Dort hat er bereits ein Tischchen, Stühle und die Beleuchtung für seinen Auftritt positioniert. Sein Blick ist konzentriert, ein schwarzer Lidstrich lässt die Augen geheimnisvoll wirken. Zum Publikum spricht er mit fester Stimme, seine Gesten sind flüssig. Catello hat alles unter Kontrolle, immerhin zaubert er seit über 35 Jahren. Auch im Gespräch ist der Mann strukturiert, was vielleicht mit seinem Mathematik-Studium zu tun hat, das sich über 19 Semester streckte – bis die Uni gedroht hat, ihn rauszuschmeißen.

Als Sportausbilder, Lehrer, Vater einer zweijährigen Tochter und Zauberkünstler hat Sven Catello gelernt, selbstbewusst zu sein und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Selbst wenn Zuschauer mal versuchen, ihn aus der Reserve zu locken, wie beim Auftritt im Arco Schlößchen: Für einen Trick schreibt eine Frau ihren Namen mit Filzstift auf eine Colaflasche. Catello nimmt das Glas, kann den Namen jedoch nicht entziffern und fragt nach. Die Frau spottet: „Ich dachte, Sie können lesen.“ Gelächter im Publikum. Catello schweigt einen Moment. Dann der Konter: „Ich dachte, Sie können schreiben.“ Die Gäste lachen, die Show geht weiter.

Er selbst sagt, dass er zwischen sich als Privatmensch und als Zauberkünstler keine klare Grenze ziehe. Die deutlichste Grenze ist für ihn die Tatsache, dass er über zwei Telefonanschlüsse verfüge. „In meinem Leben habe ich es geschafft, mein soziales Leben, die Zauberei, den Lehrerberuf und meine Leidenschaft für Judo in Einklang zu bringen“, erklärt er. Da der Künstlername Catello sogar in seinem Personalausweis vermerkt ist, mache es für ihn keinen Unterschied, ob man ihn mit Catello oder Keidel anspreche.

„Namen haben Macht“, sagt der Mann, der gleich zwei hat, als er im Scheinwerferlicht vor den Gästen steht. Catello erzählt eine (wahre) Geschichte des italienischen Autobauers Fiat: Fiat gab einem Kleinwagen den Namen „Uno“. Das Auto wurde ein Verkaufsschlager. Nur in Finnland wollte es keiner haben. Denn Fiat wusste nicht, dass „Uno“ im Finnischen „Trottel“ bedeutet. Eine Anekdote, die Catello erzählt, um die Lücke zwischen zwei Tricks zu füllen. Doch als die Show vorbei ist, wiederholt er den Satz: „Namen haben Macht“. „Vielleicht spiele ich doch eine Rolle“, sagt der 50-Jährige nachdenklich. Ablauf, Tricks und Text des Programms seien einstudiert, seine Kunststücke folgen einer Dramaturgie.

Dass er aber einen anderen Menschen spiele, wenn er vor Publikum zaubere, bestreitet er. Die Zauberei ist Teil seiner Identität. Sven Keidel alias Catello führt nicht zwei Leben, sondern ein Leben mit zwei Namen.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren