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Kösching

27.05.2019

Dicke Luft im Ingolstädter Norden: Ist die Raffinerie schuld?

Die Gunvor-Raffinerie bei Ingolstadt.
Bild: Thomas Balbierer

Bewohner aus dem Umkreis der Köschinger Raffinerie klagen über Gestank. Jetzt hat sich die Aktionsgruppe „Uns stinkt’s“ mit dem Betreiber Gunvor getroffen.

Da ist zum Beispiel der Mann aus dem Ingolstädter Nord-Osten, der am 24. April gegen 3 Uhr nachts wegen eines „beißenden Geruchs“ aufwacht. Der „Gestank“, so empfindet er es, rieche nach Öl. Oder der Bewohner aus Lenting, der am vergangenen Freitag gegen 8.15 Uhr einen „schwachen“ Gasgeruch wahrnimmt. An anderen Tagen wiederum wittern Bürger aus Unterhaunstadt eine „süßliche“ Note in der Luft. Die Liste ließe sich noch weiterführen. Die Daten stammen aus einer Excel-Tabelle, in der die Aktionsgruppe „Uns stinkt’s“ Gerüche dokumentiert. Mehr als 150 Einträge verzeichnet die „Geruchstabelle“ derzeit. Als Urheber des „Gestanks“ hat die Gruppe das Lentinger Öltanklager und die Köschinger Raffinerie im Visier. Erdöl wird dort zu Benzin, Diesel und Flüssiggasen verarbeitet. „Es gibt immer wieder starke Geruchsbelästigungen, die den Leuten sehr nahe gehen“, sagt Joachim Siebler. „Wir wollen wissen, wo die Ursachen liegen.“ Der Grünenpolitiker aus Etting ist Sprecher von „Uns stinkt’s“.

Am Freitag besuchten Mitglieder der Aktionsgruppe „Uns stinkt´s“ eine öffentliche Veranstaltung der Gunvor-Raffinerie in Kösching. In einem nichtöffentlichen Gespräch wurden Fragen der Anwohner beantwortet. Für Sprecher Joachim Siebler (rechts) war das Treffen ein positives Signal.
Bild: Thomas Balbierer

Am Freitag nutzten die Mitglieder eine öffentliche Veranstaltung, um ihrer Verunsicherung Ausdruck zu verleihen. Vor den Toren der Gunvor-Raffinerie klagte eine Frau, die nach eigenen Angaben in der Nachbarschaft aufgewachsen ist: „Wir müssen seit über 50 Jahren mit dem Gestank leben!“ Der Linken-Politiker Manfred Lindner aus Kösching erklärte die Verunsicherung damit, dass sich viele vor krankheitserregenden Stoffen in der Luft fürchten würden. Gunvor-Prokurist Uwe Bernhard widerspricht dieser Vermutung deutlich. Er verweist auf Luftmessungen des Landesamtes für Umwelt (LfU) von 2009 und 2011. Das LfU hat in beiden Jahren „keine die Gesundheit gefährdenden Schadstoffkonzentrationen“ entdeckt, heißt es in den Messberichten. Derzeit läuft eine weitere Luftmessung der Behörde. Die Mitglieder der Aktionsgruppe sind trotzdem verunsichert, manche mutmaßen sogar über erhöhte Erkrankungsraten. Gunvor-Sprecher Bernhard hingegen wünscht sich eine „Versachlichung“ der aus seiner Sicht emotionalen Debatte. Dass „Uns stinkt’s“ die „Lange Nacht der Unternehmen und Wissenschaft“ wiederholt für ihre Zwecke genutzt hat, kam bei Gunvor nicht gut an.

Am Freitag gab es ein kurzfristig anberaumtes Gespräch mit Gunvor

Ein erster Schritt zur Verständigung war dann ein kurzfristig anberaumtes nichtöffentliches Gespräch am Freitagabend. Grünenpolitiker Siebler bewertet das Treffen als positives Signal. Er lobt die „Bereitschaft zum Dialog“ bei Gunvor. Nach einem ähnlichen Auftritt vor einem Jahr habe man schon einmal über das Thema gesprochen. Danach habe es jedoch keinen Kontakt mehr gegeben, so Siebler. Das bestätigt auch Gunvor-Prokurist Uwe Bernhard. Er sagt, die Aktionsgruppe habe Angebote des Unternehmens „nicht genutzt“. Man sei zwar weiterhin offen für Gespräche, sehe aber keinen Grund, noch stärker auf die Gruppe zuzugehen. „Wir sind sehr transparent und tun eine ganze Menge mehr als andere Unternehmen“, sagt Bernhard.

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Bei der Langen Nacht der Unternehmen und Wissenschaft kamen rund 2000 Besucher zu Gunvor

Das sehe man zum Beispiel an den rund 2000 Besuchern vom Freitag. Außerdem führe man regelmäßig Besuchergruppen durch die Raffinerie. Zur Frage, weshalb es überhaupt immer wieder zu starken Gerüchen käme, sagt er: „Ja, man riecht etwas. Aber nicht alles, was man riecht, kommt von der Raffinerie.“ Es gebe auch andere mögliche Verursacher, zum Beispiel das Tanklager oder die nahe gelegene Autobahn.

Aber: „Wenn wir der Grund sind, wollen wir das wissen“, so Bernhard, der bei Gunvor für Sicherheit, Umwelt und Gesundheitsschutz zuständig ist. Deshalb gebe es zum Beispiel ein Bürgertelefon, das rund um die Uhr erreichbar sei. Meldet ein Nachbar einen merkwürdigen Geruch, findet eine interne Prüfung statt. Stelle man in der Raffinerie keinen Austritt fest, benachrichtige man das angrenzende Tanklager, erklärt der Gunvor-Sprecher. Zu Gerüchen komme es vor allem bei Instandsetzungen, also wenn die geschlossene Anlage beispielsweise zur Reinigung geöffnet werden müsse, so Bernhard. Auch die Kläranlage der Raffinerie sei Quelle für Ausdünstungen. Hier arbeite man bereits an einer Lösung. Eine andere Geruchsquelle habe man schon beseitigt: Bei der Be- und Entladung von Laugewagen komme inzwischen eine Gaswäscheanlage zum Einsatz. Außerdem gebe es eine interne Gruppe, die weiteren Geruchsquellen auf die Spur kommen soll. „Das empfindlichste Messinstrument ist die Nase“, sagt der Gunvor-Prokurist. Er verweist zudem auf das zertifizierte Umweltmanagement seiner Raffinerie.

Die Mitglieder fordern, dass die Belästigungen weiter zurückgehen müssen

Auch „Uns stinkt’s“-Sprecher Siebler erkennt die Maßnahmen der Raffinerie an. Die Fortschritte wertet er auch als Erfolg seiner Gruppe. Deren Mitglieder fordern dennoch, dass die Belästigungen weiter zurückgehen müssten. „Weil es immer noch stinkt“, sagt Siebler. Im Herbst, wenn die aktuellen Luftmessungen des LfU abgeschlossen sind, wollen sich „Uns stinkt’s“ und Gunvor wieder treffen. Bis es soweit ist, werden die Anwohner weiter fleißig ihre „Geruchstabelle“ füllen.

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