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Interview

24.03.2019

„Die Angst wird zum Normalzustand“

Satiriker Florian Schroeder hat immer einen kritischen Blick auf das aktuelle Weltgeschehen.
Bild: Frank Eidel

Satiriker Florian Schroeder gastiert in Ingolstadt. Im Interview spricht er über Toleranz, Rassismus und erklärt, warum er Helene Fischer für mutig hält.

Als Autor, Satiriker und Moderator machen Sie „irgendwas mit Medien“ – ein Ausdruck, den Sie geprägt haben. Wollten Sie das oder wussten Sie auch einfach nichts mit sich anzufangen?

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Florian Schroeder: (lacht) Das wollte ich bewusst. Ich habe früh festgestellt, dass ich ein gewisses Unterhaltungstalent habe. Ursprünglich wollte ich zum Radio oder Fernsehen, dann bin ich zunächst auf der Bühne gelandet. Mit unterhaltsamen Mitteln Menschen zum Nachdenken bringen – das war schon immer mein Ziel.

Zu Beginn Ihrer Karriere traten Sie vor allem als Stimmen-Imitator auf. Wie haben Sie das Talent erkannt?

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Schroeder: Aus der Not heraus. Ich war schlecht in Sport, pummelig und hatte Pickel. Nicht einmal eine Rolle vorwärts konnte ich. Also habe ich daraus eine Show gemacht und meinen Sportlehrer parodiert. Die Leute haben gelacht, ich habe also meine Schwäche in eine Stärke verwandelt. Auf Klassenfahrten habe ich später Politiker parodiert oder ganze Lehrerkonferenzen nachgestellt.

Gibt es jemanden, den Sie am liebsten nachahmen?

Schroeder: Das ist schwer zu sagen. Am ehesten Figuren, die nicht so häufig parodiert werden – Christian Lindner beispielsweise. Der wirkt eigentlich zu perfekt, zu glatt, um parodabel zu sein.

Sie schreiben Ihre Programme täglich um. Warum?

Schroeder: Das passiert tatsächlich alle paar Tage, um auf Ballhöhe zu bleiben. Ich bin der Meinung, man sollte am besten das kommentieren, was die Leute an dem Tag beschäftigt hat. Ich tue das aber auch, um das Ganze für mich lebendig zu halten. Die Zuschauer sollen nicht denken, dass ich nur auf die Bühne komme und ein Programm abspule. Für mich ist das auch ein sportlicher Ehrgeiz, immer wieder neue Gags auszuprobieren.

In Ihrem aktuellen Programm „Ausnahmezustand“ widmen Sie sich unter anderem dem politischen Geschehen. Befindet sich die Welt derzeit schon in einem Ausnahmezustand?

Schroeder: Natürlich gibt es immer mehr Situationen, in denen von einem Ausnahmezustand die Rede ist. In meinem Programm kritisiere ich die inflationäre Verwendung des Begriffs. US-Präsident Trump ruft zum Beispiel an der Grenze zu Mexiko den Notstand aus, was nichts anderes ist als ein Ausnahmezustand. Und das nur, um den Kongress zu erpressen. Ich halte das für hochproblematisch.

Inwiefern?

Schroeder: Dadurch entsteht eine permanente Hysterisierung. Die Angst wird zum Normalzustand. Genau damit kann man Leute gefügig machen, genau damit wird die Angst geschürt, die die Menschen beherrschbar macht. Dabei werden die meisten Situationen, in denen von einem Ausnahmezustand gesprochen wird, in ihrer Drastik überschätzt.

Sie halten auf der Bühne dem Publikum den Spiegel vor, scheuen auch nicht vor Selbstironie zurück. Ihre Auftritte vermitteln dabei meist eine klare Botschaft: für Toleranz, gegen Rassismus...

Schroeder: Wir erleben eine Normalisierung des Radikalen – das ist eines der drängendsten Probleme derzeit. Der ganze Diskurs verschiebt sich nach rechts. Die vergangenen Jahrzehnte waren wesentlich mehr von Toleranz geprägt. Dinge werden sagbar, die lange Zeit nicht sagbar waren. Im Manifest des Attentäters von Christchurch ist vom Großen Austausch die Rede, der Verschwörungstheorie, die besagt, dass die „weiße Rasse“ von Muslimen ausgetauscht wird. In der AfD gehören diese Begriffe zum guten Ton. Es gab immer Wellenbewegungen. Auf sehr tolerante Zeiten folgten konservative. Aber wir haben ein gefährliches Niveau erreicht. Deshalb sollten wir aufmerksam sein. Ich warne lieber frühzeitig.

In den sozialen Netzwerken gibt es dafür viel Lob, aber auch die Vorwürfe der „Linksgrünversifftheit“. Wie antworten Sie darauf?

Schroeder: In der Regel gar nicht. Es hat keinen Sinn, diese Menschen belehren zu wollen. Wenn Leute substanzielle Kritik an meiner Arbeit äußern, diese pointiert und mit Gegenthesen darstellen, bin ich zu jeder Diskussion bereit. Aber Kommentare wie „linksgrünversifft“ – die sind so pauschal, was will ich darauf antworten? Die muss man hinnehmen und seine Energie lieber auf neue Texte verwenden.

Sind Sie überhaupt viel in sozialen Netzwerken unterwegs?

Schroeder: Klar! Ich twittere leidenschaftlich gerne, bin auch bei Facebook und Instagram. Trotz der dunklen Seiten dieser Plattformen bin ich nach wie vor ein Freund von ihnen. Es sind Medien, um im Austausch zu bleiben, das ist wie Training.

Sie gelten als Meinungsbildner der jungen Leute. Haben Personen der Öffentlichkeit die Pflicht, sich politisch klar zu positionieren?

Schroeder: Das kommt sehr darauf an, was man macht. Ein bildender Künstler braucht nicht zwangsläufig ein politisches Bekenntnis. Natürlich begrüße ich es, wenn Fußballer oder Sänger sich öffentlich positionieren. Als Helene Fischer sich gegen Rechts bekannt hat, fand ich das sehr mutig – gerade im Bereich des Schlagers, wo die Zahl derer, die mit Rechtsaußen sympathisieren, mutmaßlich noch größer ist. In meinem Genre, der Satire, erwarte ich jedoch eine klare Positionierung, überhaupt nicht im parteipolitischen Sinn, im Gegenteil, man kann sich auch positionieren in der Unsicherheit einem Thema gegenüber – aber man sollte eine Haltung haben, die klar ist.

Apropos junge Leute: Diese machen derzeit mit den Demos „Fridays for Future“ von sich reden. Auch dazu haben Sie eine klare Meinung...

Schroeder: Ja, ich finde es großartig, dass eine Generation von 16- und 17-Jährigen politisch so engagiert ist. Dabei ist Klima ja kein konkretes Thema, weil das, was sie befürchten und verhindern wollen, erst in einigen Jahren bis Jahrzehnten spürbar sein wird. Ich erinnere mich, dass wir als Studenten damals auf die Straße gegangen sind, um gegen Studiengebühren zu demonstrieren, davon waren wir unmittelbarer betroffen. Aber die Schüler haben eine Bedrohung festgestellt und sie verleihen ihrer Sorge darüber Ausdruck. Deshalb kann ich keinen verstehen, der sagt, dass die Schüler das in ihrer Freizeit machen sollen. Wieso freitags in der Schule sitzen und etwas über die Widerstände im Dritten Reich lernen, wenn es an der Zeit ist, selbst Widerstand zu leisten? Man sollte die Schüler massiv unterstützen. Die Aktion verdient größten Respekt!

Mit seinem Programm „Ausnahmezustand“ tritt Florian Schroeder am Samstag, 30. März, um 20 Uhr in der Eventhalle am Westpark in Ingolstadt auf. Tickets gibt es auf www.eventim.de.

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