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Themenwoche Donau (1)

18.08.2020

Die Auwälder entlang der Donau sind ein Schatz vor unserer Haustüre

Die Auenwälder zwischen Ingolstadt und Neuburg sind eines der größten zusammenhängenden Urwaldgebiete in Deutschland und beherbergen viele einzigartige Lebewesen.
Bild: W. Willer

Plus Die Auenwälder entlang der Donau sind ein besonders artenreicher Lebensraum und beherbergen bedrohte Tiere und Pflanzen. Die Natur leidet unter dem Einfluss des Menschen – aber es gibt Hoffnung.

Immer wieder wandert der Blick von Christine Margraf nach oben. Dort bilden die Blätter und Äste der Eichen, Weiden und Eschen ein Dach über dem matschigen Pfad, der sich gleich bei der Mooser Schütt in der Nähe von Straß-Moos durch die Auenlandschaft schlängelt. „Hier wachsen sehr besondere Baumgesellschaften“, sagt Margraf und zeigt auf das graue Laub einer Silberweide, die hier in den feuchten Auen optimale Bedingungen vorfindet.

Es gibt wohl kaum jemanden, der diese Landschaften so gut kennt wie die Biologin. Für ihre Doktorarbeit über die Entwicklung der Vegetation in den Auwäldern südlich der Donau durchstreifte die gebürtige Ingolstädterin tagelang die Auen und beobachtete den Lebensraum – in Anorak und dicker Hose, auch im Sommer. Denn nicht nur seltene Tier- und Pflanzenarten fühlen sich wohl. Auch den Stechmücken gefällt‘s. An diesem Tag Anfang August tänzeln sie in dicken Schwärmen durch die feuchte Luft.

Es ist, als betrete man eine andere Welt, eine Art Dschungel direkt vor unserer Haustüre. Entlang der Donau zwischen Neuburg und Ingolstadt befindet sich eine der artenreichsten und damit wertvollsten Landschaften in ganz Bayern. Und auch deutschlandweit schaut man auf die noch bestehenden Flussauen entlang der großen Ströme Donau, Rhein, Elbe und Oder. Diese Gebiete sind noch echte Urwälder.

Davon ist die Rede, wenn Waldgebiete gar nicht oder kaum vom Menschen beeinflusst sind und sich selbst überlassen werden: Keine Abholzung, keine Pflanzungen, Totholz verbleibt im Wald. In diesen Gebieten, die in Deutschland mittlerweile sehr rar sind, kommen ursprüngliche Artenzusammensetzungen und Pflanzengesellschaften vor.

Hier an der Donau lohnt sich ein Blick nach oben besonders wegen der majestätischen Eichen, die ihre Äste schützend über dem Lebensraum Aue ausbreiten. Aber auch ein Blick nach unten ist angebracht. Sonst steht man schnell in der Kinderstube einer ganz besonderen Bewohnerin der Auenwälder.

Die Gelbbauchunke gehört zu den sogenannten Pionierarten. Sie laichen in flachen Tümpeln und Pfützen – Gewässer in denen nicht ganzjährig das Wasser steht. So sind der Laich und die heranwachsenden Kaulquappen vor Fressfeinden wie Fischen geschützt.

Die Gelbbauchunke gehört zu den bedrohten Arten und steht auf der „Roten Liste“. Hier in den Auwäldern findet man sie noch. Gleich in der ersten größeren Pfütze verschwindet ein stattliches Exemplar im schlammigen Wasser, um nach einigen Momenten wieder ein Stückchen aufzutauchen. Merkmal sind die schräg stehenden Pupillen, die die Unke von der gemeinen Kröte unterscheidet – und natürlich der gelbe Bauch. Den zeigt Christine Margraf bei der nächsten Pfütze.

Ein jüngeres Tier diesmal, das die Biologien schnell wieder an die Pfütze setzt, um es nicht zu sehr zu erschrecken. Den Wert dieser Landschaft erklärt die Biologin anhand der vorkommenden Arten: „Hier sind mehr als 3000 Tierarten nachgewiesen. Etwa 30 Prozent aller in Bayern vorkommenden holzbewohnenden Käferarten, darunter äußerst seltene Arten wie der Eremit und der Hirschkäfer, kommen in den hiesigen Auen vor.“

Die Mooser Schütt ist ein Hotspot der Biodiversität

Gebiete in denen auf relativ engem Raum besonders viele Arten festgestellt werden, nennt man auch Hotspots der Biodiversität. Obwohl das Auenwaldreservat Mooser Schütt nur 40 Hektar umfasst, leben hier zehn Prozent aller in Bayern bekannten holzbewohnenden Käferarten. Und sogar Arten, die in Deutschland bereits als ausgestorben gelten, wie zum Beispiel der Breitrüssler konnte in der Weichholzaue Mooser Schütt auf einer Silberweide erstmals wieder nachgewiesen werden.

Auch für Vögel sind die Auen ein Paradies. Spechte, Uhus und der seltene Priol leben in den kräftigen alten Bäumen. „Wir hoffen sehr, dass auch bald der erste Seeadler in den Auen brüten wird“, sagt Christine Margraf. Gesehen wurde das stattliche Tier bereits in den vergangenen Jahren. Der Greifvogel braucht besonders starke Äste, um einen Horst für seine Jungen zu errichten. „Wir rechnen damit, dass er sich in den nächsten Jahren hier ansiedelt.“

Überschwemmungen sind in den Auen überlebenswichtig

Was macht die Donauauen zu einem so artenreichen Ort? „Die Dynamik“, sagt die Biologin und meint die wechselnden Pegelstände des Wassers. Die Auen werden regelmäßig überflutet. Woanders eine Katastrophe, für die Pflanzen und Tiere hier überlebensnotwendig. „Wir haben einen echten Schatz vor der Haustür. Aber für viele, die hier rund um Neuburg und Ingolstadt leben, ist es ganz selbstverständlich. So war es für mich früher auch.“

Heute denkt sie anders. Besonders schützenswert sei dieser Schatz. Viel ist durch Staustufen und Begradigungen der Donau schon kaputt gemacht worden. „Früher war das alles noch wilder. Besonders weil der Lech, der bei Marxheim in die Donau mündet, ihr hier einen ganz besonderen Charakter verlieh.“ Das tut der Lech auch heute noch, wenn er Kies in die Donau spült. Aber auch der Lech ist gebeutelt durch zahlreiche Staustufen, Kraftwerke und Uferbebauung. Die Wildheit von früher ist weitestgehend verschwunden.

Auenwälder sind vom Aussterben bedroht

Und auch um die Auenwälder macht sich Christine Margraf Sorgen. „Über kurz oder lang sind diese Bereiche zum Sterben verurteilt, wenn wir uns nicht um Renaturierungen bemühen.“ Speziell die geschlossenen Hartholz-Auwälder sind in Deutschland vom Aussterben bedroht bis stark gefährdet. Sie ist deshalb klar für einen Auen-Nationalpark. Nach wie vor werden Teile des Auenwaldes forstwirtschaftlich genutzt. Ein erheblicher Störfaktor für die Biotope.

Als Vorbild nennt sie den Auen-Nationalpark Donauauen bei Wien. Hier hat sich die Natur weite Teile des Flusses und der Uferlandschaften zurückerobert. „Dieses Beispiel zeigt, wie wirksam und für die Natur wertvoll Renaturierungsmaßnahmen und der Verzicht auf die forstliche Nutzung sein können“, so die Biologin. „Das macht mir Hoffnung.“

Themenwoche Donau: Die Donau ist mit 2857 Kilometern der zweitlängste Fluss in Europa, verbindet zehn Länder miteinander, bevor sie bei Wylkowe in der Ukraine ins Schwarze Meer mündet. Sie ist Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen aber auch Energielieferant und Lebensader für die Menschen, die entlang ihrer Ufer leben. Unsere Region ist stark geprägt von dem Fluss, der Segen und Fluch sein kann. Wir widmen der Donau eine Themenwoche, um den Geheimnissen des Flusses auf den Grund zu gehen. Morgen lesen Sie in der zweiten Folge unserer Serie, wie uns die Donau mit Energie versorgt.

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