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30.06.2009

Die Bildung zu Grabe getragen

Eichstätt Der schwarze Trauerzug setzt sich langsam in Bewegung. Etwa 50 Studenten sind gekommen, um Abschied zu nehmen. Abschied von der Bildung. Sie gehen mit gesenkten Köpfen die Ostenstraße entlang, viele tragen brennende Kerzen. Einige schluchzen laut. Irritiert blickt die Verkäuferin in der Bäckerei der Gruppe nach, die dem Sarg aus schwarzer Pappe folgt.

Die vier Sargträger biegen langsam auf den Leonrodplatz ein und legen den Sarg nieder. Hier soll die Verstorbene zu Grabe getragen und mit einer feierlichen Rede gewürdigt werden. "Liebe Trauergemeine, es war Mord!", ruft der Grabredner.

Diese Aktion, bei der die Studierenden die Bildung symbolisch zu Grabe tragen, bildet den Abschluss der Protestwoche in Eichstätt. Drei Tage lang stand die Eichstätter Universität wie so viele andere in ganz Deutschland unter dem Thema "Bildungsstreik". Drei Tage lang versuchten die Studierenden auf ihre Probleme und ihre Kritik am Bildungssystem aufmerksam zu machen.

Studenten wollen Dialog mit Professoren und Politikern

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"Wir wollten die Studierenden dazu bringen, ihre eigene Situation an der Uni zu reflektieren", sagt Jan Heiermann, Mitglied im Arbeitskreis "Freie Bildung". Diese etwa 20-köpfige Studentengruppe hatte die Aktionen des Bildungsstreiks in vierwöchiger Arbeit geplant und organisiert. Dabei lag den Eichstätter Studierenden vor allem der Dialog mit Professorenschaft und Politikern am Herzen.

Bei einer Podiumsdiskussion am Mittwochabend diskutierten die Eichstätter Dozenten Manfred Brocker, Rainer Greca und Stefan Schieren mit den beiden Studenten Jasper Grimbo und Jakob Ackermann über die Vorzüge und Nachteile des Bologna-Prozesses.

Ein wichtiger Kritikpunkt am Bachelor-Studium ist laut Ackermann das sogenannte Bulimie-Lernen: "Schnell in den Kopf und schnell wieder raus." Die Dozenten widersprachen der Meinung der Studenten während der Diskussion kaum. Im Gegenteil, auch sie wiesen auf die Problematik der neuen Studienordnung hin. "Die Verwertung des Humankapitals steht dabei im Vordergrund", erklärte Greca.

Neben Demonstrationen gab es auch soziale Aktionen

Neben dem Dialog und öffentlichen Aktionen wie einem Flashmob oder einer großen Demonstration durch die Stadt, womit man vor allem die Aufmerksamkeit und das Verständnis der Bevölkerung gewinnen wollte, standen in Eichstätt aber auch soziale Aktionen im Vordergrund. Darin unterschied Eichstätt sich von einem großen Teil der anderen deutschen Hochschulstädte, die sich ebenfalls am Bildungsstreik beteiligt hatten.

Während dort hauptsächlich gegen die Bildungspolitik protestiert wurde, nahmen sich die Eichstätter Studierenden auch der speziellen Probleme vor Ort an. So gab es beispielsweise einen Rollstuhlparcours durch die Eichstätter Universität. Dabei konnten Studenten einen Rollstuhl leihen und damit buchstäblich "erfahren", mit welchen Problemen Behinderte auf dem Eichstätter Campus zu kämpfen haben.

Mit insgesamt zehn Aktionen an drei Tagen beteiligten sich die Eichstätter Studierenden aktiv an der bundesweiten Bildungsstreikwoche und lenkten mit ihren Aktionen die Aufmerksamkeit auf die Schwachpunkte im Bildungssystem und an ihrer Uni. Obwohl sich an der Demonstration rund 300 Eichstätter Studierende beteiligten, bleibt allerdings abzuwarten, was von ihren Forderungen am Ende tatsächlich umgesetzt werden wird. Der schwarze Papp-Sarg, der noch vor der Sommerresidenz niedergelegt und mit roten Grablichtern geschmückt wurde, war am Freitagnachmittag jedenfalls verschwunden.

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