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Premiere

24.02.2015

Die Frag-doch-mal-den-Wal-Show

Viktor Jansen (Sebastian Günter) wird gefeuert. Sein Chef (Franz Maertl) will keinem Familienvater kündigen und entlässt deshalb ihn.
Bild: Raphael Beck

Jugendtheater macht mit „Was machen Wale falsch?“ alles richtig

Zur Premiere von „Was machen Wale falsch?“ war der Zuschauerraum der Bühne des Neuburger Volkstheaters komplett voll. Zu sehen bekam das Publikum eine Aufführung, bei der Tragik und Komik Hand in Hand gingen.

Der Titel macht zunächst stutzig. Dreht sich das Stück um Meeressäuger und ihren verwerflichen Lebensstil? Nein. Der Aphorismus „Wenn Schwimmen schlank macht, was machen Wale dann falsch?“ hat mit der Geschichte nur am Rande zu tun. Es geht um falsche Entscheidungen, Schlankheitswahn und ungewöhnliche Gedankengänge.

Ort des Geschehens ist ein Vier-Bett-Zimmer im Krankenhaus. Im Mittelpunkt der Handlung stehen vier Menschen mit vier Geschichten. Keine davon ist allzu glücklich verlaufen. Elmar von Ahrenfeld, Gilbert Grass, Viktor Jansen und Ivana Popescu werden in einem überfüllten Krankenhaus in dasselbe Zimmer verlegt. In Rückblenden erzählen sie, wie sie dorthin gekommen sind.

Da ist Ivana Popescu, einfühlsam verkörpert von Lisa Zell. Die junge Frau wird von ihrer dominanten Mutter Elvira (temperamentvoll und mit Ost-Akzent: Martina Golla) von Model-Casting zu Model-Casting gescheucht. Der gütige Vater Alexej (Nicolas Runkel) müht sich um ein bisschen Normalität für seine Tochter. Ivana hungert sich die Kilos vom Körper und muss wegen Untergewichts ins Krankenhaus. Elvira: „Schon wieder? Das ist dritte Mal dieses Jahr!“ Jede Nacht weint sich Ivana vor Hunger und Einsamkeit in den Schlaf.

Witze zünden spät, aber sie zünden

Die Titel-Frage ist im Stück natürlich nicht wissenschaftlich gemeint. Vielmehr ist sie ein Beispiel für Gilbert Grass’ (Gabriel Beck) Art, dort Zusammenhänge zu sehen, wo sie keiner vermuten würde. Der Gitarrist der aufstrebenden Punkband „Monster Ruin“ ist eigener Ansicht nach in der Klinik gelandet, weil er „genial“ ist. Und nicht etwa, weil er zur Erweiterung seiner Genialität und seines Bewusstseins gerne zu synthetischen Drogen greift. Seine „Schon mal drüber nachgedacht...“-Fragen sorgen beim Publikum – manchmal erst nach einigen Sekunden Bedenkzeit – für Erheiterung. In seiner Band nehmen die Konflikte überhand. Sängerin Alice (aufbrausend und intrigant: Judith Titze) droht, hinzuschmeißen, wenn Gilbert sich nicht bessert. Schlagzeuger Finn und Bassistin Emmi (Kilian Vief und Sophie Hammerl als Punk-Pärchen) kommen besser mit ihm aus, auch weil er sie mit Stoff versorgt. Mit seiner Zimmergenossin Ivana verbindet Gilbert vielleicht etwas mehr als nur die Abneigung gegenüber Fleisch.

Charakterlich ein kompletter Gegenentwurf zu ihm ist Elmar von Ahrenfeld. Marco Patrzek gibt den wortwörtlich „eingebildeten“ Kranken herrlich herablassend. Hämisch diagnostiziert er Ivana: „Warum Sie hier sind, meine dünne Liebe, das sieht man ja.“ Bei jeder seiner zynischen Bemerkungen bleibt dem Publikum fast – aber nur fast – das Lachen im Hals stecken. Die Auflösung, warum das „Arschloch“ überhaupt ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, wird am Ende noch für Zündstoff sorgen. Eher indirekt daran beteiligt waren Elmars minirocktragende Sekretärin Cindy (kokett: Julia Gernhardt) und seine eifersüchtige Gattin Britta (schön hysterisch: Isabella Tartamella).

Unverhofft direkt verwickelt ist allerdings Sebastian Günter als beruflich gescheiterter Viktor Jansen. Mal wirkt er melancholisch, mal explodiert er förmlich. Wie er von seiner verunglückten Frau und Tochter erzählt, geht zu Herzen. Auf der anderen Seite macht er mit zahlreichen Kraftausdrücken seinem Ärger Luft, als sein gefühlskalter Chef (Franz Maertl) ihn an selbige setzen will. Blind vor Wut rennt er über die Straße und wird angefahren. Wie sich später herausstellt, von Elmar. Statt einer Entschuldigung bekommt Jansen zu hören, er hätte mal besser nach links und rechts geschaut.

Schwester Hannah Tellmann (Melanie Bausch) hat mit ihren vier Chaoten alle Hände voll zu tun. Sie kümmert sich Tag und Nacht, trotz eines merkwürdigen trockenen Hustens, der sie immer wieder befällt. Dr. Thiel (überzeugend um Fassung ringend: Christoph Keßler) muss ihr die Hiobsbotschaft selbst überbringen.

Am Ende erkennen die Protagonisten, dass sie selbst die einzigen sind, die ihre Probleme in den Griff kriegen können. Zu diesem Zweck schließen sie sich zu Bündnissen zusammen. So etwas passiert, „wenn sich vier Fremde gar nicht mehr so fremd sind“.

Alles in allem lieferte das Jugendtheater unter der Regie von Kerstin Egerer und Lucie Schafferhans eine sehr starke Ensembleleistung ab. Auch die Akteure in den vielen kleinen Rollen konnten überzeugen. Dafür gab es vom lachfreudigen Publikum begeisterten und langanhaltenden Beifall.

Für den Zusatztermin am 1. März gibt es noch Restkarten, erhältlich bei Photo Porst für je sechs Euro. Beginn der Aufführung ist um 20 Uhr.

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