Neuburg

27.08.2018

Die gerettete Oper

Vorne der Mikrofon-Wald der Musiker, hinten die Sänger, die allesamt ideal besetzt waren. Die als halbszenische Aufführung angekündigte Oper "Elena" musste mit wenigen Requisiten auskommen.
Bild: Klaus Hopp-Wiel

Franz Hauk holt Simon Mayers „Elena“ aus der Versenkung. Wie der Chorleiter es schafft, die verwirrende Handlung zeitgemäß und ansprechend zu präsentieren.

Nicht weniger als 61 Bühnenwerke hat Johann Simon Mayr (1763 bis 1845) geschrieben. Damit liegt er deutlich vor Rossini, der es immerhin auf 39 Opern brachte und weit vor Verdi, der 26 Opern vorweisen kann. Der gebürtige Bayer – er kam in Mendorf bei Altmannstein zur Welt – hinterließ ein riesiges Gesamtwerk. seine Wahlheimat war Italien und komponiert und gedacht hat er in den Strukturen des italienischen Opernstils.

Aus dem überreichen Notenfundus haben nun die Verantwortlichen rund um den Simon-Mayr-Chor die Oper „Elena“ ausgewählt und in jahrelanger Kleinarbeit die Handschriften in modernen Notentext übersetzt – eine Leistung, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Ausschlaggebend für ein solches Projekt war wohl in erster Linie die musikalische Qualität des Werks, weniger das zugrundeliegende Libretto. Denn offen gesagt stiftet die Handlung reichlich Verwirrung, ist unübersichtlich und könnte fast als albern bezeichnet werden.

Bei Elena handelt es sich um eine Rettungsoper

Wie rückt man einem solchen Stoff zu Leibe und präsentiert ihn so, dass er uns moderne, verwöhnte und erfahrene Konzert- und Theaterbesucher interessieren und gefallen könnte? Franz Hauk, der die Aufführung leitete, hatte die genial einfache Idee, anstelle nicht enden wollender Secco-Rezitative einen Erzähler (Markus Schäfer) zu setzen, der nach den Musiknummern das Geschehen in prägnanten Worten beschrieb und geschickt durch das Verwirrspiel führte. Wer wollte, konnte aber auch in dem sehr ansprechend gestalteten Programmheft den italienischen oder deutschen Text mitlesen. Den Stoff für dieses „Dramma semiserio per musica“ geben auf der einen Seite edle, aber auch weniger feine Herrschergestalten ab, zu ihnen steht kontrastierend einfaches Bauernvolk. Es handelt sich, kurz gesagt, um eine sogenannte Rettungsoper, in welcher eine Hauptfigur (Herzog Constantino) unschuldig eines Verbrechens beschuldigt wird und dabei er selbst sowie seine Angehörigen in schlimme Situationen geraten. Am Ende aber wendet sich alles zum Guten, unerwartet und überraschend.

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Halbszenisch war die Aufführung angekündigt, aber dieses Prädikat kann man allenfalls gelten lassen, wenn man gehörig viel Fantasie des Zuschauers unterstellt. Immerhin: Durch ein paar Requisiten war der Kongregationssaal in eine Opernbühne verwandelt, wo auch der Wald von Mikrofonen kaum störte. Auf dieser imaginären Bühne gab es viel zu bestaunen: Wahrhaft große Stimmen, die einmal in halsbrecherischen Koloraturen glänzten, das andere Mal in lyrischem Wohlklang badeten. Alle Figuren waren ideal besetzt. Anna-Doris Capitelli, welche die Titelrolle sang, verfügt über eine biegsame, strahlende, ausdrucksstarke Stimme, die sie bravourös und mit voller Leidenschaft einsetzte. Ausnahmslos gilt Entsprechendes für ihre Mitstreiterinnen, die Soprane Julia Wagner, Anna Feith und Mira Graczyk. Technische Perfektion und stimmliche Schönheit ist ihnen allen eigen. Ähnliches kann man von den Männerrollen behaupten, bei denen allen voran Markus Schäfer mit seinem wendigen Tenor überzeugte. Aufhorchen ließ der Tenor Fang Zhi, ebenso die Bässe Niklas Mallmann und Andreas Mattersberger. Bravourös gestalte Daniel Ochoa seinen Part, wenngleich er in den ganz tiefen Passagen nicht seine volle Stärke ausspielen konnte.

Die Musiker im Kongregationssaal haben ein „Bravo“ verdient

So bewundernswert die Leistung sämtlicher Vokalisten sein mag, so war doch ein starkes Ungleichgewicht bei der Dynamik im Verhältnis zum Orchester unüberhörbar. Denn während die Sänger loslegten, als müssten sie die Arena von Verona stimmlich füllen, so agierten die Instrumentalisten dynamisch fein abgestuft und unerhört diszipliniert. Es war die reine Freude, diesem Klangkörper (Concerto de Bassus) zuzuhören. Wunderbare Klangfarben wurden hervorgezaubert (Holz- und Blechbläser!), die Streicher pflegten eine transparente, gleichwohl zupackende Spielweise, und das alles in höchster Präzision – Bravo! Mit seinem eher unauffälligen, aber höchst genauen Dirigat stellte sich Franz Hauk ganz in den Dienst der Musik – einer Musik, die er vor dem Vergessen bewahrt hat. Das begeisterte Publikum dankte es ihm und dem großartigen Ensemble lautstark und lang anhaltend.

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