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Neuburg an der Donau

13.09.2019

Die kranken Morde im Dritten Reich - wie Kinder zu Versuchsobjekten wurden

Eines der Fotos, das in der Ausstellung gezeigt wird: Kinder in der „Brandenburgischen Idiotenanstalt“ in Lübben, um 1933. 
Bild: BLHA Potsdam

Das Landratsamt Neuburg zeigt ab 16. September eine Ausstellung, wie Kinderärzte in der NS-Zeit systematisch behinderte und kranke Kinder getötet haben.

Die Volksgemeinschaft hat das grösste Interesse daran, dass Kinder mit schweren Missbildungen oder schweren geistigen Schädigungen alsbald einer erfolgversprechenden Behandlung oder einer Asylierung zugeführt werden. Über die Notwendigkeit einer Behandlung ist nichts weiter zu sagen, da dies selbstverständlich ist. ...

Mit diesen Worten begründet das NS-Regime während des Zweiten Weltkrieges die systematische Tötung von geistig und körperlich behinderten Menschen in Deutschland. Die Mission ist geheim, und das Wort „Behandlung“ ist nichts anderes als ein Codewort für „Tötung“. Mindestens 5000 Kinder werden in den sogenannten „Kinderfachabteilungen“ – eigens für die Tötung geschaffene Einrichtungen – ermordet und für medizinische Forschungen missbraucht. Auch behinderte Jugendliche und Erwachsene fallen der nationalsozialistischen Rassenideologie zum Opfer. Etwa 200.000 körperlich und/oder geistig beeinträchtigte Menschen müssen verhungern, werden vergiftet oder mit Kohlenmonoxid vergast – und das alles im Namen eines „gesunden Volkskörpers“.

Ab Montag zeigt das Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen bis 30. Oktober eine Ausstellung, die sich diesem dunklen Kapital der „Kindereuthanasie“ widmet: „Im Gedenken der Kinder – Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit“ heißt die Wanderausstellung, die von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin konzipiert wurde und zu der der Leiter des Gesundheitsamtes Neuburg, Dr. Johannes Donhauser, ein umfangreiches Rahmenprogramm beigesteuert hat. Donhauser beschäftigt sich bereits seit 20 Jahren mit diesem Thema. In der Ausstellung werden 30 großformatige Bild- und Texttafeln sowie eine Medienstation mit Originalsequenzen eines Propagandafilms präsentiert. Außerdem stellt das Gesundheitsamt ein Behandlungszimmer eines Amtsarztes um das Jahr 1940 nach.

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Die Kindereuthanasie nahm ihren Anfang vor 80 Jahren

Der geheime Massenmord an geistig und körperlich behinderten Kindern begann am 18. August 1939 – also vor fast genau 80 Jahren – mit einem streng vertraulichen Rundschreiben des Reichsinnenministers an alle Ärzte und Hebammen im Land. Darin wurden sie verpflichtet, das örtliche Gesundheitsamt über „schwere angeborene Leiden“ eines Neugeborenen oder Kindes zu informieren. Dazu zählten nach Ansicht der Nazis unter anderem „Idiotie und Mongolismus, Mißbildungen jeder Art oder Lähmungen“. Als Anreiz für die pflichtgemäße Mitteilung wurden zwei Reichsmark je Anzeige in Aussicht gestellt. Damit konnte man etwa zweieinhalb Kilo Brot kaufen. Offiziell wurde die Meldung damit begründet, dass den kranken Kindern auf diese Weise eine fürsorgende, fachärztliche Betreuung zuteil kommen konnte. In Wirklichkeit steckte dahinter aber nichts anderes als die Absicht, diese Kinder zu töten, da nach der Rassenideologie der Nationalsozialisten „lebensunwertes Leben vernichtet“ werden müsse.

Dr. Johannes Donhauser beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Thema der Kindereuthanasie im Dritten Reich.
Bild: Claudia Stegmann

Die Anordnung sah vor, dass der Amtsarzt des Gesundheitsamtes die Meldungen an den „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ weiterleitete. Dieses Gremium war allerdings lediglich eine Tarnorganisation, tatsächlich gingen die Information direkt an die Kanzlei des Führers (KdF), wo darüber entschieden wurde, welche Kinder in eine der insgesamt 30 „Kinderfachabteilungen“ geschickt werden sollten. Offiziell sollten dort ihre „Leiden“ kuriert werden, in Wirklichkeit wurden jedoch die allermeisten von ihnen getötet. Weil ein allzu schneller Tod der Geheimmission geschadet hätte, mussten die Kinder qualvoll und langsam sterben: Man ließ sie verhungern oder mischte ihnen giftige Salze ins Essen, die Atemlähmungen, Kreislauf- und Nierenversagen oder Lungenentzündungen auslösten. So konnte immer eine scheinbar natürliche, unmittelbare Todesursache attestiert werden.

Behinderte Kinder waren im Dritten Reich Versuchsobjekte - tot und lebendig

Ihre toten Körper dienten den Nazi-Kinderärzten schließlich als medizinische Versuchsobjekte. Vielen Kindern wurden die Gehirne für histopathologische Untersuchungen entnommen. „Das war moderne Medizin, da konnte man Karriere machen“, erklärt Johannes Donhauser die menschenverachtende Sichtweise der damaligen Ärzte. Kinder, die nicht unmittelbar getötet wurden – das waren etwa fünf Prozent – wurden ebenfalls für medizinische Zwecke etwa bei der Tuberkulose-Erforschung missbraucht und gequält. Viele von ihnen starben an den Folgen. Mindestens 5000 Kinder waren es am Ende, die die Nazis auf diese Weise getötet haben. Die Eltern erfuhren vom Tod ihres Kindes meist per Telegramm. Als Grund nannte die Anstaltsleitung in der Regel eine gefährliche, ansteckende Krankheit, womit auch die „sofortige Einäscherung“ begründet wurde.

Wer in eine „Kinderfachabteilung“ eingewiesen wurde und wer nicht, darüber entschieden drei ärztliche Gutachter. Allerdings hat sich keiner dieser Männer jemals ein Kind selbst angesehen bzw. dessen Krankenakte studiert. Das Urteil über Leben oder Tod der Kinder wurde lediglich anhand des Meldebogens getroffen. Wurde ein Kind als „Euthanasie“-Fall beurteilt, trugen die Gutachter ein „+“ ein und umgekehrt ein „-“. War aus der Sicht der Gutachter keine eindeutige Entscheidung möglich, wurde ein „B“ für „Beobachtung“ vermerkt. Bei einer „positiven“ Beurteilung musste der Amtsarzt des örtlichen Gesundheitsamtes die Einweisung in die „Kinderfachabteilung“ in die Wege leiten und die Eltern benachrichtigen. Diesen gaukelte der Arzt vor, dass dort ihre kranken Kinder eine angemessene Betreuung und Behandlung erhalten würden. Weil sich die vielen Todesfälle in den Anstalten aber irgendwann in der Bevölkerung herumgesprochen hatten, gab es Eltern, die sich gegen eine Einweisung wehrten – mit Erfolg, denn von Zwangsmaßnahmen sah das Reichsministerium zunächst ab. Erst ab September 1941 drohten sie mit dem Entzug des Sorgerechts, sollten sich Eltern beharrlich dem Willen des „Reichsausschusses“ widersetzen.

Auch ein Bub aus dem Landkreis war in einer „Kinderfachabteilung“ untergebracht

Dazu gehörten unter anderem die Eltern des kleinen Johann. Der geistig behinderte Bub aus dem Landkreis Neuburg-Schrobenhausen wurde im Mai 1942 vom Neuburger Amtsarzt Dr. Ernst Holländer zur Beobachtung in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar bei München eingewiesen. Der dortige Leiter Dr. Eidam beurteilte Johann als „nicht bildungsfähig“, hielt ihn aber trotzdem für „nicht anstaltspflegebedürftig“. Eidam ist für 332 Mordfälle in seinem „Kinderhaus“ verantwortlich, Johann lässt er aber ziehen. Einige Wochen später holen die Eltern Johann deshalb aus der Anstalt ab. Wie hartnäckig der „Reichsausschuß“ missgebildete Kinder auslöschen wollte, beweist der Schriftverkehr, den Johannes Donhauser in den Staatsarchiven gefunden hat. Demnach hat das NS-Regime mehrfach versucht, den Buben wieder in die „Kinderfachabteilung“ einweisen zu lassen, weil es „die Asylierung dieses idiotischen Kindes für notwendig“ hielt. Holländer blieb allerdings bei seiner Einschätzung und sah eine Anstaltsunterbringung für „nicht erforderlich“. So entkam Johann den Fängen der Nazis und überlebte die NS-Zeit. Er besuchte nie eine Schule, half aber seinen Eltern auf dem Hof im Rahmen seiner Möglichkeiten. Er starb im Alter von 32 Jahren bei einem Betriebsunfall.

Für ihre Verbrechen an den Kindern wurden übrigens die wenigstens Ärzte nach dem Krieg zur Rechenschaft gezogen. Nur ein kleiner Teil wurde angeklagt und ein noch kleinerer Teil wurde zu Strafen verurteilt. Ein Großteil der Kinderärzte praktizierte nach 1945 unbehelligt weiter. Einige von ihnen führten sogar noch bis in die 1960er Jahre hinein pathologisch-anatomische Untersuchungen an Gehirnpräparaten durch, die aus den Beständen der ehemaligen Kinderfachabteilungen stammten.

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