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Neuburg

12.02.2018

Die seltsame Reise der Neuburger Milchkuh

So (er)kennen Neuburger „ihre“ Milch: an der Kuh im Herz.
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So (er)kennen Neuburger „ihre“ Milch: an der Kuh im Herz.
Bild: Bastian Sünkel

Früher war sie in allen Regalen zu sehen, mittlerweile muss man nach ihr suchen. Woher kommt die Kuh mit dem Herz und wohin ist sie verschwunden?

Das Logo der Neuburger Milchwerke kennt jeder, der in der Region groß geworden ist. Eine offenkundig gut gelaunte Milchkuh mit Blume zwischen den Lippen lächelt auf einem roten Herz gebettet in den Tag hinein. Früher war das Logo überall in Neuburg zu sehen, vor allem in den Kühlregalen der kleinen Läden, bei Discountern und Supermärkten. Mittlerweile grinst die Kuh hauptsächlich von den silbernen Tanklastzügen auf Autofahrer und Passanten hinab. So wie sie es schon vor mehr als 30 Jahren gemacht hat. Wohin die Milchkuh verschwunden ist? Darauf gibt es viele, aber keine einfache Antwort. Wo sie einst herkam? Diese Frage kann Günter Renner beantworten, der ehemalige Direktor der Milchwerke.

Günter Renner, 75, muss als erstes mit einem Mythos aufräumen, der sich erst vor drei Jahren begründet und auch unsere Zeitung fälschlicherweise veröffentlicht hat: Die Neuburger Milchkuh hat nicht der berühmte Grafiker und Künstler Kurt Gloszat entworfen. Gloszat hat zweifelsfrei viele berühmte Logos entworfen, wie die bekannten Schriftzüge für Pfanni und Bahlsen. Aber das Logo der Milchkuh stammt nicht von ihm, ja noch nicht einmal aus Neuburg, erzählt der ehemalige Direktor.

In den 1970er-Jahren, nachdem er als Vertriebsleiter der Milchwerke in Neuburg angefangen hatte, reiste er oft nach Frankfurt. Ein berühmter Einzelhändler mit zahlreichen Filialen namens „Schade & Füllgrabe“, dessen wirtschaftliche Glanzzeiten der Vergangenheit angehörten, hatte einen Wunsch: Alle Produkte der Neuburger Milchwerke, die der Händler in den kleinen Innenstadtläden im Hessischen verkaufte, sollte das Logo der Kuh mit Herz zieren. Das Logo hat ein Grafiker bei „Schade & Füllgrabe“ entwickelt. Als Günter Renner 1980 zum Direktor der Molkerei ernannt wird und eine Zukunft für Schade & Füllgrabe immer unwahrscheinlicher wurde, fragte er bei seinem Kunden an, ob die Neuburger Milchwerke das Logo abkaufen und patentieren lassen können, um es für alle Produkte zu verwenden. Wenig später war die lächelnde Kuh aus Neuburg kaum mehr wegzudenken. Zuvor existierte nur ein eher unbekanntes Logo bestehend aus vier „N“ als Windrose angeordnet. Das ziert bis heute einen der Milchwerke-Türme an der Nördlichen Grünauer Straße.

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Günter Renner kann die Entstehungsgeschichte des Logos lückenlos erklären. Auch auf die Frage, warum die Milchkuh aus den Kühlregalen verschwunden ist, kennt er Antworten. Supermärkte und Discounter reiften in den Achtzigern zu Giganten heran und setzten verstärkt auf Handelsmarken. Handelsmarken haben den Vorteil, dass sie nicht unmittelbar mit dem Hersteller in Verbindung gebracht werden können und einen Werbezweck für die ganze Kette erfüllten. Die Neuburger lernten zweigleisig zu fahren. Die Kuh existierte weiter, aber man druckte nun Handelsmarken auf die Milchtüte und den Puddingdeckel.

Nicolas Reichart ist Produktmanager bei Omira. Jene Firma, die die Milchwerke übernommen hat und die im Sommer 2017 ihrerseits vom französischen Molkerei-Riesen Lactalis aufgekauft wurde. Er erklärt: „Im Fall der Neuburger Milchwerke vertreiben wir zwar auch noch an den Einzelhandel, aber die Regalplätze in den Märkten sind knapp. Die Händler fokussieren sich größtenteils auf die großen Marken, die mit entsprechendem Werbebudget den Abverkauf unterstützen.“ Daneben hätten sich die Handelsmarken etabliert, die allerdings für Landwirte und Molkereien problembehaftet sind: Sie drücken den Preis.

Wer verkauft die Neuburger Milch überhaupt noch? Oder ist die Milchkuh still und heimlich verschwunden und durch Handelsmarken ersetzt worden? Die Suche beginnt bei Omira. Die Marketingabteilung erklärt, dass die Neuburger Milchkuh noch auf der H-Milch (1,5 und 3,5%) und vier Sorten Pudding (je zwei Vanille und zwei Schoko) zu sehen ist. „Diese Artikel werden hauptsächlich an Großverbraucher und den Großhandel geliefert und deshalb bekommt der Endkunde über diese Vertriebswege oft die Neuburger Milchkuh nicht zu sehen“, erklärt Reichart.

Acht Anrufe später ist klar, dass zumindest die Neuburger H-Milch in Deutschland im freien Handel verkauft wird. In Schleswig-Holstein zum Beispiel, bei den im Süden eher unbekannten Märkten „Famila“ oder „Markant“. Daneben sind es vor allem Großhändler, die die Gastronomie, Hotellerie und Lebensmittelproduzenten wie Bäckereien beliefern. Die Neuburger Milch wird „im Hintergrund“ vermarktet. Einer der Vermarkter ist Lebrecht Goeritz aus dem niederbayerischen Abensberg. Der Großhändler von Molkereiprodukten erklärt, dass er in Neuburg 40 bis 50 Kunden beliefert und auch einen Teil von ihnen mit Neuburger Milch versorgt.

Wer genau hinsieht, findet die Neuburger Milchkuh aber auch noch im Neuburger Handel. Marktkauf und der Edeka in der Adlerstraße führen die H-Milch regulär im Sortiment. Bei anderen Märkten, wie dem Edeka im Südpark, wird sie als Handelsmarke „Gut & günstig“ verkauft. Tatsächlich: In Marken, die die Kennziffer „104“ führen, versteckt sich Neuburger Milch, erklärt Produktmanager Reichart. Und schließlich gibt es noch den Werksverkauf bei den Neuburger Milchwerken: Jeden Mittwoch von 9 bis 12 Uhr und 13 bis 16 Uhr kann jeder so viel Milch mit der Neuburger Kuh kaufen, wie er will.

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