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Ingolstadt

30.03.2014

Ein Doppelmord, ein Urteil, ein Kampf

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Ein Polizeifahrzeug steht in Babenhausen vor dem Einfamilienhaus mit heruntergelassenen Rolläden, in dem die Leichen eines älteren Ehepaares gefunden worden waren, die Tochter hatte ebenfalls Schussverletzungen und lag vor dem Haus.
Bild: Karl-Heinz Bärtl/dpa

Andreas Darsow sitzt lebenslänglich im Gefängnis, weil er ein Ehepaar heimtückisch erschossen haben soll. Die Ingolstädterin Michaela Reichert ist von seiner Unschuld überzeugt.

Die Nachricht kam ausgerechnet am Geburtstag ihres Sohnes. Michaela Reichert saß gerade auf der Terrasse und aß mit ihrer Familie Kuchen, als das Telefon klingelte. Am anderen Ende war ihre Mutter und überbrachte die Neuigkeit, die für sie einer Hiobsbotschaft gleichkam: Andreas Darsow, einer der engsten Freunde Michaelas, war zur Höchststrafe verurteilt worden – nämlich zu einer lebenslangen Haftstrafe bei besonderer Schwere der Schuld. „Ich war schockiert“, erzählt die 36-jährige Ingolstädterin. „Wir alle hatten fest mit einem Freispruch gerechnet.“

Michaela Reichert hat immer an die Unschuld ihres früheren Leichtathletik-Trainers geglaubt. „Mir war von Anfang an klar, dass er mit der Sache nichts zu tun hat“, sagt sie. Gemeint ist ein unfassbares Verbrechen: Am 17. April 2009 wurde in der Nähe von Reicherts Heimat, im südhessischen Babenhausen, ein Ehepaar erschossen. Auch auf die erwachsene Tochter feuerte der Täter zweimal, sie überlebte jedoch schwer verletzt. Etwa ein Jahr später wurde der Nachbar, Andreas Darsow, festgenommen. Er soll versucht haben, die Familie wegen andauernder Lärmbelästigungen „auszulöschen“. Und ein weiteres Jahr später, eben an jenem verhängnisvollen 19. Juli 2011, wurde der damals 41-Jährige vom Landgericht Darmstadt in einem Indizienprozess verurteilt.

Internetauftritt „Monte Christo“

Seitdem kämpft Michaela Reichert gemeinsam mit Freunden, Bekannten und Angehörigen Darsows für seine Freiheit. Wenn ihre drei kleinen Kinder ihr ein bisschen Zeit lassen, betreut sie den Internetauftritt von „Monte Christo“ (www.montechristo-ev.de). So nennt sich der Verein, den Unterstützer Darsows kurz nach dem Urteil gründeten. Außerdem hat die 36-Jährige eine Homepage zum Fall Darsow erstellt, auf der Informationen und Artikel abrufbar sind (www.doppelmord-babenhausen.de). Mit modernen Medien kennt sie sich aus: Die ausgebildete Großhandelskauffrau hat sich schon vor Jahren zur Webmasterin fortgebildet. Daneben hilft sie bei anderen Aktionen des Vereins mit: Gerade hat Reichert einen Handzettel mit dem Titel „Gerechtigkeit für Andreas Darsow“ entworfen, den sie mit den Leuten von „Monte Christo“ auf Ostermärkten verteilen will, um die Öffentlichkeit auf den Fall aufmerksam zu machen.

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Reichert kennt Andreas Darsow seit fast 30 Jahren. Sie kommen beide aus Schaafheim, einem kleinen Ort in Südhessen, ganz in der Nähe von Aschaffenburg. Michaela Reichert war acht, als sie beim örtlichen Sportverein mit Leichtathletik anfing, Darsow, damals 16, war einer der Trainer. Sie betrieb den Sport in den kommenden Jahren intensiv, fuhr zu Meisterschaften auf Bezirks- und Landesebene. Darsow, ein sportbegeisterter junger Mann, förderte sie, ohne sie zu überfordern. „Sobald ich ein Wehwehchen hatte, sagte er: Diese Übung lassen wir jetzt besser sein und machen etwas anderes“, erinnert sich Michaela Reichert. Bei Wettkämpfen begleitete er sie. „Er war wie ein großer Bruder.“

Auch abends ging man, zusammen mit der Clique im Ort, öfters mal aus – zum Essen oder ins Kino. Darsow holte sie mit dem Auto ab, damals, als sie 14, 15 Jahre alt war, und brachte sie rechtzeitig nach Hause. „Meine Eltern waren ziemlich streng. Aber zu Andreas hatten sie volles Vertrauen“, erzählt Reichert. Über sie hat Andreas Darsow auch seine spätere Frau Anja kennengelernt: Michaela nahm die Klassenkameradin eines Tages mit zum Training. „Die beiden sind nach wie vor meine besten Freunde“, sagt Reichert.

Der Gedanke, Darsow könnte ein Verbrecher sein, ist für sie absurd. „Er war immer die Ruhe selbst und kann keiner Fliege etwas zuleide tun“, sagt sie. Und dennoch ist er – selbst Vater dreier Kinder – wegen zweifachen Mordes und versuchten Mordes rechtskräftig verurteilt.

Keine verwertbaren DNA-Spuren am Tatort

Wie ist das gekommen? Vorausgegangen war eine mühsame Puzzlearbeit der Polizei. Am Tatort in Babenhausen, einer Kleinstadt bei Schaafheim, fanden sich nämlich keine verwertbaren DNA-Spuren, die Tatwaffe blieb verschollen. Die überlebende Tochter konnte nicht vor Gericht aussagen, weil sie Autistin ist.

Wichtig waren für die Ermittler angeschmauchte Bauschaumteilchen, die sie am Tatort und an den Leichen fanden. Daraus leiteten sie ab, dass der Täter einen selbst gebastelten Schalldämpfer verwendete: nämlich eine mit Bauschaum gefüllte Plastikflasche. Auf einer Schweizer Internetseite war damals eine Anleitung zum Bau eines solchen Dämpfers abrufbar. Wenige Wochen vor der Tat soll Andreas Darsow sie von seinem Firmencomputer aus aufgerufen und ausgedruckt haben.

Außerdem entdeckten die Ermittler bei einer Hausdurchsuchung an einer alten Bundeswehrhose Darsows Schmauchpartikel, deren Elementkombination laut Urteil mit den Spuren am Tatort übereinstimmt. Auch an einem Pulsmesser und einem Gartenhandschuh fanden sich ein paar Partikel.

Michaela Reichert und die Unterstützer von „Monte Christo“ halten diese Hinweise für wenig stichhaltig. So sei nicht bewiesen, dass es Andreas Darsow war, der auf die Internet-Seite zugegriffen habe. Kollegen hatten ebenfalls Zugang zu dessen Computer und kannten sein Passwort. Auch die Schmauchspuren, so argumentieren die Freunde Darsows, besagen wenig. Die Bundeswehrsachen habe er zuletzt bei einer Reserveübung getragen. „Es kann einfach nicht sein, dass man jemanden wegen dieser wenigen Hinweise verurteilt“, findet Michaela Reichert.

Opfer lebten sehr zurückgezogen

Um die Hintergründe des Falls zu verstehen, muss man etwas über die Opfer wissen: Sie lebten laut Urteilsbegründung sehr zurückgezogen. Mutter Petra T. verließ in den Jahren vor ihrem Tod kaum das Haus und soll an Depressionen gelitten haben. Ihr Mann Klaus T. wird im Urteil als kauzig und eigenbrötlerisch beschrieben. Er betrieb im Souterrain seines Wohnhauses ein Immobilienbüro, dessen Geschäfte offenbar schlecht liefen, wie es hieß, und soll viel Alkohol getrunken haben. Die Tochter Astrid arbeitete in einer Behindertenwerkstatt – sie war dem Vernehmen nach die einzige der drei, mit der die Leute in der Straße gelegentlich ein paar freundliche Worte wechselten.

Wegen finanzieller und persönlicher Probleme kam es laut Gericht immer öfter, auch nachts, zu Geschrei, Türenknallen und Gepolter. Außerdem gaben Mutter und Tochter laut Gericht „undefinierbare, fast tierische Laute von sich“. Die Lebensqualität der Darsows, die Wand an Wand wohnten, sei dadurch beeinträchtigt gewesen, meinten die Richter. Andreas Darsow habe die Lärmverursacher eiskalt getötet, als seine Frau mit den Kindern bei einem mehrtägigen Verwandtenbesuch war.

Dagegen spricht der gesunde Menschenverstand, findet Michaela Reichert: Bei ihren Besuchen bei den Darsows hätte man von den Nachbarn „nix gehört und nix gesehen“, sagt sie. Die Reihenhäuser seien nämlich sehr gut isoliert. Nur von der Terrasse aus hätte man mal merkwürdige Laute von Frau T. gehört. Einmal allerdings, im Jahr 2001, holten die Darsows tatsächlich die Polizei, wie Reichert berichtet. Damals hörten ihre Freunde – als sie sich außerhalb des Hauses befanden – so lautes Geschrei, dass sie sich um deren Tochter Sorgen machten. Aus diesem Vorfall, der aktenkundig war, hätten die Ermittler einen Nachbarschaftskonflikt konstruiert, glaubt Michaela Reichert.

Wie andere Unterstützer Darsows wirft sie den Ermittlern einseitige Ermittlungen vor. „Dass Spürhunde Andreas’ Geruch am Tatort nicht wittern konnten, hat für sie keine Rolle gespielt“, sagt sie. Auch Hinweisen, nach denen sich das Opfer bedroht fühlte und versuchte, sich eine Waffe zu beschaffen, sei niemand richtig nachgegangen, kritisiert die 36-Jährige.

Besuch im Gefängnis

Es gibt Tage, an denen Michaela Reichert immer noch nicht glauben kann, dass ihr Trainer im Gefängnis sitzt. „Das Urteil hat sein Leben zerstört.“ Sie klingt nicht wütend, wenn sie das sagt, nur traurig. Im Januar hat sie ihren Freund im Gefängnis besucht. Mit fünf anderen Häftlingen und deren Besuchern saß sie mit Darsow in einem kleinen, streng bewachten Raum.

Vor dieser Situation hatte sie sich ein wenig gefürchtet. Aber dann wurde daraus doch eine nette Stunde: „Wir haben uns an einige Sachen von früher erinnert und gelacht“, berichtet sie. „Ich bin eigentlich mit viel positiver Energie rausgekommen und dachte mir: Für diesen Mann lohnt es sich zu kämpfen, weil er unschuldig ist.“

Vier Jahre dauert der Einsatz schon an, den Reichert und die Mitglieder von „Monte Christo“ für Darsow leisten. „Es hat lange gedauert, bis sich jemand für den Fall interessiert hat“, sagt sie. Doch allmählich kommt Bewegung in die Sache. Der Hamburger Anwalt Gerhard Strate, der bereits Gustl Mollath vertreten hat, bereitet derzeit einen Wiederaufnahmeantrag vor. Wenn der Antrag zugelassen wird, wird der Fall komplett neu aufgerollt. Und auch die Medien sind auf Darsow aufmerksam geworden. Im vergangenen Jahr zeigte RTL eine Sendung zu dem Fall, und demnächst ist ein weiterer Beitrag zu sehen: Am kommenden Dienstag, 25. März, zeigt nun das ZDF in der Reihe „37 Grad“ eine Dokumentation über die Familie Darsow (Sendezeit 22.15 bis 22.45 Uhr).

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