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Karlshuld

12.10.2014

Ein Mann – zwei Gesichter

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3 Bilder
Dardan Morina (24) aus Karlshuld ist Weltmeister im Thaiboxen.
Bild: Wilfing

Dardan Morina geht als zehnfacher Weltmeister im Thaiboxen im Ring keinem noch so harten Schlagabtausch aus dem Weg. Privat fühlt er sich inzwischen in Karlshuld „angekommen“. Eine Geschichte über zwei Welten, viele Zufälle und eine bewegende Vita

Lauter Jubel, tosender Applaus. Wenn der Thaiboxer Dardan Morina unter seinem Kampfnamen „Mister Perfect“ den Ring betritt, steht er im Scheinwerferlicht, die Blicke der Masse sind auf ihn gerichtet. Dem gegenüber steht der Privatmensch Morina. Er fühlt sich „angekommen“. Angekommen im beschaulichen Karlshuld, wo er seit drei Monaten mit seiner Freundin lebt. Es ist einer dieser Gegensätze, die zum Leben Morinas gehören.

Eine Woche ist es her, da verteidigte der 24-Jährige seinen Weltmeistertitel im K1, einer verwandten Art zum Kickboxen. Der Kampf war live im Fernsehen zu sehen. Im Ring ist Morina ein Gladiator. Privat mag er es eher ruhig. Die Geschichte des gebürtigen Kosovaren ist eine Geschichte voller Entbehrungen, kurioser Zufälle und unbändigem Willen.

Was für ein Mensch wird einem in Karlshuld da die Türe öffnen? 25 Kämpfe hat Morina in seiner Profikarriere bestritten, 23 gewonnen, davon 14 durch K.o. Im Gegensatz zum populäreren Boxen darf im Thaiboxen auch mit Füßen und Ellenbogen getreten werden. Man muss verrückt sein, diesen Sport auszuüben, könnte man meinen. „Das bin ich auch“, sagt Morina trocken, auch wenn er im Gespräch einen ganz anderen Eindruck vermittelt. Die Wohnung in Karlshuld, die er sich mit seiner Freundin teilt, ist hell und penibel sauber, auf dem Tisch sind frisches Obst und Kaffee bereitgestellt. Das Einzige, was im ersten Moment an den Kampfsportler Morina erinnert, ist die große Abbildung des legendären Muhammad Ali auf seinem T-Shirt.

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Schwierige Kindheit im Kosovo

Seine Leidenschaft und Faszination für seinen Sport ist ihm dennoch schnell anzumerken. Spricht er über Thaiboxen, fallen Worte wie „Gegner zerstören“ oder „Aggressionen ausleben“. Ohne ein gesundes Selbstvertrauen wird man sich in dieser harten Branche auch nicht durchsetzen, das weiß Morina, der sich zehnfacher Weltmeister nennen darf. Aktuell ist er Titelhalter in fünf Klassen (zwei im K-1, drei im Thaiboxen), jeweils im Supermittelgewicht bis 76 Kilogramm.

Bis zu den jetzigen Erfolgen war ein harter, teils steiniger Weg zurückzulegen. Morinas Durchsetzungsvermögen rührt dabei auch aus seiner Kindheit im Kosovo. Sein Vater floh früh aus dem von Kriegen gezeichneten Gebiet. Der kleine Dardan blieb mit seiner Mutter und seinen zwei jüngeren Geschwistern zurück. Sie warteten auf die offiziellen Papiere, nach Deutschland kommen zu dürfen. Morina erzählt nachdenklich von dieser Zeit. Auch wenn er noch sehr jung war, habe er viele Erinnerungen daran: „Die Angst von damals bleibt einem lange“, sagt er. Die Angst vor Unterdrückung und Armut. „Wir hatten nichts, nicht einmal ein Telefon.“ Er lebte auf dem Land, in einer Großfamilie. „Ich habe nicht viel Aufmerksamkeit bekommen.“

Als Morina sechs Jahre alt war, zog er mit seinen Geschwistern und seiner Mutter seinem Vater, der inzwischen in München Arbeit gefunden hatte und in Ingolstadt lebte, hinterher. Die deutschen Behörden hatten der Familienzusammenführung nach Jahren des Wartens zugestimmt. Deutschland war für den Jungen eine neue, unbekannte Welt. Aller Anfang war schwer. Morina verstand die Sprache nicht, besuchte aber eine deutsche Schule. Er hat es dennoch geschafft, sich durchzubeißen. „Wir Albaner sind ein kämpferisches Volk“, sagt er, um gleich nachzuschieben, sich inzwischen mehr als „Deutscher als ein Kosovare“ zu fühlen.

Die fehlende Aufmerksamkeit fand er schließlich im Kampfsport. Zunächst sträubte er sich noch dagegen, wollte lieber Basketball oder Fußball spielen. Letztlich fing er mit 13 Jahren mit Boxen an, auch weil er merkte, dadurch abends länger wegbleiben zu können. „Meine Eltern waren streng“, erzählt Morina. Das Training begann spät. Es war der Beginn eines sportlichen Aufstiegs, der neben unbändigem Ehrgeiz auch aus Glück und Zufällen bestand.

Zunächst boxte Morina, das Kickboxen trainierte er nur am Rande. Bis ihm ein Trainer im Alter von 15 Jahren vorschlug, zu einer deutschen Meisterschaft im Thaiboxen mitzufahren. Morina machte einen zweitägigen „Crashkurs“ und wurde in Hannover deutscher Meister der U15. Auch der spätere Schritt vom Amateur – dort wird mit Helm und Schützern gekämpft – zum Profi verlief unplanmäßig. In Ingolstadt fiel ein Kampf um den Europameister-Titel aus. „Ich wurde gebeten, kurzfristig einzuspringen“, sagt Morina. Eigentlich wollte er zunächst weitere Erfahrungen als Amateur sammeln. Dann realisierte er schnell, „das ist deine Chance“. Der Veranstalter sah ihn als Kanonenfutter für den Titelträger, aber Morina gewann. Das war 2008, drei Jahre später wurde er erstmals Weltmeister. Zehn WM-Gürtel sind inzwischen in seinem Besitz. Sie lagern in seinem Elternhaus in Ingolstadt. Für den Termin hat er sich zwei ausgeliehen. „Aber ich musste versprechen, sie zurückzubringen“, sagt er lachend. Seine Familie bezeichnet Morina neben seinem Team als wichtige Gründe für seinen Erfolg. Momentan kann Morina von seinem Sport leben. Nebenbei arbeitet er halbtags als Fitnesstrainer und betreut Jugendliche. Nach der Karriere will er mit seinem Bruder eine Kampfschule aufbauen.

Noch aber steht der Sport im Mittelpunkt. Vergangene Woche verteidigte er seinen WM-Titel gegen Soloman Wickstead. Der Engländer hatte ihm im Vorfeld eine Videobotschaft zukommen lassen, ihm martialisch mit einem K.o. gedroht. Morinas Reaktion spricht für ihn, die Nachricht habe ihm lediglich ein müdes Lächeln abgerungen, geantwortet habe er darauf nicht.

Bleibt die Frage nach seinem Kampfnamen „Mister Perfect“. „Den hat mir mein damaliger Trainer gegeben.“ Dass er damit in der Szene polarisiert, weiß Morina. Solange man gewinnt, sei es in Ordnung, „verliert man, macht man sich lächerlich“. Aber mit dem Siegen will Morina nicht aufhören. Er genießt das Scheinwerferlicht. Und gleichzeitig die Ruhe in Karlshuld.

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