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Neuburg

01.10.2017

Ein Neuburger schuftet auf der Wiesn

Am Ausschank holt sich Mandlmeier sechs bis acht volle Maßkrüge. Er kauft das Bier ein und verkauft es wieder. Der 51-jährige möchte so lange wie möglich auf der Wiesn arbeiten.
Bild: Dorothee Pfaffel, AZ

Mathias Mandlmeier arbeitet seit 2009 im Bräurosl-Zelt. Bis Dienstag geht es dort noch hoch her. Wie er die anstrengende Arbeit verkraftet und was ihm daran gefällt.

Hat der Mann am Ausschank die Krüge auch alle richtig voll geschenkt? Mathias Mandlmeier wirft noch einmal einen prüfenden Blick auf die Maßen, dann greift er beherzt zu und marschiert zügig los. Acht Krüge trägt der Neuburger dabei auf einmal: fünf in der rechten, drei in der linken Hand. Sein Ziel ist stets dasselbe: die Reihen 11 und 12 im Festzelt Bräurosl. Seit 2009 arbeitet Mandlmeier als Bedienung auf dem Oktoberfest. Nun stehen die letzten vier Tage für dieses Jahr an.

Der Wiesn-Vater

Eine Gruppe junger Männer aus Bad Kreuznach bei Mainz wartet schon auf das Bier. Sie kommen seit fünf Jahren in die Bräurosl – und setzen sich immer an einen der zehn Tische, für die Mandlmeier gemeinsam mit zwei anderen Bedienungen zuständig ist. „Mathias passt auf uns auf. Er ist unser Wiesn-Vater“, sagt Josef Joghurt und lacht. Sein Kumpel Christian Gerhardus erzählt: „Er hat uns den Tipp gegeben, nach jedem zweiten Bier ein Wasser zu trinken. So haben wir es letztes Jahr zum ersten Mal geschafft, um 10 Uhr mit sechs Mann zu kommen und am Ende auch mit sechs Mann wieder zu gehen.“ Mandlmeier sei ein ruhiger Typ, der stes für einen trockenen Spruch gut sei, sagt Andreas Fuchs.

Nach fast zehn Jahren Oktoberfest weiß der Neuburger, wie er mit seinen Gästen umgehen muss. Die meisten nehmen es dem 51-Jährigen nicht übel, wenn er zwischendurch klare Ansagen macht. Trotzdem gibt es auch für Mandlmeier hin und wieder schwierige Fälle: Zum Beispiele Jugendliche, die zu schnell trinken oder versuchen, ihm einen falschen Ausweis zu zeigen. Oder Besucher, die Schnaps ins Zelt schmuggeln. Für ihn persönlich sei die Wiesn heuer relativ ruhig verlaufen, sagt der Neuburger. Bei Kollegen habe es aber durchaus Schlägereien und Zwischenfälle gegeben. Eine Bedienung ist mit zwölf Maßkrügen in der Hand gestürzt und hat sich den Arm gebrochen.

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Um 11 Uhr ist an diesem Tag in der Bräurosl noch nicht so viel los. Diese Gruppe aus Bad Kreuznach bei Mainz hat gerade die zweite Runde Bier bei Mathias Mandlmeier bestellt.
Bild: Dorothee Pfaffel, AZ

Krankheit ist für eine Wiesn-Bedienung Teil des Jobs

Der Neuburger klingt heißer, während er erzählt. Schon am vierten Tag der Wiesn ist er krank geworden. Abbrechen sei für ihn aber keine Option, sagt er. Außerdem sei er es gewöhnt. Er werde jedes Jahr nach der Wiesn krank. 2009 – als er kurz zuvor operiert wurde – litt er sogar zwei Wochen lang an chronischer Erschöpfung. Die Belastung ist enorm: Der 51-Jährige läuft zur Oktoberfestzeit nach eigenen Angaben 15 bis 20 Kilometer am Tag und nimmt dabei jährlich vier bis sechs Kilogramm ab. Kein Wunder, dass die Wiesn-Bedienungen, die – wie Mandlmeier als Verkaufsleiter im Außendienst – sonst einen anderen Job haben, dazu verpflichtet sind, nicht nur für die Laufzeit des Fests selbst Urlaub zu nehmen, sondern zusätzlich zwei Tage davor und danach.

Dennoch zieht es den Neuburger jedes Jahr wieder auf die Wiesn. Er mag es, so viele unterschiedliche Menschen kennenzulernen. In diesem Jahr hatte er schon Menschen aus Hawaii, Neuseeland, Amerika und Israel an seinen Tischen. Und natürlich ist auch das Geld eine Motivation: Mehrere Tausend Euro verdient der Neuburger dort in gut zwei Wochen, Genaueres verrät er nicht. Ein Rennrad will er sich diesmal von seinem Verdienst kaufen. Nach seinem ersten Mal auf der Wiesn reiste er knapp zehn Monate im Ausland umher – und war pünktlich zum nächsten Oktoberfest wieder zurück.

Christian Eitelhuber, Peter Hofmann, Elisabeth Frieß, Mathias Mandlmeier und Markus Neff (von links) bedienen in der traditionsreichen Pschorr-Bräurosl der Familie Heide.
Bild: Dorothe Pfaffel, AZ

Die Wiesn ist ein Moloch

Wird es Mathias Mandlmeier im Zelt zu viel, kann er Pause machen. Drei bis fünf kurze Unterbrechungen gönnt er sich am Tag. „Da muss ich dann raus. Die Musik ist laut, meine Ohren pfeiffen. Das ist alles sehr fordernd. Die Wiesn ist ein Moloch. Sie frisst dich auf.“ Hat er Hunger, isst er Pommes. Jeden Tag. Er ist nämlich Vegetarier. Ungefähr drei Monate lang könne er deshalb nach dem Oktoberfest keine Pommes mehr essen. Ein halbes Jahr könne er kein Bier mehr trinken. Die Schuhe, die er zur Wiesn trägt, schmeißt er danach weg, weil sie mit Bier getränkt sind und er den Geruch dann nicht mehr ertragen kann. Trotzdem hat der 51-Jährige vor, auch künftig als Wiesn-Bedienung zu arbeiten – solange es seine Gesundheit zulässt. Er hat sich den Urlaub dafür sogar in seinem Arbeitsvertrag zusichern lassen. Lächelnd deutet er auf die Hornhaut zwischen seinen Daumen und seinen Zeigefingern: „Wenn die vergeht, ist auch die Erinnerung weg.“

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