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01.12.2008

Ein Stück Afrika in Neuburg

Neuburg Hinter einer hohen, weißen Mauer versteckt, liegt am Oberen Brandl ein Haus, das immer wieder eine wichtige Anlaufstelle für die Neuburger war: das alte Rotgärberhaus. Gerberei, Molkerei, Schusterei und Mosterei waren über 200 Jahre hinweg in dem Haus untergebracht. Heute leben dort Elisabeth Schwarz und ihr Mann Adolf, die beiden Söhne Adolf und Raimund sowie seine Frau Rosi und ihre drei Kinder. Eine weitere Wohnung ist vermietet.

Das rund 400 Jahre alt Haus mit den Holzsprossenfenstern lässt sich nicht von jedem in den Karten schauen. Die Mauer umschließt das Grundstück von zwei Seiten, während das Haus selbst die anderen beiden Seiten begrenzt. Dadurch ist ein sehr privater Innenhof entstanden, in dem sich der Charme der alten Tage immer noch gefangen hält. Im Garten führt eine Treppe auf die Terrasse, die den Blick auf die Donauauen freigibt, die nur einen Steinwurf entfernt sind. "Ist das schön hier! Das ist wie in Afrika!", hatte einst sichtlich beeindruckt Erzbischof Melingo aus Sambia ausgerufen, als er zu Besuch in Neuburg war. Elisabeths Lieblingsbruder Kuno war Missionar in Afrika und ist auch dort begraben.

Nachdem das Haus beinahe 200 Jahre im Besitz der Gerberfamilie Raba war, hat es 1927 schließlich Elisabeths Vater, Max Ringenberger, gekauft. Als der Vater 1937 an Krebs starb, stand die Mutter allein mit neun Kindern da - das älteste 16, das jüngste gerade mal eineinhalb Jahre alt. Doch die Mutter ließ sich nicht unterkriegen, schließlich bot das riesige Haus genügend Platz. Deshalb hat sie das Erdgeschoss, in dem bis in die 1920er Jahre eine Molkerei untergebracht war, zu Mietwohnungen ausbauen lassen. Außerdem war Neuburg zu dieser Zeit noch Kneippstadt, was die Mutter zu nutzen wusste. Elisabeth Schwarz erinnert sich: "Unsere Mutter ist damals regelmäßig zum Bahnhof gegangen und hat Kurgäste angesprochen, dass es bei uns Zimmer gibt."

Mit 20 Jahren hat Elisabeth die behütete Umgebung verlassen und ist nach Ellwangen gezogen, um dort als Kindergärtnerin zu arbeiten. Hier lernte sie auch ihren Mann Adolf kennen. Doch es sollte kein Abschied für immer werden: Als 1959 ihr Bruder Kuno als Missionar nach Afrika ging, wollte er die Mutter nicht allein zurücklassen. "Und zu diesem Zeitpunkt war ich die Einzige, die dafür in Frage kam", sagt sie, denn die Übergabe des Anwesens war an eine Bedingung geknüpft: das Haus wieder mit Leben zu füllen. Und das hat das junge Ehepaar auch getan: Sieben Kinder und fünf Pflegekinder sind in dem Haus groß geworden. Zwei davon leben noch heute hier: Sohn Raimund wohnt mit seiner Familie im ersten Obergeschoss, Sohn Adolf hat es sich im Dachgeschoss gemütlich gemacht - Platz gibt es schließlich genug. Auf die Frage, wie viele Zimmer das Haus denn habe, kann Raimund Schwarz nur spekulieren: "Oh mei, die haben wir noch nie gezählt! Viele!"

Ein Stück Afrika in Neuburg

Noch heute ist das Haus Treffpunkt für die inzwischen beachtlich große Familie. Im Flur hängen Bilder von Festen und Geburtstagsfeiern, auf denen sich die ganze Verwandtschaft tummelt. Doch die Familie hat gelernt, zusammenzurücken. Wenn sich 20, 30 Familienmitglieder in der geräumigen Küche und der anschließenden Wohnstube aufhalten, dann geht es bisweilen hoch her. "Da hört man nichts mehr im Raum, so ein Durcheinander ist das", erzählt Schwiegertochter Rosi und muss an den Gedanken daran lachen.

Ab 1979 war das alte Rotgärberhaus erneut Anlaufstelle für die Neuburger, als die Familie Schwarz dort eine Mosterei aufgebaut hat. "Von August bis Oktober war der ganze Hof voller Kisten, Fässern und Flaschen gestanden", erinnert sich Schwiegertochter Rosi. Sogar mit Gurkengläsern sind die Leute gekommen, um ihren Saft abfüllen zu lassen. In dieser Zeit war jedes Familienmitglied zum Arbeiten und Helfen eingespannt. Selbst die Mieter mussten manchmal einspringen, wenn es viel zu tun gab - nichts Ungewöhnliches für Elisabeth Schwarz, denn die Mieter in ihrem Haus wurden von jeher familiär eingebunden. Noch heute hat sie Kontakt zu einer ehemaligen Mitbewohnerin, einer Südtirolerin in ihrem Alter. "Ich war nie mehr so glücklich wie hier", hat sie einmal zu ihr gesagt.

Heute gehört Sohn Raimund das Haus, der es bei allen Unebenheiten und Widerspenstigkeiten genauso liebt und schätzt wie seine Mutter. "Das Haus hat einfach Charakter, da muss man nichts hineininterpretieren," erzählt er. Natürlich habe man mit so einem alten Haus immer Arbeit, und fertig werde man nie. "Eine ständige Baustelle", meint der gelernte Schreiner. Doch den Gedanken an einen Verkauf hat er noch nie gehabt, und seine Mutter muss ihm beipflichten: "Wer dieses Haus verkauft, der wäre ganz schön dumm!"

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