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Bergheim

19.03.2015

Ein Wirtshaus für Flüchtlinge

Futhuk-Geschäftsführer Marcus Zimmermann stand am Dienstagabend den Bergheimern Rede und Antwort. 
Bild: Claudia Stegmann

In das Obergeschoss des Bräu in Bergheim ziehen minderjährige Asylbewerber ein. Was das für die Bergheimer bedeutet, hat der neue Eigentümer in einer Infoveranstaltung erklärt

Jahrelang hat Michael Speth versucht, sein Wirtshaus „Zum Löwen“ in Bergheim zu verkaufen. So manche Verhandlungen entpuppten sich als zäh und verliefen am Ende im Sande. Doch jetzt geht alles ganz schnell. Am Dienstag hat Speth seine Unterschrift unter den Notarvertrag gesetzt und in nicht mal drei Wochen wird er seine Wohnung im ersten Stock räumen. Dann geht eine über 100 Jahre alte Familiengeschichte in dem Dorfwirtshaus zu Ende.

In seine Wohnung sowie in die angrenzenden Fremdenzimmer werden bis Mitte April acht junge Männer im Alter von 17 Jahren aus Somalia, Eritrea und Afghanistan einziehen. Es sind sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die sich allein von ihrem Heimatland bis nach Deutschland durchgeschlagen haben. Zumindest behaupten sie das. Denn die meisten Asylsuchenden haben keine Papiere bei sich und können deshalb auch ihr Geburtsdatum nicht nachweisen. Doch sie wissen: Minderjährige Flüchtlinge unterliegen nicht dem Ausländer-, sondern dem Jugendrecht. Das schützt sie vor unvermittelter Abschiebung und vor einer Unterbringung in einer Gemeinschaftsunterkunft.

Um sie wird sich die Jugendhilfeeinrichtung „Futhuk“ aus Obergriesbach kümmern. Der Verein hat zu diesem Zweck auch das Anwesen gekauft. Um 16 Uhr war am Dienstag der Notartermin, nur drei Stunden später stellte Geschäftsführer Marcus Zimmermann in der Pizzeria des Wirtshauses seine Einrichtung und das in Bergheim geplante Flüchtlingsprojekt den Bürgern vor. Dazu waren etwa 50 Interessierte gekommen.

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In Bergheim kann Futhuk sofort mit seiner Arbeit starten

Es ist das erste Mal, dass Futhuk mit jungen Asylbewerber arbeitet. Normalerweise betreut der Verein Kinder und Jugendliche, bei denen es gravierende Erziehungsschwierigkeiten gibt. Dass sich die Einrichtung jetzt auch minderjährigen Flüchtlingen annimmt, erklärte Zimmermann so: „Es nützt nichts, wenn jeder schreit und keiner nimmt sie. Wir sehen uns in der Pflicht, unseren Teil dazu beizutragen.“ Und weil ein privates Unternehmen von der Nächstenliebe allein nicht leben kann, verhehlte er auch nicht, dass sich die Aufgabe natürlich wirtschaftlich rechne.

Dass sich Futhuk in Bergheim niederlässt, liegt daran, dass das Gebäude sofort bezugsfähig ist. Andere Objekte, die sich Zimmermann im vergangenen Jahr angeschaut habe, seien mitunter zwar günstiger gewesen, es wären aber auch etliche Baumaßnahmen oder Nachbesserungen etwa im Brandschutz notwendig gewesen. Außerdem liege Bergheim für ihn und seine 40 Kollegen strategisch optimal.

Wie Zimmermann den Zuhörern weiter erklärte, wird Michael Speth zum 6. April aus dem Haus ausziehen. Seine Mutter Gerda Speth darf noch ein Jahr in dem Haus wohnen. Mitte April wird Futhuk mit zunächst vier jungen Männern die Räume im ersten Obergeschoss beziehen. Die 17 Jahre alten Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia und Afghanistan sind derzeit im Hotel Neuwirt in Neuburg untergebracht. Das Jugendamt musste sie dort kurzfristig unterbringen, nachdem deren Unterkunft in München abgebrannt war und die Regierung von Oberbayern sie früher als geplant nach Neuburg schickte. Zunächst waren es fünf junge Männer. Einer ist mittlerweile aber getürmt, um in Schweden sein Glück zu finden.

Zu den vier verbliebenen Flüchtlingen werden zeitnah vier weitere stoßen. Damit ist die heilpädagogische Wohngruppe in Bergheim komplett. In der Zeit, in der die jungen Männer nicht in der Berufsschule in Bittenbrunn sind, werden sich ein bis zwei Pädagogen rund um die Uhr vor Ort um sie kümmern. Ziel sei ein strukturierter Tagesablauf, flankiert von ehrenamtlicher Arbeit, erklärte Zimmermann. Ideen und Angebote, wie Bürger und Asylbewerber einander kennenlernen können, seien deshalb jederzeit willkommen.

Da nach dem aktuellen Verteilungsschlüssel Bergheim bis zu zwölf Flüchtlinge aufnehmen muss, die Wohngruppe aber nur auf maximal acht Asylbewerber ausgerichtet ist, bleibt für Bergheim eine Vakanz von vier Personen. Ob Futhuk im Fall des Falles personell in der Lage ist, auch zwölf Jugendliche zu betreuen, ließ Zimmermann zunächst offen. Nach Angaben von Roland Weingut, der als Abteilungsleiter für soziale Angelegenheiten beim Landratsamt ebenfalls auf der Infoveranstaltung war, kommen auf Bergheim zumindest in diesem Jahr keine weiteren Asylbewerber zu.

In der anschließenden Diskussionsrunde gab es nur wenige Fragen seitens der Zuhörer. Eine bezog sich beispielsweise auf den Fortbestand des Bauhofs und des Schützenheims nach dem Eigentumswechsel. Beide sind auf dem Anwesen untergebracht und sollen es auch künftig bleiben. Eine andere Frage betraf den Brandschutz. So wollte eine Nachbarin des Anwesens wissen, ob in den Zimmern Feuermelder installiert sind – „nicht, dass die da rauchen und dann das Haus abbrennt.“

Kontakt Wer Fragen hat oder sich ehrenamtlich engagieren will, kann sich an Marcus Zimmermann wenden unter info.bergheim@futhuk.de oder Telefon 0175/3311311.

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