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Neuburg

28.11.2017

Einsatz in einem vergessenen Kriegsgebiet

Oberstleutnant Siegfried Beck in einem Helikopter. Als Chef des deutschen fliegenden Kontingents war er in Masar-e Sharif für 200 Soldaten verantwortlich. 
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Oberstleutnant Siegfried Beck in einem Helikopter. Als Chef des deutschen fliegenden Kontingents war er in Masar-e Sharif für 200 Soldaten verantwortlich. 

Der stellvertretende Kommodore des Neuburger Jagdgeschwaders, Siegfried Beck, war erneut in Afghanistan. Welche Eindrücke er mit nach Hause genommen hat.

An den Plätzen, an denen Bundeswehrsoldaten Dienst tun, stellen sie gerne Wegweiser auf, wie weit es in die Heimat ist. So auch am Flugplatz in Masar-e Sharif in Afghanistan. Dort zeigt ein Pfeil nach Nordwesten: „Neuburg 4662 Kilometer“ steht darauf. Luftlinie, 305 Grad auf der Kompassrose. Weit weg von Zuhause ist der Dienst dort nicht vergleichbar mit dem am Heimatstandort. Oberstleutnant Siegfried Beck, stellvertretender Kommodore des Neuburger Eurofighter-Geschwaders, verbrachte diesen Sommer in Afghanistan. Wieder einmal. Der Luftwaffenpilot war bereits zum sechsten Mal in dem gebeutelten Land.

Wenn jeden Tag Montag ist, nur nicht am Freitag – denn am Freitag ist Sonntag –, dann befindet man sich in Afghanistan. Eine komische Zeitrechnung? Nicht wirklich, denn ein Soldat im Einsatz hat kein freies Wochenende. Einsatz bedeutet 24 Stunden Dienst und das sieben Tage die Woche. Von Mai bis September hat Beck das zum wiederholten Mal erlebt – dieses Mal als Chef des deutschen fliegenden Kontingents, verantwortlich für 200 Soldaten sowie mehrere Hubschrauber und Drohnen.

In Afghanistan laufen die Uhren anders als in Deutschland. Freitags finden für die Muslime die Gebete statt; der Freitag ist der Sonntag der Einheimischen und damit arbeitsfrei für die angestellten Afghanen. Dann sind die Soldaten vollkommen unter sich.

Vier Monate ohne Wochenende, weg von der Familie und an einem Einsatzort, der in Deutschland kaum noch wahrgenommen wird – für den Berufssoldaten schon fast die Normalität. Beck ist mehrmals als Tornado-Pilot Aufklärungsmissionen über dem Hindukusch geflogen. Für die Tour im Mai hat er sich freiwillig gemeldet. „Ich kenne inzwischen das Land und weiß, worauf ich mich einlasse. Die Alternative wäre eventuell Mali gewesen.“

Die Lage in Afghanistan ist alles andere als sicher. Und die deutschen Soldaten bewegen sich außerhalb des bewachten Camps nur, wenn es absolut notwendig ist. So auch Beck. Und dennoch hatte er gute Kontakte zu einzelnen Afghanen. So zum Beispiel zu einem afghanischen Luftwaffengeneral. Der ehemalige Hubschrauberpilot baut im Masar-e Sharif gerade ein Geschwader auf. „Wir hatten ein so gutes Verhältnis, dass wir immer noch Kontakt halten.“ Bei seiner Verabschiedung sprach Beck den afghanischen General in dessen Muttersprache an. Kein leichtes Unterfangen, musste Beck doch mithilfe eines Dolmetschers seine Rede aus dem Englischen in Dari übersetzen und diese dann in einer lesbaren Lautschrift darstellen. Aber der Aufwand hat sich gelohnt. General Ashraf hatte Tränen in den Augen und Beck wie einen Bruder umarmt. „Das Verhältnis war sehr herzlich und ich hoffe, dass er mich in Deutschland mal besuchen kann.“

Das ist die eine Seite eines solchen Einsatzes: Freundliche Menschen in einem wundervollen Land. Die Kehrseite aber ist, dass die Taliban das für sie korrupte Regime in Kabul bekämpfen. Da die fremden Nationen diese Regierung unterstützen, stehen sie mit auf der Abschussliste. „Ich hatte unter anderem zwei Hubschrauber vom Typ CH53 als Rettungshubschrauber für verletzte Soldaten im Einsatz. Leider wurden sie viel zu oft gebraucht.“ Beck erinnert sich an einen Tag im August. Ein Sprengstoffanschlag auf amerikanische Soldaten. „Die Verletzten wurden bei uns am Flugplatz nach der Landung der Medevac-Helikopter erstversorgt, um sie für den Transport ins Krankenhaus zu stabilisieren. Unser Glück war, dass zwei unserer Fliegerärzte vor Ort waren, da sich die beiden gerade in der Übergabe befanden. Die Amerikaner waren schwerst verletzt, sie sind aber alle durchgekommen.“

Jede Menge Anschläge, jede Menge Verwundete und Tote. „Man sieht die Welt mit anderen Augen, wenn man aus einem solchen Einsatz zurückkommt.“ Beck klingt nachdenklich. Mit seiner Frau redet er über seine Erlebnisse. Das hilft ihm, das Ganze zu verarbeiten. Und was auch hilft: dass in solch extremen Situationen das Team funktioniert. „Wir waren ein tolles Team, haben alle an einem Strang gezogen und waren wirklich füreinander da. Das muss man in einer solchen Ausnahmesituation erst einmal erleben. Das alleine ist schon ein großes Glück.“

Für Beck wie auch für so viele Bundeswehrsoldaten ist das nicht der letzte gefährliche Auslandseinsatz gewesen. Meist bekommt nur der engste Freundes- und Kameradenkreis mit, dass der Soldat überhaupt weg ist. Deshalb ist es umso wichtiger zu zeigen, dass einige von ihnen immer noch am Hindukusch die deutsche Fahne hochhalten. Beck steht nur stellvertretend für so viele. Momentan sind knapp deutsche 1000 Soldaten in Afghanistan, dazu Polizisten und Helfer von Hilfsorganisationen. Und es gibt noch weitere Einsatzschwerpunkte: Mali, Jordanien, Irak und Sudan sind nur einige der Einsatzländer für die Bundeswehr.

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