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28.06.2009

Eintauchen in eine andere Zeit

Neuburg Der Einzug der Gruppen ist eine wahre Sinnesfreude: Farbenfroh gekleidete, musizierende, tanzende und lachende Mitwirkende bahnen sich ihren Weg in die Obere Altstadt. Bei diesem Bad in der Menge werde ich allerspätestens am Stadtberg Gänsehaut haben, prophezeit mir Harry Betscher. Er ahnt nicht, dass genau an diesem Ort eine Überraschung für ihn erklingen wird. Plötzlich wird über unseren Köpfen "Happy Birthday to you" angestimmt. Doch was macht der Neuburger? Er rennt in Morisken-Manier davon.

Nicht nur das Schlossfest feiert in diesem Jahr Geburtstag, sondern auch Harry Betscher. Vor genau 33 Jahren wurde er geboren - am ersten Schlossfest-Wochenende. Dass sein Jubeltag seitdem häufig mit dem Fest der Renaissance zusammenfällt, daran hat sich der Neuburger gewöhnt. Früher war er im Fanfarenzug aktiv. In diesem Jahr schlüpft er in die Rolle eines Morisken. Genau wie ich. Als so genannter "Orientale" begleite ich die neun Tänzer und deren schöne Maid Andrea Vogl.

Die attraktive Tänzerin zeichnet sich für die Choreografie verantwortlich. Zu jedem Schlossfest lässt sie sich neue, groteske Sprünge für den ursprünglich maurischen Tanz einfallen. Im 15. und 16. Jahrhundert gehörte der Moriskentanz zu den beliebtesten Volksbelustigungen seiner Zeit. Ich bin mir sicher: Nicht nur damals. Wer den Zuschauern in die glänzenden Augen sieht, während die Moriskentänzern auf der Bühne sind, der weiß: Auffällige Verkleidung, extrovertierte Bewegungen und vor allen Dingen Spaß in der Gruppe sind zeitlos. Das Publikum lacht und klatscht.

Die Morisken sind eine Ausnahmetruppe. Während die opulenten Tanzspiele die Zuschauer zwar durchaus verzücken, bringt doch erst die "neapolitanische Tanzgruppe", wie die Morisken angekündigt werden, nach knapp einer Stunde die nötige Würze auf die Bühne.

Eintauchen in eine andere Zeit

Dessen sind sich die neun Morisken sehr wohl bewusst. Sie zelebrieren die "berufsbedingte Lustigkeit" auch abseits der Bühne. Die Zeit zwischen den Auftritten nutzen sie, um den letzten Tanz zu analysieren. "Das war wieder einmal der beste Auftritt, den wir je hatten", meint etwa Bernd. Andere Gruppenmitglieder "beschweren" sich, dass Andrea die Rose immer dem Falschen schenkt. Schließlich tanzen die Morisken nicht aus reinem Selbstzweck: Sie buhlen um die Gunst der schönen Maid, die am Ende ihrem Auserwählten eine Rose überreicht. Günther hat die Hoffnung aufgegeben: "Ich hab mich damit abgefunden, ich krieg sie einfach nicht".

Ein neues Kostüm für den besten Tänzer

"Wenn ich mir das Kostüm anziehe, schlüpfe ich in eine Rolle", erklärt Harry Betscher. Eine Rolle, die ihm der Hofschneider sozusagen auf den Leib geschneidert hat. Denn sein Kostüm ist neu. Genau wie das von Christian Leinfelder und Alfred Hummel - ein weiterer "Streitpunkt": "Nur die besten Tänzer bekommen ein neues Kostüm", erklärt Christian Leinfelder.

Ich trage an diesem Abend übrigens Alfred Hummels altes Kostüm. Das ist durchaus gerechtfertigt. Denn ich tanze nicht mit. Ich begleite die Morisken nur. Näher am Schlossfest und an einer der wahrscheinlich lustigsten Gruppen dran sein kann man nicht. Am Ende aber bin ich froh, dass sich die Rolle auch wieder abstreifen lässt. Raus aus dem Gewand und rein in den Alltag.

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