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Neuburg

19.05.2015

Energiewende: Mehr als nur heiße Luft

Neuburg, aufgeteilt in Quartiere der Nahversorgung. Das B steht für Blockheizkraftwerke, das A für Abwärme. Die einzelnen Gebiete um die Kliniken (B1), am Schwalbanger (B2), am Parkbad (B3) und Oberland-Glas (A4) können von den jeweiligen Orten mit Energie versorgt werden.
Bild: Stadtwerke Neuburg

Wenn eine Stadt Besuch vom Bund Naturschutz bekommt, heißt das oft nichts Gutes. Nicht so in Neuburg. Statt den grünen Kritikhagel gibt es eine Lobeshymne auf die Energieversorgung der Stadt

Da sitzen sie nun, der Antreiber und Bremser, dicht aneinander im schmalen Nebenzimmer der „Blauen Traube“ in der Oberen Altstadt. Rechts der Chef der Stadtwerke, Richard Kuttenreich, der im Ausbau der Nahwärmeversorgung gerne einen Zahn zulegen würde. Links von ihm Oberbürgermeister Bernhard Gmehling, der mehrmals erklärt, dass die Energiewende in Neuburg sicher als auch wirtschaftlich sein müsse. Wenn man so will, hat dieser Auftritt gezeigt, dass die Energiewende ohne Antreiber und Bremser nicht zu steuern wäre.

Der Bund Naturschutz (Bund), der sonst als großer Mahner der Energiepolitik im ganzen Land in Erscheinung tritt, lobt den Fortschritt der Stadt in puncto Strom- und Wärmeversorgung in höchsten Tönen. Günter Krell sagt zum Beispiel: „Die Stadt hat den Auftrag erkannt und umgesetzt.“ Fast 45 Jahre lang, so schildert das Vorstandsmitglied im Bund die Situation vor dem Ausbau des Energie-Konzepts, haben Betriebe die Abwärme einfach in die Luft geblasen. Jetzt werde die einstmals verlorene Energie genutzt, wie seit Ende 2013 bei Oberland-Glas und bald auch beim Dämmriesen Rockwool. aufgefangen und damit jetzt bereits Luftwaffen-Kaserne, Donaumalz und Audi-Zentrum in Neuburg beheizt. Herbert Barthel, der Energiespezialist beim Bund in Nürnberg spricht von einer beispielhaften Umsetzung der dezentralen Nahwärme- und zum Teil der Stromversorgung. Der Bund kommt nach Neuburg, um die Stadt auf dem Weg, den sie mit der Agenda vor Jahren begonnen hat, zu bestätigen – denn der wird lang und teuer.

Mit Ausgaben von rund 137 Millionen Euro rechnet die Stadt insgesamt. Diese werden nicht in fünf, wahrscheinlich auch nicht in zehn Jahren verbaut, erklärt OB Gmehling. Sondern nach und nach. Je nachdem, wie es um die Stadtkasse bestellt ist und wie wirtschaftlich der nächste Schritt sein wird. Momentan investiert die Stadt zehn Millionen Euro im Jahr. Knapp 20 Millionen sind bereits investiert.

Das Nahversorgungsnetz der Stadt besteht aus vier Quartieren (siehe Grafik). Zwei Blockheizkraftwerke im Krankenhaus St. Elisabeth versorgen ein Quartier, eines am Schwalbanger ein zweites, das auch Privatkunden wie am Goldanger versorgt, und das jüngste Projekt am Parkbad zwei weitere. Die Abwärme von St. Gobain Oberland geht komplett in die Industrie, erklärt Kuttenreich.

Erst werden die einzelnen Quartiere ineinander vernetzt – die Stadt hat bereits zwölf Kilometer „Pipelines“ unterirdisch verbaut. Dann beginnt das Stern-Projekte, das die einzelnen Quartiere miteinander vernetzt und somit das gesamte Nahversorgungsprojekt stabilisiert. Wenn das steht, können Heizkraftwerke an und im Sommer abgeschaltet werden. Dann werden die Stadtwerke unabhängiger von den „Monopolisten“, wie der Stadtwerke-Chef die Stromversorger nennt, die jahrzehntelange den Markt nicht nur beherrschten, sondern bestimmten. Sie haben Konkurrenz bekommen. Wenn Kuttenreich vorrechnet, dass die Stadt rund ein Drittel ihres Gesamtverbrauchs – 270 Gigawattstunden oder rund 30 Millionen Liter Heizöl im Jahr – allein durch die Abwärme der Unternehmen Oberland und Rockwool decken könnte, macht er längere Pausen zwischen den Wörtern. Sein Zukunftsszenario ist mehr als positiv. Irgendwann wird der Strompreis der dezentralen Versorgung so niedrig sein, dass kein Monopolist mithalten kann. Unter anderem, weil die Stadtwerke als Bürgergesellschaft möglichst kostendeckend arbeiten, die Energieversorger hingegen teure Managergehälter zahlen müssten, erklärt er. Jetzt verhandeln die Stadtwerke mit einem dritten Unternehmen im Industriegebiet nahe Oberland und Rockwool. Den Namen nennt er noch nicht.

Kuttenreich bedeutet der Besuch der Naturschützer mehr, als irgendeine Auszeichnung, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Er und OB Gmehling sehen sich in ihrer Arbeit bestätigt. „Ohne einen Bürgermeister, der bereit ist, ein Risiko einzugehen, würde das nicht funktionieren“, sagt Kuttenreich.

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