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Gericht

22.01.2019

„Es ist wirklich eine Tragödie“

Eine Mutter hat ihren fast vierjährigen Sohn erstochen. Stimmen hatten ihr befohlen, „ihr Liebstes zu opfern“. Die Frau wird in einer Psychiatrie untergebracht

Dem Vorsitzenden Richter Jochen Bösl war anzumerken, dass ein emotional belastender Prozess hinter allen Beteiligten liegt. „Es ist wirklich eine Tragödie“, sagte er am Montag bei der Urteilsverkündung. Für den Vater, die Verwandten und letztendlich auch für die Mutter. Auch wenn sie es war, die ihren kleinen Sohn im vergangenen April umgebracht hatte, gerade einmal vier Tage vor seinem vierten Geburtstag. „Es war eine Tragödie, für die die Beschuldigte nichts kann“, ergänzte Bösl. Das wollten die Angehörigen des Jungen, die zur Urteilsverkündung in den Gerichtssaal gekommen waren, nicht wahrhaben. Sie reagierten teils verständnislos, vor dem Gerichtsgebäude hielten sie ein riesiges Bild in die Höhe. Es zeigte einen fröhlichen Dreijährigen.

An fünf Verhandlungstagen hatte sich das Gericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit tief in das Geschehen jener Aprilnacht eingearbeitet. Es hatte Zeugen gehört, Polizeiprotokolle verlesen und vor allen Dingen Ärzte und Gutachter zu Wort kommen lassen. Diese bescheinigten der Frau, dass sie die Tat im Wahn begangen habe. Innere Stimmen hätten ihr befohlen, „ihr Liebstes zu opfern“. Medizinisch betrachtet leidet die Frau an einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie. Sie muss deshalb „zum Schutz der Allgemeinheit“ auf unbestimmte Zeit in die Psychiatrie. So hat es das Gericht beschlossen.

Mitten in der Nacht holte sie am 11. April ein Küchenmesser und tötete damit ihren kleinen, schlafenden Sohn. Vom Schreien wurde der Großvater – der Vater der Frau – wach und fand das tote Kind im Zimmer. Neben ihm stand die damals 36-Jährige mit einem Messer in der Hand. Nach der Tat hatte sie versucht, sich anzünden.

Im Nachhinein sieht es aus, als hätte sich die Tragödie angebahnt, doch in ihrem Ausmaß war sie offenbar von niemandem abzusehen gewesen. Vor sechs Jahren hatte die Pädagogin geheiratet, bald kam das Kind auf die Welt. Dann begann es, in der Ehe zu kriseln. Als der Sohn zwei Jahre alt war, zog die Frau wieder zurück zu ihrem Vater in den Kreis Pfaffenhofen. Doch der Kontakt zum Ex-Mann riss nie ab, die Familie fuhr sogar zusammen noch in den Urlaub.

Irgendwann in dieser Zeit müssen die psychischen Probleme der Frau immer schlimmer geworden sein. Die 37-Jährige, die schon länger von esoterischen Themen fasziniert war, glaubte, sie könne in Zungen reden. Sie schloss sich einer Freikirche an und steigerte sich immer mehr in einen religiösen Wahn hinein.

Im Oktober 2017, rund ein halbes Jahr vor der Tat, war sie wegen akuter Wahnvorstellungen bereits zwei Wochen lang in der Psychiatrie. Doch mit Medikamenten hatte sich ihr Zustand wieder gebessert, die Mediziner waren von einem vorübergehenden Phänomen ausgegangen. Aber die Wahnvorstellungen kamen wieder, vor Ostern hatte sie drei Wochen lang durchgehend gefastet. Am Vorabend jener tragischen Nacht hatte sie ihr Kind noch zu Bett gebracht, in den Stunden danach aber „hat der Wahn immer mehr von ihr Besitz ergriffen“ (Richter Jochen Bösl). Die Frau habe die Überzeugung entwickelt, dass sie in ein Kloster nach Israel gehen müsse. Schließlich hätten ihr innere Stimmen befohlen, „ihr Liebstes zu opfern“.

Bereits Anfang Februar steht wieder eine Mutter aus der Region vor Gericht. Die Frau aus dem Kreis Eichstätt soll im Juni des vergangenen Jahres ihren sechs Monate alten Sohn umgebracht haben. Da die Mutter zur Tatzeit erst 17 Jahre alt war, findet der Prozess vor dem Landgericht ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

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