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Weichering

22.05.2019

Europa: „Von dort kommen alle Gesetze“

Martin Moosheimer mit Schlepper und Legemaschine im Einsatz: Der Landwirt aus Weichering hat sich auf Pflanzkartoffeln spezialisiert und baut auf seinen Flächen 14 Sorten an.
Bild: Moosheimer

Agrarsubventionen machen den größten Posten im EU-Haushalt aus. Doch Brüsseler Bürokratie und Wettbewerbsverzerrungen machen Landwirten zu schaffen.

Martin Moosheimer steht in seiner Lagerhalle, hinter ihm stapeln sich Holzkisten bis zur Decke. Momentan sind alle leer. Was dort im Herbst eingelagert wird, hat der Landwirt aus Weichering die vergangenen Wochen auf seinen Feldern ausgebracht: Kartoffeln. Wenn sich die Erdäpfel in den Kisten stapeln, rollen Laster an und liefern seine Kartoffeln in ganz Europa aus. Wie kompliziert die Ausfuhr von Lebensmitteln sein kann, weiß der Vollerwerbslandwirt, weil er seine Produkte auch in die Schweiz exportiert. Seit Kurzem hat er auf seinem Hof eine eigene Zollstation genehmigt. Vorher musste der Umweg zum Zollamt Ingolstadt genommen werden, bevor die Ware zu den Eidgenossen ging. „Natürlich ist der freie, grenzenlose europäische Markt ein großer Vorteil für uns“, sagt Martin Moosheimer. Es gebe freilich auch Schattenseiten.

Nach der Europawahl werden 60 Milliarden Euro neu verteilt

Der Diplom-Agraringenieur ist auch Bezirksvorsitzender der Saatkartoffel-Vereinigungen (SEV) Donaumoos im Erzeugerring für Pflanzenbau Südbayern. Daneben züchtet er Schweine und baut Getreide zum Zufüttern an. Die Pflanzenvermehrer hätten einen entscheidenden Part im Kartoffelanbau – mit vielen Herausforderungen, aber auch Chancen für den eigenen Betrieb, sagt er. Allerdings hänge der wirtschaftliche Erfolg wesentlich von einheitlichen Wettbewerbsbedingungen ab. „Ich stehe in Konkurrenz mit Landwirten in Osteuropa. Wenn zum Beispiel in Rumänien ein Spritzmittel für Raps zugelassen ist, bei uns aber nicht, ist das eine Verzerrung. In einem offenen Markt müssen gleich Regeln für alle gelten.“ Das sei aber leider nicht der Fall. Moosheimer nennt ein zweites Beispiel: Kartoffelblattläuse wurden bislang mit Beizmitteln bekämpft, die im Verdacht stehen, für das Bienensterben verantwortlich zu sein. „Es steht auch fest, dass die Mittel falsch verwendet worden sind.“ Die EU-Kommission hat deshalb 2018 Pflanzenschutzmittel mit neonikotinoiden Wirkstoffen im Freiland verboten. In nationales Recht umgewandelt worden sei das aber nicht in allen EU-Staaten, so auch nicht in Polen. Der Weicheringer Landwirt und seine Kollegen von der SEV befürchten nun, dass sie mit der Konkurrenz nicht mehr mithalten können. „Ob wir noch weiter Pflanzkartoffeln anbauen können, wird sich zeigen. Der Verbraucher will am Ende immer die höchste Qualität haben. Und es ist ihm egal, wo die herkommt.“

Martin Moosheimer baut die rotschalige Big Rossa an, eine genügsame und trockentolerante Züchtung der Bavariasaat. Als Speisekartoffel ist sie vorwiegend festkochend und eignet sich zum Beispiel für Pommes frites.
Bild: Nobert Eibel

Wenn in Brüssel nächstes Jahr über die neue, gemeinsame Agrarpolitik verhandelt wird, geht es um die Verteilung von 60 Milliarden Euro Subventionen. Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) gehört zu den ältesten und finanziell bedeutendsten Politikfeldern der Union. Fast 40 Prozent des EU-Haushalts fließt in die Landwirtschaft. Das Fördersystem ist kompliziert und hoch bürokratisch. Außerdem, kritisieren Naturschutzverbände, sei es ineffizient und bewirke zu wenig für die Umwelt. Zu sehr profitierten große, intensive Landwirtschaftsbetriebe, zu wenig Geld fließe an kleinere Betriebe und viel zu wenig Geld bleibe für den Naturschutz übrig. Die Zahlungen müssten sich künftig am Gemeinwohl orientieren, eine naturverträgliche Landbewirtschaftung angemessen honorieren und nicht per Gießkannenprinzip auf der Fläche verteilt werden, so die Forderung.

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Europa ist nicht so weit weg, wie man glaubt

Martin Moosheimer sieht das differenzierter. Die „Bienengaudi“, wie er das Volksbegehren nennt, sei viel zu emotional und einseitig geführt worden. „Man hat uns Landwirte zum alleinigen Sündenbock abgestempelt.“ Eine derart plumpe Vereinfachung sei nicht haltbar. Er selbst habe etwa zwei Bienenvölker, „und ich kenne keinen Landwirt, der seinen Boden und damit seine Produktionsgrundlage nicht hegt.“ Er sei gesetzlich verpflichtet, fünf Prozent seiner Flächen stillzulegen. Um seine Felder habe er zusätzlich Blühstreifen angelegt, allerdings nicht in förderfähiger Größe. Er müsse dies dennoch akribisch dokumentieren, weil ihm sonst wegen Subventionsbetrugs Rückforderungen ins Haus stünden.

Martin Moosheimer steht in der Halle und zeigt auf seine per Computer gesteuerten Kühlanlage, die konstant auf vier bis sechs Grad herunterkühlt. So behalten die Kartoffeln ihre Frische. Eine neue Sortiermaschine erleichtert die zeitaufwendige Sortierarbeit und spart Arbeitskräfte. „Europa ist weit weg, wird oft salopp gesagt. Aber von dort kommen alle Gesetze“, sagt er. Kürzlich habe er mit einer Ethikkommission zu tun gehabt, und die Frage beantworten müssen, ob er Zwangsarbeiter beschäftige. „Manchmal frage ich mich da schon, wo kommt das her, wo leben wir eigentlich?“

Nach dem Auslesen werden die Knollen über ein Förderband sanft in die Holzkisten gerollt, die etikettiert und übereinandergestapelt werden. „So gibt es keine unerwünschten Druckstellen. Vor 20 Jahren hat das die Hausfrau weggeschnitten, heute ist das undenkbar.“ Martin Moosheimer wird am Sonntag auf jeden Fall zum Wählen gehen. Es gehöre zum Wesen der Demokratie, seine Bürgerrechte wahrzunehmen und mitzugestalten. Als Landwirt hat er noch einen Wunsch: „Uns Erzeugern wäre schon geholfen, wenn der Verbraucher endlich das tun würde, was er sagt.“

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