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Neuburg

17.05.2019

Europawahl-Serie: Vorsicht, im Bier lauern Allergene!

Bevor der Neuburger Gastronom Karl Deiml seinen Gästen im Neuwirt ein Bier ausschenkt, muss er sie schriftlich darauf hinweisen, dass darin Getreide und somit potenzielle Allergene enthalten sind.
Bild: Marcel Rother

Plus Wenn es um Vorschriften geht, verzweifeln Gastronomen und Lebensmittelverkäufer bisweilen an der EU. Andererseits schützen sie etwa die Qualität des Spargels.

Seit 1979 findet alle fünf Jahre die Europawahl statt. Am Sonntag, 26. Mai, ist es wieder so weit. Sie denken, das Europäische Parlament mit Sitz in Straßburg ist ganz weit weg und spielt für das tägliche Leben keine Rolle? Keinesfalls. In einer Serie stellen wir verschiedene Bereiche vor, die alle Bürger betreffen, Branchen, auf die sich das EU-Recht auswirkt und mit denen jeder in Berührung kommt. In der heutigen Folge geht es um Gastronomie und den Verkauf von Lebensmitteln. Wir haben einen Gastwirt gefragt und uns bei einem Spargelverkäufer auf dem Neuburger Wochenmarkt umgehört.

Bei jeder noch so kleinen Feier, die er ausrichtet, muss der Neuburger Gastwirt Karl Deiml seine Gäste schriftlich auf eine Selbstverständlichkeit hinweisen: Dass im Bier Getreide enthalten ist, das wiederum Gluten enthält, worauf einige Menschen allergisch reagieren können. „Das geht mir etwas zu weit“, sagt Deiml, Inhaber des Hotel&Brauerei-Gasthofs Neuwirt. Als Gastronom und stellvertretender Kreisvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes weiß er ein Lied von den Vorschriften zu singen, mit denen die EU ihn und seine Berufskollegen auf Trab hält.

Deiml hat nichts gegen die allgemeine Kennzeichnung von Inhaltsstoffen und Allergenen in der Speisekarte seiner Gastwirtschaft. „Ich finde es ja richtig, dass ein Gast erfährt, welche Stoffe in seinem Essen sind“, sagt Deiml. Feinsäuberlich und mit Zahlen versehen können Besucher folgerichtig nachlesen, ob ein Essen beispielsweise Geschmacksverstärker, Milcheiweiß oder Erdnüsse enthält oder ein Getränk Koffein enthält. „Das dient der Transparenz und steigert letztlich das Vertrauen des Gastes zum Gastronom“, sagt Deiml.

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Kein Verständnis für Bürokratie

Wofür er aber ebenfalls kein Verständnis hat, ist die Dokumentationspflicht dahinter. „Seit ein paar Jahren müssen wir auf Anordnung der EU für jedes Gericht, das wir anbieten, einen Allergenordner führen.“ Der sei für die Kontrolleure des Landratsamtes bestimmt. Darin ist zum Beispiel festgehalten, ob ein Gericht Zwiebel, Sellerie oder Knoblauch enthält. Noch nie sei er von einem Gast auf diesen Ordner angesprochen worden. Wenn jemand wissen wolle, ob ein Gericht einen bestimmten Stoff enthält, habe er schon immer direkt bei ihm oder einer der Bedienungen nachfragen können und eine Auskunft erhalten. „In Zweifelsfällen fragen wir direkt in der Küche nach“, sagt Deiml. Der Ordner aber sei nichts als unnötige Mehrarbeit und ein Zeichen ausufernder Bürokratie.

Generell jedoch halte er die Idee von einheitlichen Lebensmittelkontrollen innerhalb der EU – etwa im hygienischen Bereich – für begrüßenswert. Als stellvertretender Kreisvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes würde er sich auch in anderen Bereichen eine Angleichung zwischen den Ländern wünschen. Zum Beispiel im Arbeits- oder Steuerrecht. Denn solange Gastronomiebetriebe in den einen Ländern etwa niedrigere Steuern zahlen müssten als in anderen, würde das den Wettbewerb verzerren. In Deutschland fallen derzeit 19 Prozent Mehrwertsteuer an, in benachbarten EU-Ländern teilweise weniger als zehn Prozent. „Darum könne Gastronomen dort ihr Essen günstiger anbieten“, kritisiert Deiml.

Schrobenhausener Spargel ist von der EU geschützt

Gemüsehändler Fritz Ilmberger steht auf dem Neuburger Wochenmarkt und verkauft Spargel. Nicht irgendeinen Spargel, sondern „Schrobenhausener Spargel“. Der darf nur so heißen, weil er bestimmte Kriterien erfüllt. Und, weil sich Ilmberger regelmäßig Kontrollen unterzieht, die das beweisen. Sorge dafür trägt die EU. Seit 2010 ist die Bezeichnung „Schrobenhausener Spargel“ dort als „geschützte geografische Angabe“ eingetragen. Dies bedeutet unter anderem, dass nur Spargel, der in der Anbauregion um Schrobenhausen aufgezogen wurde, diesen Namen tragen darf.

Fritz Ilmberger verkauft auf dem Wochenmarkt „Schrobenhausener Spargel“.
Bild: Marcel Rother

Durch das Produktsiegel werde „die Besonderheit eines regionalen Produktes anerkannt und vor Nachahmung oder Missbrauch von Namen und Bezeichnungen geschützt“, heißt es vonseiten der Europäischen Union. Weiter solle das Siegel „geschützte geografische Angabe“ den Verbrauchern Orientierung beim Einkauf von Lebensmitteln liefern. Das Siegel tragen unter anderem auch die Kartoffelsorte Bamberger Hörnchen, die Bayerische Breze oder der Oberpfälzer Karpfen.

Kunden achten vermehrt auf regionale Produkte

Ilmberger weiß, dass die Kunden vermehrt auf regionale Produkte achten und ist froh, dass es das Siegel gibt. „So können sich die Kunden sicher sein, dass sie ordentliche Ware bekommen, die auch aus der Region stammt.“ Dafür lässt der Gachenbacher die Kontrollen gerne über sich ergehen, bei denen überprüft wird, ob der Spargel eine bestimmte Länge nicht überschreitet, Ilmberger die Kühlung einhält und die Spargelstangen richtig sortiert.

Allerdings ist Ilmberger nicht mit allem einverstanden, was die EU praktiziert. Vor allem die allgemeine Agrarpolitik ist für ihn ein „leidiges Thema“. Kleinere Betriebe sollten durchaus mit Subventionen unterstützt werden, bei Großbetrieben höre sein Verständnis für diese Art der Förderpolitik aber auf. In diesem Zusammenhang prangert er vor allem die „Flächenprämie“ an, die Agrarbetriebe erhalten. In Deutschland im Schnitt mehr als 300 Euro pro Hektar. „Die bekommt auch ein Betrieb, der nach der Wende in Richtung Osten expandiert hat und dort 1000 Hektar Fläche besitzt.“ Ein guter „Nebenverdienst“, sagt er. Andererseits sieht er keine Chance, ohne die EU langfristig gegen Großmächte wie Amerika, Russland oder China bestehen zu können. Das Ziel von Europa müsse es sein, sowohl das Regionale nach innen zu stärken sowie gemeinsam im Verbund vieler Mitgliedsstaaten nach außen Stärke zu demonstrieren.

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