1. Startseite
  2. Lokales (Neuburg)
  3. Flötenschmelz und Mutterschmerz in Heilig-Kreuz

Neuburg-Bergen

22.10.2018

Flötenschmelz und Mutterschmerz in Heilig-Kreuz

Copy%20of%20Kirchenkonzert%20in%20Bergen%2c%204.tif
2 Bilder
Drei Chöre und drei Solisten brachten für die Zuhörer in der Heilig-Kreuz-Kirche in Bergen die Werke zweier großer Komponisten zu Gehör.
Bild: Xaver Habermeier

Beim 34. Baringer Kirchenkonzert traf klassische Eleganz auf moderne Vielfalt. Die Zuhörer waren begeistert. 

Drei starke Solistinnen, drei starke Chöre mit drei starken Chorleitern, wie immer begleitet vom Kammerorchester Dieter Sauer und weiteren, teils sehr jungen, fähigen Musikern aus Neuburg und der weiteren Umgebung, drängten sich am Sonntag im Altarraum der Baringer Heilig-Kreuz-Kirche zusammen. Auch im Zuschauerraum der Kirche kaum ein freier Platz. Auf dem Programm: Zwei große Werke zweier großer Komponisten, die aber unterschiedlicher kaum sein könnten.

Den Anfang machte Nicola Kloss mit Mozarts G-Dur-Flötenkonzert. Martin Göbel, Leiter des Liederkranzes, dirigierte umsichtig und musikalisch differenziert. In den ausgedehnten Solokadenzen konnte Nicola Kloss ihr Können am Instrument unter Beweis stellen: Ohne Orchesterbegleitung schwang sie sich mit feinem Ton und behände tirilierend von höchsten Höhen in tiefste Tiefen und zurück; man fühlte sich in den Herbstwald versetzt, in dem noch ein einziger besonders kälteresistenter Singvogel die Spaziergänger mit seiner Serenade unterhält.

Stück stellte höchste Ansprüche an die  Beteiligten

Die letzten Töne des letzten Satzes gelangen der Solistin und dem Orchester dann derart anmutig und galant getupft, dass im Publikum leises Gekicher aufkam. Über einige kleinere rhythmische und intonatorische Ungenauigkeiten blickte man da gerne hinweg, zumal das Stück trotz aller äußerlichen Leichtigkeit an alle Beteiligten höchste Ansprüche stellt.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Ganz anders Karl Jenkins’ Stabat Mater: In zwölf Sätzen und beinah genauso vielen Stilrichtungen vertont der zeitgenössische walisische Komponist die Trauer, die Maria empfindet, als sie unterm Kreuz ihren Sohn sterben sieht. Am Ende des Werkes steht die Bitte um Erlösung im Paradies. Ein hochdramatischer geistlicher Stoff und ein echtes Mammutwerk, dem sich der Neuburger Liederkranz, Neuburger Madrigalchor und die Windrose, diesmal unter der Gesamtleitung von Werner Lecheler, in beeindruckender Weise als gewachsen erwiesen.

Chor hielt einen strahlenden Schlussakkord aus

Sanft und einfühlsam musizierend eröffneten die Holzbläser das Werk. Der Einstieg des großen Orchesters war daraufhin äußerst effektvoll, trotz anfänglicher Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Dirigent und Percussionisten, die jeweils mehrere Meter voneinander entfernt standen. Das Schwert, das Maria metaphorisch ins Herz fährt, wurde musikalisch sehr plastisch dargestellt: Der Chor hielt einen strahlenden Schlussakkord aus, während sich darunter die Orchesterstimmen farbenreich schrittweise verschoben. Schön musiziert!

Im zweiten Satz „Incantation“ sang die Alt-Solistin Nicole Küffner einen altarabischen Text, ein Mariengebet, voll von morgenländisch anmutenden Floskeln, spärlich begleitet und mit emotional aufwühlender Stimmfarbe vorgetragen. Gegen Anfang des Satzes schlug dazu die Kirchenglocke (genau in der Tonart des Stücks!) Dreiviertel fünf. Um exakt dieses Nebeneinander der Kulturen geht es Karl Jenkins: Dem lateinischen Text stellt er bedeutungsgleiche englische, aramäische, hebräische und griechische gegenüber. Die Trauer und Sorge einer Mutter um ihr Kind ist universell und wird somit überall rund ums Mittelmeer gleich empfunden. Eine wirklich brandaktuelle Botschaft, ein Aufruf zu mehr Nächstenliebe und zu einem unvoreingenommenen Umgang miteinander.

Ursula Maxhofer-Schiele, die dritte Solistin des Abends, sang im vierten Satz ein berückend schönes Klagelied („Lament“), das direkt einem Musical entsprungen sein könnte. Ihre Altstimme verlor ihre große Wärme und helle Vokalfärbung auch in tieferer Lage nicht und glich damit dem ebenso wohlklingenden Solo-Englischhorn, das sich zu ihr gesellte. Die überraschende Schlusswendung mit Oktavsprung nach oben musizierte sie einfach nur bezaubernd.

Passend zur aufgehellten musikalischen Stimmung

Der einzige Text des siebten Satzes „And the mother did weep“ („Und die Mutter weinte“) wird in vier alten Sprachen wiederholt. Jenkins-Jüngern dürfte die Musik als „Amaté Adea“ aus den „Songs of Sanctuary“ bekannt sein. Passend zur aufgehellten musikalischen Stimmung funktionierten jetzt auch wieder die Scheinwerfer, die während des sechsten, düsteren Satzes „Now my life is only weeping“ ausgefallen waren.

Im achten Satz „Virgo virginum“ wird der Chor nur durch wassertropfenartig gezupfte Streichinstrumente unterstützt. Die Intonation wackelte hier leider mitunter bedenklich, was nach fast anderthalb Stunden ununterbrochenen Stehens und einer Stunde grundsoliden Singens aber mehr als verzeihlich ist.

Nach einer großen Schlusssteigerung im letzten Satz „Paradisi Gloria“ erhob sich das Publikum fast wie ein Mann, um langen, wohlverdienten Applaus zu spenden.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20DSCN6380(1).tif
Neuburg

Madrigalchor: Weihnachten durch alle Zeit

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen