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Urteil

11.05.2015

Franziskas Mörder: Ein Einblick in ein verpfuschtes Leben

Der Angeklagte Stefan Bauer wird wegen Mordes an der zwölfjährigen Franziska zu lebenslanger Haft verurteilt.
Bild: Armin Weigel/dpa

Stefan Bauer ist früh ein Außenseiter. Es folgen Arbeitslosigkeit, Gefängnis und nun lebenslange Haft für den Mord an Franziska. Doch was passiert, wenn er wieder freikommt?

Es ist 11.45 Uhr, als Stefan Bauer ein letztes Mal mit Fußfesseln aus dem großen Sitzungssaal des Ingolstädter Landgerichts geführt wird. Eskortiert von fünf Polizisten und Justizbeamten, unter den Blicken von 70 Prozessbeobachtern, schlurft der bullige 27-Jährige leicht gebeugt nach draußen und verschwindet für sehr lange Zeit von der Bildfläche. 16 Verhandlungstage hat es gedauert, ihm die Entführung und den brutalen Sexualmord an der zwölfjährigen Franziska aus dem oberbayerischen Möckenlohe nachzuweisen. Jetzt hat er lebenslang bekommen. Lebenslang mit besonderer Schwere der Schuld wegen Mordes, besonders schwerer Vergewaltigung, besonders schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und Freiheitsberaubung mit Todesfolge. Das Urteil ist rechtskräftig.

Zum ersten Mal sind die Eltern des Opfers da

Aber Bauer ist nicht der Einzige, der lebenslänglich bekommt. Lebenslänglich ist auch der Schmerz, den Franziskas Eltern erlitten haben. Sie sind dabei, als die Kammer das Urteil fällt. Zum ersten Mal überhaupt im Verfahren muten sie sich zu, dem Mörder ihres Kindes gegenüberzusitzen. Es kostet sie sichtlich Kraft. Als Landgerichts-Vizepräsident Jochen Bösl in der Urteilsbegründung das Verbrechen so behutsam wie möglich rekonstruiert, kann die Mutter die Tränen nicht zurückhalten. Eine Psychologin und Nebenklagevertreterin Petra Kerschner halten ihre Hände.

„Meine Mandanten wollten einmal den Mann sehen, der ihnen so unsägliches Leid zugefügt hat“, sagt die Rechtsanwältin im Namen von Franziskas Eltern. „Sie sind jetzt, eineinviertel Jahre nach der Tat, noch immer in Schockstarre und werden nie wieder zu einem normalen Leben zurückkehren.“

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Blickkontakt zwischen dem Ehepaar, das sein einziges gemeinsames Kind verloren hat, und dem Mörder gibt es nicht. Die Eltern weichen ihm aus, obwohl zwischen ihnen nur der leere Zeugenstuhl steht. Und auch Stefan Bauer vermeidet noch konsequenter als sonst, jemanden direkt anzuschauen. Zwischendurch legt er minutenlang seinen Kopf auf die Arme, die er auf dem Tisch verschränkt hat, und erweckt den Eindruck, zu schlafen. Dann wieder streicht er mit lässiger Geste die schulterlangen strähnigen Haare nach hinten. Was in ihm vorgeht, lässt er nicht erkennen. Gefühlsregungen leistet er sich nur, als Fotografen ihn vor und nach dem Prozess am Hintereingang des Landgerichts erwarten. Dort streckt er ihnen den Mittelfinger entgegen.

Haftstrafe wegen Besitzes von Kinderpornografie

Die Verhandlung selbst lässt er auch am letzten Tag stoisch über sich ergehen – als Bösl vom „unermesslichen Leid“ spricht, von „Franziskas Ängsten und Qualen, die man sich gar nicht vorstellen mag“, als er das „zerstörte Leben der Eltern“ erwähnt, „die mit Sicherheit lieber ihr eigenes Leben hingegeben hätten“. Und auch, als der Richter noch einmal an Bauers Leben und die Ereignisse des Mordtages erinnert. Ein Scheidungskind sei er gewesen, mit einem rabiaten Vater und einer überbehütenden Mutter. Völlig unselbstständig, ein Außenseiter mit dem Ruf eines Schlägers, der sich rechtsradikale Attitüden gab; wohl nur, um zu provozieren. Zwei abgebrochene Lehren, gescheiterte Beziehungen, Arbeitslosigkeit und Haftstrafen wegen Besitzes von Kinderpornografien kennzeichnen sein Leben.

Im Dezember 2013 wurde Bauer zuletzt aus der Haft entlassen. Am 22. Januar 2014 kaufte er sich den türkisfarbenen Toyota, in dem er praktisch lebte und mit dem er ständig durch die Gegend fuhr, ohne Führerschein, ohne Zulassung, ohne Versicherung. In dem er saß, wenn er per Internet tausende von Kontakten pflegte, die in erster Linie eindeutige sexuelle Angebote waren. „Stefan Bauer hat zunehmend in einer virtuellen Parallelwelt gelebt“, sagt der Vorsitzende Richter.

Dann kam jener 15. Februar 2014. Bauer parkte gegen 14.30 Uhr auf dem Skaterplatz in Nassenfels im Kreis Eichstätt. Dort spielten Franziska und zwei Freundinnen. Bauer, der von sich sagt, junge Mädchen besonders gern zu haben, beobachtete sie. Gegen 17.15 Uhr folgte er ihnen. Franziska verabschiedete sich und wollte auf dem Radweg nach Möckenlohe fahren. Sie fühlte sich von dem Toyota verfolgt und schickte SMS an Freundinnen, in denen sie ihre Angst vor dem unheimlichen Mann schilderte.

„Stefan Bauer schnitt Franziska den Weg ab, hielt ihren Lenker fest und forderte sie auf, sich auf den Beifahrersitz zu setzen, was sie aus Angst auch tat“, sagt Bösl. „Es gibt keine Hinweise, dass er das Mädchen gewaltsam ins Auto gezerrt hat. Aber natürlich ist Franziska nicht freiwillig eingestiegen. Sie hat fürchterlich Angst gehabt.“ Gegen 17.35 Uhr raste Bauer mit dem Kind Richtung Neuburg. Er vergewaltigte Franziska, dann fügte er ihr am Ratheiweiher schwerste Verletzungen im Brustraum und am Kopf zu. Spätestens um 18.50 Uhr war sie tot.

Bauers Persönlichkeit gibt keine Hinweise auf verminderte Steuerungs- und Einsichtsfähigkeit. Ein Gutachter erkannte weder Psychosen noch schwere seelische Abartigkeit, auch nicht erwähnenswerten Alkohol- und Drogenkonsum. Auch Pädophilie wurde verneint. Allenfalls habe Bauer pädophile Neigungen. Jedoch sei sein Sozialverhalten in gewisser Weise gestört, vor allem ist eine Gefühlskälte anderen Menschen gegenüber erkennbar.

Der Verurteilte hat noch eine Chance

Jetzt muss Bauer lebenslänglich hinter Gitter. Das bedeutet „grundsätzlich bis zum Tod“, so Bösl. Dennoch heißt lebenslänglich zunächst einmal nicht unter 15 Jahre. Danach wird geprüft. „Solange ein zu lebenslanger Freiheitsstrafe Verurteilter gefährlich ist, wird er auch lebenslang verwahrt.“ Aber um dem Grundsatz der Menschenwürde und auch dem christlichen Menschenbild zu entsprechen, könne man einem Verurteilten nicht die Chance nehmen, durch sein eigenes positives Verhalten seine Entlassung herbeizuführen. Durch die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld verzögere sich eine vorzeitige Entlassung. Im Durchschnitt, so Bösl, sitzt so ein Strafgefangener 24 Jahre.

Doch was dann? Franziskas Mörder wäre dann etwa 50. Er hat keine Freunde, er hat kein Zuhause, er hat keine Arbeit, er hat kein Geld. Keinerlei Lebensperspektive. Wird er im Gefängnis an sich gearbeitet haben? Wird er Therapien gemacht haben? Niemand kann ihn dazu zwingen. Oder hat Bauer bis dahin im Knast eine „Schule des Verbrechens“ besucht? Wird dann, in etwa 24 Jahren, eine tickende Zeitbombe das Gefängnis verlassen?

Diese Frage stellt sich in solchen Fällen immer. Auch bei Michael W., dem Mörder der kleinen Vanessa aus Gersthofen. Es gibt Parallelen zum Fall Franziska. Beide Mädchen waren Zufallsopfer. Beide Täter weisen psychische und soziale Störungen auf. Michael W. wurde 2002 zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilt. Mehr gab das Strafrecht damals nicht her. 2012 ordnete das Landgericht Augsburg die nachträgliche Sicherungsverwahrung an, weil W. weiter eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. Bis jetzt hat diese Entscheidung Gültigkeit.

Wegsperren oder resozialisieren?

Doch Michael W. ist vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gezogen. Er ist heute 33. Wie auch immer das Gericht urteilt: Allen muss klar sein, dass dieser Mann irgendwann in Freiheit kommen wird. Und dann?

Wegsperren oder resozialisieren? Das ist auch eine politische Frage. Es hilft, wenn man sich Zahlen anschaut. Nur vier Prozent der Häftlinge in Deutschland bleiben tatsächlich ihr Leben lang im Gefängnis. Weil sie dort sterben. Oder weil sie weiter für gefährlich gehalten werden und auf der Grundlage von Gutachten hinter Gittern bleiben.

Die große Mehrheit der Verbrecher kommt also irgendwann frei. Das ist ein Fakt, auch wenn manche Politiker so tun, als ob Wegsperren ein Patentrezept wäre. Fakt ist auch, dass die deutschen Gesetze das Wegsperren nur in einem beinahe verschwindend geringen Teil der Fälle erlauben. „Wegsperren ist nicht resozialisieren, stattdessen dominieren die Einflüsse der Knast-Subkultur“, sagt Professor Bernd Maelicke, einer der bekanntesten Experten in Deutschland auf dem Gebiet der Kriminalpolitik und ein Fachmann für Strafvollzug.

Der Staat steckt in einem Dilemma. Nach Maelickes Berechnungen kostet der Strafvollzug bundesweit rund 4,5 Milliarden Euro jährlich – und sei weitgehend erfolglos. Maelicke spricht von einem „Drehtürvollzug“. Jedes Jahr werden nach seinen Angaben rund 50000 Menschen in Deutschland aus den Gefängnissen entlassen. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Passau. Mehr als die Hälfte wird innerhalb von fünf Jahren wieder rückfällig, kommt also wieder ins Gefängnis. Das zeigt eine Studie im Auftrag des Bundesjustizministeriums.

Werden Mörder rückfällig?

Die Zahlen unterscheiden sich nach Alter und Delikten stark. Jugendliche werden häufiger rückfällig als 50-Jährige. Mörder werden statistisch betrachtet relativ selten rückfällig, Sexualtäter wiederum häufiger. Und Drogensüchtige werden fast immer rückfällig.

Die Untersuchung des Ministeriums hat auch ergeben, dass sich die Rückfallquoten in den Bundesländern erheblich unterscheiden. Wer gut abschneidet und wer schlecht, bleibt aber geheim. Die Zahlen werden nicht veröffentlicht – sehr zum Unwillen von Maelicke. So, wie sich diese Zahlen unterscheiden, unterscheidet sich auch der Strafvollzug. Die Gefängnisse und die Art und Weise, wie mit Gefangenen umgegangen wird, ist Ländersache. Traditionell wird in Nordrhein-Westfalen oder Berlin weitaus mehr offener Vollzug praktiziert als in den süddeutschen Ländern. Bayern verfolgt eine härtere Linie. Man erfährt aber nicht, wer erfolgreicher ist bei der Senkung der Rückfallquoten.

Ein Problem eint nach Ansicht von Maelicke alle Länder: Die Resozialisierung beginnt zu spät. Erst, wenn die Gefangenen vor das Knast-Tor gesetzt werden. Maelicke sagt: „Ein Jahr vor der Entlassung muss ein spezielles Eingliederungsprogramm anlaufen.“ Die Betroffenen sollten gecoacht und nach der Entlassung begleitet werden. Bei Bedarf auch im Schlüssel 1:1. Das ist personalintensiv und teuer. „Am teuersten ist aber ein erfolgloser Vollzug, der eine hohe Rückfallquote einbringt.“ Dann müssen die Opfer die materiellen und immateriellen Schäden ertragen.

Die Chance auf ein Leben in Freiheit liegt für Stefan Bauer in weiter Ferne, als er gestern um 11.45 Uhr ins Gefängnis zurückgebracht wird. Zur Beruhigung jener, die es nur gerecht finden, die Öffentlichkeit lange vor ihm zu schützen. Und im Gedenken an Franziska, die die Chance auf ein langes Leben erst gar nicht hatte.

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