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Welt-Alzheimertag

21.09.2018

Gemeinsam ist man weniger allein

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2 Bilder
Antonie Ledl (links) und Rita Mendler (rechts) mit Hündchen Paule im Wohnbereich der WG. <b>Fotos: Silke Federsel</b>

In einer Ingolstädter Wohngemeinschaft leben Senioren, die an Demenz erkrankt sind. Die Betreuer sind dort mehr wie Familienmitglieder. Über ein besonderes Projekt

Ingolstadt Gemeinsam ist man weniger allein – das ist eigentlich das Grundprinzip jeder Wohngemeinschaft. Denn wer sich schon einmal, etwa während des Studiums, eine Wohnung mit anderen geteilt hat, der weiß: das Plus sind nicht nur die geteilten Kosten, sondern es ist auch das gemeinschaftliche Leben, das man zusammen bestreitet. Jeder hat zwar sein persönliches Schlafzimmer, doch das eigentliche WG-Leben findet meist in der Wohnküche statt – dort wird zusammen gegessen, gekocht, gefeiert, gequatscht und gelacht. Ähnlich verhält es sich auch in der Neidertshofener Straße in Ingolstadt, unweit des Westparks – nur dass es sich dort bei den Bewohnern nicht um junge Studenten, sondern um durchaus betagte Senioren handelt. Und fast alle haben eine Demenzerkrankung.

In den beiden von der Ingeniumstiftung initiierten Häusern „Helmut“ und „Mathilde“ – benannt nach den Gründern der Stiftung, dem Ehepaar Greil – leben je acht Senioren. Manche sind schon stärker pflegebedürftig, andere noch sehr agil. „Jeder hat sein eigenes Zimmer, das er selbst einrichten kann und das als Rückzugsort dient“, sagt Winfried Teschauer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Ingenium-Stiftung.

Doch dahin sollen sich die Senioren eben nicht, wie in vielen Pflegeheimen, den ganzen Tag zurückziehen, sondern sich viel mehr in den Gemeinschaftsräumen aufhalten. Dort isst man gemeinsam, spielt zusammen oder singt – eben wie in einer Familie. „Unser Grundgedanke hinter dem Konzept ist: Man ist hier eben zuhause und nicht in einem Heim“, sagt Teschauer. Dazu gehört auch, dass die Bewohner selbst, beziehungsweise, wenn sie das eigenständig nicht mehr können, ihre Angehörigen alle wichtigen Entscheidungen treffen, die den Alltag anbelangen.

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Sie wählen so auch etwa einen Pflegedienst aus, der rund um die Uhr vor Ort ist und sich neben den pflegerischen Aufgaben, auch um Betreuung und Beschäftigung kümmert. „Die Pflege soll nicht so sehr präsent sein und es soll weiterhin die Normalität gewahrt werden“, sagt Brita Wellnitz. Sie ist mit ihrem Mann Jörg in der Ingolstädter Wohngemeinschaft für das Pflege- und Betreuungskonzept Konzept und dessen Umsetzung verantwortlich. Ein deutlicher Vorteil ist auch die Zeit, die die Pflege-und Betreuungskräfte in der Wohngemeinschaft für die Bewohner aufbringen können, sagt Jörg Wellnitz. So kann man auch viel stärker auf die Wünsche der Bewohner eingehen und diese respektieren. Denn wer auch schon daheim immer gerne im Morgenmantel zum Frühstück erschienen ist, der darf das auch hier gerne beibehalten. Auch der ein oder andere spezielle Wunsch wird gerne erfüllt. Eine Bewohnerin wünscht sich beispielsweise, dass ihr nach dem Duschen immer die Füße geföhnt werden. „Das ist natürlich in einem klassischen Pflegeheim aus Zeitgründen selten möglich. Dort steht halt meist die Pflege im Vordergrund und nicht der Mensch“, sagt Jörg Wellnitz. Hier sei es genau umgekehrt.

„Wenn hier jemand neu anfängt, dann sage ich, verhalte dich so, als wärst du bei deiner Oma zuhause“, sagt Brita Welnitz. Das heißt, man hilft einfach gerade, wo man gebraucht wird und man bindet die dementen Senioren in den Alltag ein. Man faltet zusammen die Wäsche, man räumt den Tisch ab und lässt die Bewohner auch beim Kochen mithelfen.

Überhaupt sollen die Betreuungskräfte dort vielmehr als Familienmitglieder denn als reine Pfleger wahrgenommen werden. Aber auch die Angehörigen spielen nach wie vor eine wichtige Rolle, denn sie bringen sich in den Alltag ein, sitzen beim Essen mit am Tisch, organisieren Feste, topfen Blumen um oder jäten im Garten schon einmal Unkraut – denn sie kommen ja eigentlich zu ihren Verwandten nach Hause und besuchen die nicht im Heim. „Das Engagement der Familie ist gewünscht und auch gefragt“, sagt Teschauer.

Auch Christian Ledl bringt sich gerne in den Alltag seiner Mutter Antonie ein. Beim Nachmittagskaffee spielt er beispielsweise Klavier – sehr zur Freude aller Mitbewohner und Pflegekräfte. Als die Krankheit bei Antonie Ledl immer weiter fortschritt, sie nicht mehr ans Telefon ging, Probleme mit dem Tag- und Nachtrhythmus entwickelte, da erkannte die Familie, dass man sich professionelle Hilfe suchen muss und sie nicht mehr allein leben kann. „Es war schon eine schwierige Entscheidung“, erinnert sich Christian Ledl mit Blick auf die Betreuungsmöglichkeiten. Ein Heim kam nicht infrage und auch bei einer Pflegekraft, die bei der Seniorin einziehen könnte, war man skeptisch. „Man weiß ja nicht, wen man bekommt“, sagt Christian Ledl. Als man von der Demenz-WG erfahren hatte, entschied sich die Familie dafür, denn das Konzept sprach alle an – vor allem auch Antonie Ledl, die freudestrahlend Brita Wellnitz’ Hündchen „Paule“ begrüßt und neben ihrer Mitbewohnerin Rita Mendler auf dem Sofa Platz genommen hat. Rita Mendler ist geistig noch sehr fit und rege, bei ihr sind es mehr die körperlichen Einschränkungen, die sie dazu veranlasst haben, zunächst einmal ins Betreute Wohnen einen Stock über der WG zu ziehen. Doch als dann die Vergesslichkeit zunahm, da entschied sie sich im Haus umzuziehen und zur Senioren-WG zu wechseln. Bereut hat sie diesen Schritt nicht. „Ich fühle mich hier sehr wohl“, erklärt sie.

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